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Schlechte Noten fürs digitale Homeschooling

PlayEin Junge sitzt an mit einem Tablet-Computer an seinem Schreibtisch zuhause und macht Schulaufgaben
Schlechte Noten fürs digitale Homeschooling | Video verfügbar bis 19.08.2021 | Bild: Sven Simon / ddp Images

- Die Hälfte der Schüler und Schülerinnen haben zu wenig Zugang zu digitalen Geräten
- Schulen und Lehrer waren nicht ausreichend für Homeschooling gerüstet
- Hilfen fließen jetzt, kommen teilweise aber zu spät

Schulstart in NRW. Leonie Intrup und ihre Mitschüler der 8 E dürfen wieder in die Schule. Gerade für Schüler der Gesamtschule im Essener Stadtteil Vogelheim war der Lockdown nur schwer zu bewältigen. Jeder zweite lebt in einer Familie, die auf Hartz IV angewiesen ist. Viele sprechen zu Hause kein Deutsch, bekommen kaum Hilfe von den Eltern.

Jetzt, nach den Sommerferien, sind sie in die 8. Klasse gekommen. Durch die Schulschließung haben sie aber viel Stoff versäumt. Den müssen sie erst mal nachholen.

50 Prozent der Schüler ohne Laptop oder Tablet

Für den Unterricht auf Distanz waren die meisten der Vogelheimer Gesamtschüler nicht vorbereitet - weder durch die Unterweisung durch ihre Lehrer noch durch Computer oder Tablets zu Hause. In der 8 E haben 8 von 20 Schülern einen Computer, Laptop oder Tablet zuhause.

Die Essener Klasse ist dabei keine Ausnahme. Unter schlechter Ausstattung wie hier leiden viele Schüler. Bundesweit haben genau 50 Prozent der 14-Jährigen weder ein eigenes Tablet noch einen eigenen Laptop.

Bildungsexperte: "Wir haben die Entwicklung verschlafen"

Beim Lernen in der Schule sieht das nicht viel besser aus. Für die 85 Lehrer an der Gesamtschule in Essen stehen 16 Laptops zur Verfügung. Vor drei Jahren wurden zudem Tablets aus dem Schuletat für die Schüler angeschafft. erzählt Wolfgang Poppe, der Medienbeauftragte der Schule. "Wir haben insgesamt knapp 30 Geräte für über 900 Schüler", rechnet er vor.

Für den Bildungsexperten Dieter Dohmen vom Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie ist das keine Überraschung. Er kennt die Vorgeschichte der Digitalisierung: "Wir haben 1995 angefangen, über Schulen ans Netz zu reden, und es ist wenig passiert. Vor zwei Jahren hat man den Digitalpakt beschlossen mit fünf Milliarden. Da ist bis heute fast nichts abgeflossen. Wir haben die digitale Entwicklung im Bildungsbereich schlichtweg verschlafen."

Hausbesuche der Lehrer in Essen

Ausbaden müssen das nicht selten die Lehrer. Dirk van Emmerich ist Klassenlehrer der 8 E, ist mit seinen Schülern sehr vertraut. Das half ihm, als durch Corona der Fernunterricht erzwungen wurde. Damals suchte er andere Wege, mit ihnen im Gespräch zu bleiben, zu schauen, "ob es ihnen gut geht, dass die dann berichten können, wie es so läuft, damit man die mal wieder Face-to-Face hat."

Van Emmerich packte für seine Schüler Pakete mit Lernmaterial und Übungsaufgaben, die er ihnen nach Hause brachte. Unverzichtbar in einem Stadtteil wie dem Essener Norden, wo viele Eltern keine Geräte und kein Internet für ihre Kinder bezahlen können.

Schlechte Platzierung für Deutschland im internationalen Vergleich

Jetzt soll es für die Schüler endlich Tablets statt Zettelwirtschaft geben. Beschlossen haben das Bund und Länder aber erst im Juli. Monate nach dem Lockdown. Ausdrücklich nur für Kinder aus Hartz-IV-Familien. Ein Anfang, immerhin. So ein digitaler Unterricht ist in Deutschland noch die Ausnahme. Andere Länder sind viel weiter, zeigt ein Vergleich der 27 EU-Staaten aus dem vergangenen Jahr, also lange vor Corona. An der Spitze: Estland, Niederlande und Finnland, weit abgeschlagen, auf dem letzten Platz: Deutschland.

Brauchte es eine Krise wie Corona, damit Deutschlands Schulen endlich digital vorankommen? Mathias Richter, Staatssekretär im NRW-Schulministerium, kann das bestätigen: "Ich glaube schon, dass Corona an der Stelle auch eine beschleunigende Wirkung hatte was die Ausstattung mit digitalen Endgeräten, mit digitaler Infrastruktur entsprechend anbetrifft. Es ist deutlich geworden, immer dann, wenn der Präsenzunterricht nicht möglich ist, dass man dann auch auf digitale Infrastruktur zurückgreifen muss. Und das Bewusstsein, dafür auch Geld in die Hand zu nehmen, hat Corona bewegt, das ist völlig klar."

Schülervertreter kritisieren späte Versorgung

Von den Schülern in der Gesamtschule Essen-Nord bekommt nur die Hälfte ein Tablet. Viele andere, ebenfalls aus ärmeren Familien werden ausgeschlossen. Und wer ein Gerät bekommen soll, wird wohl noch Monate darauf warten müssen. Erneut dauert die Hilfe zu lang, kritisiert Moritz Bayerl von der Landesschülervertretung in NRW: "Das hätte man schon im Mai machen können, das hätte man schon im April machen können, und dann wären die Geräte jetzt da. Es wird aber Ende Juli gemacht, wenn die Schulen eh schon im Stress sind, weil sie die Schulgebäude auf das neue Schuljahr vorbereiten müssen. Also alle Hilfen, die kommen, kommen immer zum falschen Zeitpunkt."

Das sieht Bildungsexperte Dieter Dohmen ganz ähnlich: "Bisher sehe ich noch keine große Beschleunigung, es sei denn vom Schneckentempo aufs Rennschneckentempo. Bisher ist viel geredet worden, aber wenig passiert. Und das Treffen der Kanzlerin mit den Kultusministern der Länder und den dort getroffenen Beschlüssen, dass man jetzt endlich Laptops für jeden Lehrer braucht, Breitband für alle Schüler, spricht Bände, wie sehr man auch in Coronazeiten schlichtweg weiter verwaltet hat ohne initiativ zu sein."

 Fortbildung der Lehrer

Aber selbst wenn sämtliche Technik steht, bleibt eine Lücke: die Lehrer brauchen Fortbildung, um für den digitalen Unterricht gewappnet zu sein. Mit digitalen Medien arbeitet in 53 Prozent aller Schulen nur eine Minderheit der Lehrer. "Ich persönlich bin jetzt bisher in der Arbeit mit Schülern da noch nicht so besonders gut drauf vorbereitet", so Klassenlehrer van Emmerich. "Wir sind an der Schule jetzt dabei, uns auch entsprechend fortzubilden. Dass wir also dann auch in der Lage sind, den Schülern das auch entsprechend rüberzubringen."

Auch darauf reagieren Bund und Länder, wie etwa Nordrhein-Westefalen, erst mal wieder mit neuen Ankündigungen: "Wir werden in den kommenden Wochen auch eine umfassende Digitalisierungsstrategie veröffentlichen, wo wir nicht nur über die Ausstattung mit Infrastruktur reden, wo wir auch darüber reden, wie man Lehrkräfte fortbilden und qualifizieren muss."

Bleibt die Hoffnung, dass die Infektionslage die Schulen verschont. Kommt das Virus schneller als die Tablets, sind viele wieder aufgeschmissen, fürchtet Leonie Intrup: "Die [Schüler] kriegen sehr wahrscheinlich dann alle wieder so ein Lernpaket und müssen irgendwie ihre Eltern wegen Aufgaben fragen, die die halt nicht verstehen."

Autoren: H-C Schultze und Gregor Witt

Stand: 20.08.2020 12:49 Uhr

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