SENDETERMIN Mi., 19.08.20 | 21:45 Uhr | Das Erste

Fluggesellschaften verkaufen Extraplätze für mehr Abstand

PlayBoarding in einem Flugzeug, Fluggäste tragen Maske
Fluggesellschaften verkaufen Extraplätze für mehr Abstand | Video verfügbar bis 19.08.2021 | Bild: imago / Sven Simon

- Airlines bieten in der Coronakrise Extraplätze
- Das Angebot richtet sich an Menschen, die im Flugzeug auf Abstandsregeln achten wollen
- Fiktive Platzbuchungen sind aus Kundensicht nicht zu empfehlen

Die bisherige offizielle Kommunikation der deutschen Airlines in Bezug auf Covid-19 ist einfach: Fliegen ist sicher, die Luft so gut wie im OP. "Allerdings teile ich den OP nicht mit hundert anderen Leuten“, so der Kommentar eines skeptischen Fluggasts. Weitere Kunden teilen offenbar die Bedenken. Die Folge: Die Passagierzahlen liegen weit hinter den Erwartungen der Airlines. Sie hatten gehofft, zu den Ferien wieder bei rund 50 Prozent Auslastung zu sein. Nach ersten Schätzungen liegt die Auslastung der vergangenen Monate bei rund 15 bis 20 Prozent.

Das Problem der Airlines ist offensichtlich: Um wirtschaftlich erfolgreich zu sein, müssen die Flugzeuge möglichst voll besetzt sein. Das steht allerdings dem häufigen Kundenwunsch nach mehr Abstand im Flugzeug entgegen.

Zusätzliche Plätze: nur bei Verfügbarkeit

Nun versuchen die Airlines beides zusammen zu bringen und verkaufen derzeit Abstands-Sitze. Prominent werben die Lufthansa-Tochter Eurowings und Condor damit. Lufthansa, Ryanair, Air France und Easyjet bieten es auch an, aber bewerben es derzeit nicht stark.

Auch schon vor Corona konnte man bei Airlines Extra-Plätze buchen. Allerdings war es eher ein Nischenprodukt, das beispielsweise stark übergewichtige Menschen nutzten oder es wurde für den Transport eines wertvollen Instruments verwendet, das man nicht als normales Gepäckstück aufgeben wollte.

Die meisten Airlines bieten Abstandssitze auch momentan nur bei Verfügbarkeit an. Ist die Maschine ausgebucht, kann kein zusätzlicher Platz gebucht werden. Einmal einen solchen Platz gebucht, versprechen die Airlines allerdings, diesen nicht weiter zu verkaufen oder wegen Überbuchung nicht mit einem Passagier zu besetzen.

Zusatzplätze bei ausgewählten Airlines:

AirlinePreisBuchungBezeichnungNachbuchbar?
LufthansaVariabel, keine genauen AngabenNur über Call-Center"Extras Seat for Comfort"unklar
Eurowingsab 18 Euro, 60 Prozent vom TicketpreisNur über Call-CenterMittelsitz-Optionja, bei Verfügbarkeit
Condorab 39,99 Eurowährend Online-Check-in oder am FlughafenExtrasitzunklar
Ryanairvoller TicketpreisOnline, beim zweiten Sitz als Nachname "Komfortsitzplatz" und unter Vorname "zusätzlicher" eingebenKomfort-
sitzplatz
ja, bei Verfügbarkeit
Easyjetjeweiliger Normaltarifonline über Buchungen verwalten, dann "zusätzlicher Sitzplatz" hinzufügenzusätzlicher Sitzplatzunklar
Air France75 Prozent vom Ticketpreisüber "Saphir" (Call-Center)zweiter Sitzplatzja, bei Verfügbarkeit

Fallstrick „no-show“

Wer den Extraplatz haben möchte, sollte nicht einfach ein normales, zusätzliches Ticket buchen und einen fiktiven Passagier eintragen. Denn dann läuft man Gefahr, dass dieser Platz mit einem anderen Passagier besetzt wird, wenn das Flugzeug voll wird. Das geht, weil die Airlines sogenannte No-Show-Regeln in ihren ABB (Allgemeinen Beförderungsbedingungen) haben. Wenn ein Passagier nicht erscheint, darf die Airline den Platz demnach weiterverkaufen. Der abstandsuchende Passagier müsste also akzeptieren, dass ein von ihm bezahlter und gebuchter Platz einfach neu besetzt wird.

 Kritik vom Anwalt: "Systematischer Vertragsbruch"

Diese No-Show-Regel ist Grundlage für das sogenannte Überbuchen, das heißt, die Airlines verkaufen mehr Tickets, als sie Plätze im Flugzeug haben. In der Regel geht das gut auf, denn ein Algorithmus kann in normalen Zeiten anhand verschiedener Parameter und Daten meist sehr genau voraussagen, wie viele Passagiere nicht zum Flug erscheinen. Dann fällt es nicht auf. Verrechnet sich der Algorithmus, können Passagiere nicht mitgenommen werden. Mit kleinen Geschenken versuchen die Airlines dann Freiwillige zu finden, die bereit sind, einen anderen Flug zu nehmen. Meist gelingt dies und so bleibt es ein lohnendes Geschäft für die Airlines.

Es gibt allerdings auch Kritiker des Überbuchens: "Das ist systematischer Vertragsbruch“, so Matthias Böse, Anwalt aus Düsseldorf. Er vertritt Kunden, die aufgrund solcher Überbuchungen nicht mitfliegen konnten. "Den Schadenersatz muss dann der Kunde einklagen“, so Böse weiter. Dieser müsse den Schaden belegen, häufig sogar klagen und das Geld erstreiten.

BGH urteilte zu Gunsten der Airlines

Der BGH hat allerdings bereits 2010 die entsprechenden Regeln in den ABB der Airlines legitimiert. Aber aus einem anderen Grund: zum Schutz des teuren deutschen Tarifsystems. Denn die No-Show-Regeln werden auch dazu verwendet, dass Passagiere von Flügen ausgeschlossen werden, weil sie nur eine Teilstrecke nutzen wollen.

Einige aufgeklärte und preisbewusste Kunden nutzten häufig aus, dass beispielsweise der Flug Wien-Frankfurt-New York günstiger zu haben ist als der Flug Frankfurt-New York. Sie stiegen dann einfach erst in Frankfurt dazu. Theoretisch also kein Schaden für die Airline – im Gegenteil. Doch damit wurden teure deutsche Ticketpreise umgangen. Der BGH hatte daraufhin geurteilt: Airlines dürfen ihr Tarifsystem schützen und Passagieren den Flug dann verweigern, wenn sie später zusteigen.

Autor: Jens Gerke

Stand: 20.08.2020 12:09 Uhr

9 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

Mi., 19.08.20 | 21:45 Uhr
Das Erste

Produktion

Westdeutscher Rundfunk
für
DasErste