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Kalter Krieg im Containerhafen

PlayWindkraft-Rotoren in einem chinesischen Hafen
Kalter Krieg im Containerhafen | Video verfügbar bis 28.04.2022 | Bild: Imago

– Rolle Chinas in der Weltwirtschaft wird immer stärker
– Forscher und Firmen fordern härtere Gangart von Europa
– Produktion wird aus Billiglohnländern zurückgeholt

Apotheker Thomas Preis hat seit einigen Jahren ein Problem, das eigentlich nichts mit Corona zu tun hat. In seinem Medikamentenlager herrscht regelmäßig gefährliche Leere. Medikamente wie Blutdrucksenker, Antibiotika, entzündungshemmende Schmerzmittel, die täglich benötigt werden, sind immer wieder monatelang nicht lieferbar. Die Konsequenz für die Patienten: Es bestehen die Gefahr, dass sie Medikamente nehmen müssten, die sie nicht so gut vertragen, erklärt Preis. Der Grund für den Mangel: Fast alle Wirkstoffe, die in Deutschland verkauft werden, stammen aus Asien und vor allem aus China.

Lässt sich die Entwicklung zurückdrehen?

"Deutschland war mal die Apotheke der Welt", so Thomas Preis: "Jetzt findet Arzneimittelproduktion nur noch in China und Indien statt. Die Konsequenz ist, dass die Politik sofort handeln muss. Die Produktion muss zurück nach Europa, wir sind uns aber auch bewusst, dass das sehr lange dauern wird." Immerhin hat die EU beschlossen, dass sich daran etwas ändern soll - aber ob sie eine jahrzehntelange Entwicklung einfach zurückdrehen kann?

Risiko des Handelskriegs zwischen den USA und China

1956 sagte Mao, dass China im Jahr 2001 zu einem "mächtigen sozialistischen Industrieland" geworden sei. Damit bewies er Weitblick: Wo westliche Firmen nur von Quartalsbericht bis Jahresabschluss planen, wurde China mit jahrzehntelanger Strategie größte Volkswirtschaft der Welt, ist längst Deutschlands wichtigster Handelspartner. China liefert so viele Waren, dass aktuell sogar die Container knapp werden. Und selbst bei Containern ist China längst der größte Anbieter, fast schon Monopolist.

Und über allem hängt langfristig das Risiko eines Handelskrieges zwischen den Rivalen China und USA, bei dem Europa zwischen den Fronten stünde. Seit Jahrzehnten haben europäische Firmen immer mehr Produktionen nach Asien verlagert oder sich zunehmend auf dortige Vorlieferanten verlassen. Inzwischen haben einige von ihnen schon gemerkt, dass das auch echte Nachteile hat.

Rückkehr aus den Billiglohnländern

Etwa der Spielwarenhersteller Märklin. Dort hatte man mit langen Lieferzeiten und Qualitätsproblemen zu kämpfen. Seit acht Jahren werden die Modelleisenbahnen wieder in Deutschland produziert – mit guten Zahlen. Ähnliche Erfahrungen haben Bosch und Rowenta gemacht und ebenfalls die Produktion nach Europa zurückverlagert. Ein wachsender Trend – auch weil moderne Technologie und Automatisierung die Produktion in Billiglohnländern teilweise überflüssig machen.

Das beobachten Wirtschaftswissenschaftler seit Jahren, denn Arbeits- und Lohnkosten hätten einen immer geringeren Anteil an den Gesamtkosten eines Produkts, sagt Professor Steffen Kinkel von der Hochschule Karlsruhe Technik und Wirtschaft. "Gleichzeitig steigen die Löhne in manchen Niedriglohnländern wie beispielsweise China an. Das führt dazu, dass insgesamt in Relation Hochlohnländer im Vergleich zu Niedriglohnländern wieder attraktiver werden."

Kompetenzen gehen verloren

Mittlerweile werden sogar Mobiltelefone wieder in Deutschland hergestellt. Bei Gigaset in Bocholt. Viele Roboter, wenig Menschen bauen vergleichsweise einfache Smartphones zum Einsteigerpreis. Große Stückzahlen und High-End-Geräte werden hier allerdings nicht gebaut.

Das Problem: "Manche Kompetenzen sind schlichtweg in der deutschen Industrie nicht mehr da", so Steffen Kinkel. Daher werde man auch in Deutschland "weiterhin von globalen Lieferketten abhängig sein." Aktuell muss beispielweise die Automobilindustrie ihre Produktion drosseln, weil der Nachschub an Mikrochips aus Taiwan stockt. Wenn künftig Elektroautos zum Normalfall werden, droht ähnliches mit Akkus. China ist für diese Schlüsseltechnologie heute der mit Abstand größte Lieferant. Hier droht massive Abhängigkeit.

Subventionen für chinesische Firmen

Das hat auch die Politik begriffen und fördert mit Milliarden den Aufbau einer Produktion in Deutschland. Aber auch da ist China ganz vorne mit dabei. Aktuell sind in etwa in Thüringen und im Saarland zwei Akkufabriken im Bau, die mit staatlichen Subventionen gefördert werden. Investoren und Bauherren: CATL und sVolt – zwei chinesische Unternehmen.

Xi Jinping, heutiger Staatspräsident von China, sagte 2018: "Wir werden uns bemühen, die fortgeschrittenen Länder einzuholen und letztlich zu übertreffen, in Schlüsselbereichen führend zu sein.“ China hat jahrzehntelang Knowhow aufgesaugt, westliche Technologie kopiert und das Ziel, in Schlüsselbereichen führend zu werden, nie aus den Augen verloren – in vielen Bereichen schon sehr erfolgreich.

Härtere Gangart gegen China gefordert

Welche Auswirkungen das haben kann, zeigt das Beispiel Huawei, dem Weltmarktführer im Bereich moderner 5G-Mobilfunknetze. Es gab Befürchtungen, dass China mit Hilfe von Huawei den internationalen Datenverkehr abhören oder mit einem versteckten Ausschalter vielleicht sogar lahmlegen könnte. Die USA verboten Huawai-Technik im eigenen Land, Deutschland nicht. Wohl auch, um China nicht zu verärgern.

China-Forscher halten wenig von einem solchen Verhalten. "Solche Zurückhaltung bei extrem wichtigen Themen ist aus meiner Sicht falsch", sagt Max J. Zenglein vom Mercator Institute for China Studies. "Wir sehen das am Beispiel von Japan, wo man trotz einer sehr wichtigen Beziehung mit China nicht davor zurückgeschreckt ist, chinesische Anbieter bei 5G-Netzwerken auszuschließen."

Schikanen unter dem Deckmantel Corona?

Mehr Mut gegenüber China wünscht sich auch Frimo aus der Nähe von Osnabrück. Frimo ist Weltmarktführer für Spezialmaschinen, mit denen Kunststoffteile für Autos produziert werden – auch in China. Angeblich wegen Corona lässt China im Moment deutsche Monteure nur noch mit absurd langen Quarantäneregeln einreisen, selbst wenn sie negativ getestet sind. Frimo kann vor Ort seine Maschinen nicht mehr montieren. "Die chinesischen Wettbewerber machen massiv Werbung damit, dass Sie immer noch vor Ort sind, dass sie Anlagen in Betrieb nehmen können und nutzen das als Wettbewerbsvorteil im Markt", so Christof Bönsch von Frimo. Das Unternehmen versucht nun, mit Datenbrillen und Fernwartung die Arbeit eigener Monteure vor Ort zu ersetzen und chinesische Monteure mit Online-Hilfe anzuleiten. Der Noch-Weltmarktführer würde sich wünschen, die Politik möge gegen solche chinesischen Schikanen vorgehen.

Noch gibt es eine Abhängigkeit Chinas vom Westen

Auch Chinaforscher Zenglein glaubt, dass die Politik solche Konflikte durchaus offensiv ausfechten sollte. "Dass es mehr Konflikte und Reibereien gibt führt auch dazu, dass ein Austausch offener ist und China und Europa sich in einigen Bereichen auseinanderdividieren – aber in anderen Bereichen eine ehrlichere Beziehung führen." Zurück zu Xi Jinping. Der erklärte 2018: "Nur mit Selbstvertrauen kann eine Nation auf dem Weg in die Zukunft stetig voranschreiten." Noch sind die Chinesen durchaus auch vom Westen abhängig und brauchen hochkarätige Technik Made in Germany. Aber wenn wir nicht aufpassen, ist das irgendwann vorbei.

Bericht: Michael Houben (WDR)

Stand: 29.04.2021 08:42 Uhr

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