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Corona-Pandemie: Wären weniger Krankenhäuser besser?

PlayPflegepersonal auf der Intensivstation
Corona-Pandemie: Wären weniger Krankenhäuser besser?  | Video verfügbar bis 28.10.2021 | Bild: picture alliance/dpa / Marcel Kusch

- Krankenhäuser gibt es genug - was fehlt, ist das Personal
- Experten raten zu weiterer Konzentration von Krankenhäusern
- Der Vorteil wäre eine größere Spezialisierung und bessere Verteilung von Personal

Rund 30 Prozent der Krankenhäuser haben 70 Prozent der Covid-19-Patienten behandelt. Das ergeben Auswertungen von AOK und Techniker Krankenkasse. Meist waren das größere Krankenhäuser, die auf Intensivmedizin spezialisiert sind.

Deutschland hat mit Beginn der Pandemie die Zahl der Intensivbetten aufgestockt. Nach Angaben des DIVI-Intensivregisters gibt es bundesweit rund 30.000 Intensivbetten – das sind im Verhältnis zur Bevölkerungszahl so viele wie in kaum einem anderen Land.

Keine Engpässe bei Intensivbetten und Beatmungsgeräten

Allerdings: Schon in der ersten Welle der Pandemie waren vielerorts nicht die Betten oder die Beatmungsgeräte das Problem – einen Engpass gab es vor allem beim Pflegepersonal, berichten viele Ärztinnen und Ärzte. Denn die Behandlung von Covid-19-Patienten erfordert einen besonders hohen personellen Aufwand.

Experten sagen: Der Engpass könnte abgemildert werden, wenn das Personal nicht auf rund 1.400 Krankenhäuser verteilen wäre. Denn der Bedarf in einem kleinen Haus entzieht Ressourcen für größeren Einheiten – also genau dort, wo sie zum Beispiel in der Pandemie besonders gebraucht werden.

Wer behandelt was? Das ist in Deutschland kaum reguliert

In der Corona-Pandemie hat die Abstimmung zwischen den Kliniken überwiegend sehr gut geklappt: Wer übernimmt die schweren Fälle und wer solche, die nur eine Überwachung brauchen? Das berichten Ärzte und Beobachter.

Im Hinblick auf andere Krankheiten befinden sich die Krankenhäuser und die verschiedenen Träger aber oft im Wettbewerb. Das führt dazu, dass viele Krankenhäuser ein umfassendes Spektrum anbieten wollen. Nur für sieben Behandlungen im Krankenhaus sind sogenannte "Mindestmengen" gesetzlich vorgeschrieben – also wie oft eine Klinik eine Therapie pro Jahr durchführen muss. Sie betreffen nur rund ein Prozent aller Behandlungen in deutschen Krankenhäusern.

Professor Thomas Mansky von der TU Berlin, der seit Jahren die Qualität im Gesundheitswesen untersucht, verweist auf Studien, die zeigen, dass die Sterblichkeit und Komplikationsrate sinkt, je routinierter die Ärzte und das Pflegepersonal in einem Haus sind.

Finanzieller Druck durch Corona-Krise erhöht

Außerdem: 40 Prozent der Krankenhäuser schrieben schon vor der Corona-Pandemie Verluste. Viele von ihnen wurden weitgehend durch öffentliche Mittel am Leben gehalten. Geld, das voraussichtlich bald nicht mehr zur Verfügung stehen wird, wenn Schulden in Rekordhöhe und Steuereinbrüche ausgeglichen werden müssen, die die Corona-Krise verursacht hat.

Auch eine Studie des RWI Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung geht davon aus, dass die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie spätestens ab Herbst nächsten Jahres für die Kliniken zu spüren sein werden. Auch diese Studie kommt zu dem Schluss, dass Schließungen eine nötige Konsequenz sind – auch um die Versorgungsqualität zu verbessern.

Auch Krankenhausgesellschaft für Schließungen

Überraschend zeigt sich jetzt – in dieser Pandemie - auch die deutsche Krankenhausgesellschaft ist offen für die Reduzierung von Krankenhäusern. "Wir könnten ja die öffentliche Meinung nutzen, die im Moment ja den Krankenhäusern sehr zugewandt ist, und auch die politisch Verantwortlichen sind den Krankenhäusern sehr zugewandt. Und könnten sagen: Liebe Leute, Finger weg von jedem Standort, alles soll so bleiben, wie es ist. (…) Aber es gibt Herausforderungen, und die sind durch Corona an der ein oder anderen Stelle nochmal deutlicher geworden“, so Präsident Gerald Gaß.

Auch er sieht Schließungen als Möglichkeit, Ressourcen besser zu verteilen – ohne die Gesundheitsversorgung zu gefährden. "Wir brauchen eine geordnete Strukturentwicklung und die wird in der Zukunft auch bedeuten, dass nicht mehr jedes Bett und jeder Krankenhausstandort erhalten werden kann."

Allerdings müssten solche Standortschließungen umsichtig geplant sein und auf die Sorgen und Belange der Bürger und auch Mitarbeiter eingehen. Das betonen alle von uns befragten Experten.

Autorin: Dorothee Werkmann (WDR)

Stand: 29.10.2020 13:17 Uhr

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