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Stellenabbau wegen Corona?

PlayMonteur in einer Autofabrik
Stellenabbau wegen Corona? | Video verfügbar bis 10.03.2022 | Bild: Imago

– Trotz Milliardengewinnen: Nutzen Unternehmen die Corona-Krise zum Stellenabbau?
– Douglas, H&M und Continental schließen Filialen, Shops und Werke
– Vorwurf: Die Krise wird nur als Vorwand für Umstrukturierungen genutzt

Inwiefern wird Corona vielleicht auch gerne nur als Argument genutzt, um beim Personal auszusortieren oder aber verpasste Umstrukturierungen durchzuboxen?

Beispiel Dougas. Die Kündigung kam per Videoclip von Konzernchefin Tina Müller: "Liebes Douglas-Team, es tut mir von Herzen leid, dass ich euch zusammen mit Nicole heute informieren muss, dass wir unser Filialnetz mehr verkleinern werden…"

56 Filialen von Douglas müssen schließen

Mehr als 500 Mitarbeiterinnen verlieren dadurch ihren Job. Deutschlandweit wurden 56 Filialen geschlossen – das ist jede siebte. Sogar profitable Filialen sind dabei – wie interne Dokumente zeigen, die Plusminus vorliegen. Der Grund für die Schließungen sei, dass unter anderem Corona das stationäre Geschäft kaputt gemacht habe.

Gegenüber Plusminus bestätigt Douglas eine Fokussierung auf E-Commerce. Mehrere Angestellte klagen, die Verlagerung ins Online-Geschäft sei nicht nur von langer Hand geplant – sie hätten den Kunden den Onlinekauf auch schmackhaft machen müssen.

Kunden ins Onlinegeschäft gedrängt

"Es wurde verlangt und nachgehalten, dass wir den Kunden Rabatt-Coupons für den Interneteinkauf geben", berichtet eine Mitarbeiterin. Eine andere erzählt, dass man im Laden online für die Kunden bestellt habe. "Es gibt Stücke, die verkaufen wir für 23 Euro, im Internet kosten sie 14. Da mussten wir im Geschäft den Kunden den günstigen Online-Preis geben."

Und nicht nur das: Die Verkäuferinnen in den Filialen müssten den Kunden sogar dabei helfen, sich online zu registrieren, ihnen zeigen, wie man digital einkauft. Die Folge: weniger Umsatz für die Filialen.

Aber nicht für den Konzern: Der Online-Umsatz stieg im Corona-Jahr 2020 und erreichte erstmals mehr als eine Milliarde Euro.

Experte: Firmen nutzen Pandemie als Kündigungsgrund

"Ich fühle mich gedemütigt, missbraucht. Mit diesem Entschluss falle ich auf unter 1000 Euro Rente", berichtet eine Douglas-Mitarbeiterin, die seit 20 Jahren im Unternehmen ist: "Ich hätte nie gedacht, dass Douglas seine langjährigen Mitarbeiter so im Stich lässt."

Einen Anstieg an Kündigungen, manche sogar ganz ausdrücklich wegen Corona beobachtet Rechtsanwalt Christian Solmecke. "Meines Erachtens nutzen hier viele Arbeitgeber zu Unrecht die Pandemie als Kündigungsgrund", so der Jurust. Gründe, die zur Kurzarbeit geführt haben, drüften nicht auch gleichzeitig den Gründe für eine Kündigung sein.

Juristisch ist Douglas – was das angeht – also sauber. Und auch Plusminus gegenüber nennen sie das veränderte Konsumentenverhalten, das durch die monatelangen Lockdowns noch zusätzlich beschleunigt wurde, als Hauptgrund der Kündigungen.

H&M baut 800 Stellen ab

Der Lockdown hat auch die Textilindustrie getroffen. H&M will deutschlandweit 800 Stellen streichen: Das sind fünf Prozent der Belegschaft.

Die Betriebsrätin einer Filiale nennt als Begründung für die Kündigungen Digitalisierung und Corona. "Corona ist ja jetzt das Lieblingswort der Geschäftsführung. Schlechte Umsätze, Leute haben alle kein Geld mehr, dabei wollen die nur die schwierigen Fälle loswerden", berichtet sie.

Betroffen sind vor allem unflexible Arbeitskräfte 

Ihr Eindruck: H&M benutze einen Trick und biete seinen Angestellten Geld, wenn sie freiwillig gehen. Betroffen seien: Alleinerziehende, Behinderte – zeitlich eher unflexible Arbeitskräfte.

H&M selbst streitet das auf Nachfrage von Plusminus hin ab, betont ausdrücklich, dass sich "das Freiwilligenprogramm nicht vorrangig an Eltern, Langzeiterkrankte und Schwerbehinderte richtet." Sollten über dieses Angebot nicht ausreichend Kollegen erreicht werden, ist die betriebsbedingte Kündigung allerdings der nächste Schritt.

"Es gibt keine Nachverhandlungen"

Genau deshalb wäre dieses Angebot ein guter Schachzug, erklärt der Arbeitsrechtler Peter Schüren. Denn gerade diese Angestellten sind bei Kündigungen besonders geschützt. "Na ja, wenn man Menschen dazu kriegt, ihren Arbeitsplatz aufzugeben, die kleine Kinder haben, die auf diesen Arbeitsplatz besonders angewiesen sind, dann hat man daraus Vorteile, weil die zu kündigen fast nicht möglich ist. Man wird also Leute los durch Aufhebungsverträge die man praktisch kaum kündigen kann."

Über schwierige Fälle, die schon jetzt freiwillig gehen, muss H&M mit den Gewerkschaften dann nicht mehr verhandeln. Allerdings: Wer jetzt freiwillig geht, ist auf sich allein gestellt. "Es gibt keine Nachverhandlungen – Du nimmst das oder du hast Pech gehabt. Dann suchen Sie sich andere Wege, Dich loszuwerden", berichtet ein H&M-Mitarbeiter.

Continental streicht deutschlandweit fast 13.000 Stellen

Andere Branche, ähnliches Vorgehen: Der Automobilzulieferer Continental baut mitten in der Pandemie Stellen ab. Deutschlandweit, an verschiedenen Standorten, fallen 13.000 Stellen weg.

Davon betroffen sind auch Jörg Schüller-Langohr und Julian Romero: Die beiden Arbeiter sind seit Jahrzehnten Teil der Continental-Familie in Aachen. Noch – denn Ende des Jahres ist Schluss. Continental schließt das Werk. Das wurde der Belegschaft im September gesagt. 1.800 Menschen stehen dann vor dem Aus, und sie wissen nicht mal warum.

Unverständnis bei Aachener Continental-Belegschaft

"Unser Werk schreibt schwarze Zahlen und deswegen konnte es keiner nachvollziehen, wieso wird unser Werk geschlossen wird, obwohl wir profitabel sind?", fragen sich die Arbeiter. Aachen sei das teuerste Werk teilt uns Continental mit. Aber auch das beste, sagt die Belegschaft: Was andere nicht konnten, Aachen hat's geschafft. Seit dem Sommer machen alle sogar Mehrarbeit.

Am 9. März 2021 gab Continental seine neuen Zahlen bekannt. Erwartet für dieses Jahr: "Ein deutliches Marktwachstum". Und in der Reifensparte eine Rendite von mindestens elf Prozent.

Das Ziel: Fixkosten abbauen

Warum die Manager dann Werke wie Aachen schließen? Weil´s geht, wegen Corona! Der Aufsichtsratsvorsitzende Wolfgang Reitzle war da frühzeitig schon sehr offen: "Ich kenne keine größere Firma, die diese Krise nicht nutzt, um ein sogenanntes Rightsizing vorzunehmen. Also Fixkosten abzubauen."

Fixkosten bedeuten in diesem Fall vor allem Personalkosten. Reifen werden auch zukünftig gebraucht. Continental wird darum weiterziehen, nach Rumänien und Ungarn. Hin zu billigem Strom und billigeren Löhnen.

Am Ende hat die Pandemie vielen Unternehmen natürlich schwer zugesetzt. Aber manche wittern eben auch ihre Chance...

Autor*innen: Edith Dietrich und Dirk Bitzer (WDR)

Stand: 11.03.2021 13:10 Uhr

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