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Mangelhafte Schutzmaßnahmen

PlaySpargelbauer hebt Abdeckfolie an
Corona: Mangelhafte Schutzmaßnahmen für Erntehelfern? | Video verfügbar bis 28.04.2022 | Bild: dpa / Hauke-Christian Dittrich

– Erntehelfer klagen über schlechte Arbeitsbedingungen und Unterbringung
– Corona-Regeln werden teilweise unzureichend kontrolliert
– Kein Versicherungsschutz für ausländische Saisonarbeiter

Wie läuft die Feldarbeit im zweiten Coronajahr? Dieser Frage wollen wir nachgehen und begleiten den rumänischen Journalisten Traian Danciu bei Bonn. In einem Rharbarberbetrieb. Wir sind überrascht, denn hier trägt niemand eine Maske. Selbst, wenn alle frisch negativ getestet wären, wäre das nur mit Mindestabstand erlaubt. Aber das klappt hier nicht immer.

Testpflicht wird kaum kontrolliert

Dabei gibt es gerade wegen Corona klare Regeln für die Saisonarbeit.

ArbeitFeste Gruppen, maximal vier Personen, bei besimmten Arbeiten bis zu 15 Personen
UnterbringungPro Container nur zwei Personen, mindestens zwölf Quadratmeter - Reinigungsplan vorgeschrieben
TestpflichtTestergebnis bis 48h nach Einreise oder Test in der Heimat maximal 48h alt

Ob die Testpflicht auf den Höfen kontrolliert wird, können wir nicht überprüfen. Und bei der Einreise? Wir wagen ein Experiment. Reporter Traian gibt sich als Erntehelfer aus und ruft verschiedene rumänischen Transportunternehmen an. Insgesamt kontaktiert er zehn Firmen. Alle würden ihn mitnehmen und keine verlangt einen negativen Corona-Test. Wir wären also ohne Coronatest nach Deutschland gekommen. Darüberhinaus verrät uns ein Informant, dass es nur selten Kontrollen an der deutschen Grenze gebe.

Kein Versicherungsschutz für Erntehelfer

Der gebürtige Rumäne Eduard Harnisch ist beim Verein Integro in Nürnberg engagiert. Eigentlich ein Integrationsverein. Doch mittlerweile kümmern er und andere Vereine in ganz Deutschland sich vor allem um Saisonarbeiter – so drängend sei deren Not. "Die kennen am wenigsten ihre Rechte und werden auch viel weniger informiert, welche Rechte sie haben. Man merkt ja, manche wissen nicht mal, ob sie Kranken- oder Rentenversichert sind“, so Harnisch.

Onlinepetition soll helfen

Ein Leben unter unwürdigen Bedingungen und ohne Rechte – dem hat Gewerkschafter Oskar Brabanski auf politischer Ebene den Kampf angesagt. Für das Projekt "Faire Mobilität" berät er in Nürnberg Saisonarbeiter. Probleme entstünden oft, weil die meisten nicht versichert seien. Für ihn ist inakzeptabel, dass in Deutschland Menschen eine sehr lange Zeit arbeiten, ohne krankenversichert zu sein. “Das Mindeste ist doch, dass diese Menschen auch sozialversicherungspflichtig beschäftigt sein müssen“, so Brabanski.

Er setzt große Hoffnung auf eine Onlinepetition von Kollegen. Ein Appell an die Politik, die Rechte von Erntehelfern zu stärken. Denn für Saisonarbeit gilt nur die Unfall-, sonst aber keine Sozialversicherungspflicht. Das erlaubt eine seit Jahren ausgeweitete Sonderregelung. Bis 2014 galt diese Sonderregel für 50 Tage, wurde dann auf 70 Tage erweitert und wegen Corona 2020 erneut verlängert auf 115 Tage. In diesem Jahr sind es 102 Tage.

Grüne wollen Saisonarbeit in jetziger Form beenden

Als Brabanski noch für die Petition wirbt, beschließt der Bundestag vergangenen Donnerstag (21.04.2021) spät abends diese 102-Tage-Regelung. Aber immer noch keine Versicherungspflicht. Im Klartext: Mehr Arbeit – Ja. Mehr Rechte – Nein.

Das Problem bleibt also, kritisieren Grüne und Linke. Die Regel sei unfair – für viele Beteiligte. Gerade in Corona-Zeiten müssten EU-Bürger auf den Feldern krankenversichert sein. "Wir kämpfen als Grüne dafür, dass Saisonarbeit in dieser Form abgeschafft wird“, so Friedrich Osterndorff, Agrarpolitischer Sprecher B90/Grüne: "Wir wollen, dass die Menschen in vernünftigen Arbeitsverhältnissen sind, wie es üblich ist. Dass Sozialversicherung besteht. Dass wir diesen Missbrauch endlich beenden. Denn die Betriebe, die es vernünftig machen, haben einen unglaublichen Kostennachteil. Weil die sind diejenigen, die am Ende verlieren.

Krankenversicherungspflicht kommt 2022

Die Krankenversicherungspflicht kommt, aber erst nächstes Jahr. Und in welcher Form ist noch unklar. Otto Molnar weiß, wie es sich anfühlt, im Ausland krank zu sein. Der Ungar hat sich bei der Arbeit auf einem Gemüsehof die Hand verletzt. Zum Arzt durfte er angeblich erst nach zwei Tagen. Krankenversicherung? Fehlanzeige. Der Bauer zahlte zwar die Rechnung. Aber was wäre gewesen, wenn Otto Molnar stattdessen mit Corona auf eine Intensivstation gemusst hätte?

Mehrkosten von etwa dreißig Cent pro Kilo Spargel

Wir fahren zu seinem Ex-Chef, einem Gemüsebauern. Er sagt, bei ihm würden alle versichert. Otto Molnar sei ein Einzelfall. Und er zeigt uns, dass er die neuen Saisonkräfte jetzt versichert hat – freiwillig. Pro Tag und Arbeiter kostet so eine Versicherung offenbar keine 50 Cent. Trotzdem versichern viele Bauern ihre Kräfte nicht. Obwohl faire Bedingungen und Löhne erschwinglich wären – auch für uns Konsumenten.

Beispiel Spargel: Gibt ein Bauer drei Euro mehr pro Arbeiter und Stunde aus, stiege der Spargelpreis um nur dreißig Cent pro Kilo. Ein Klacks bei Kilopreisen von derzeit etwa 13 Euro.

Knochenarbeit auf deutschen Feldern

Davon würden wohl auch die Spargelstecher profitieren, die wir bei unseren Dreharbeiten treffen. Was sie erzählen, können wir kaum glauben. Sie warten noch auf Lohn aus dem vergangenen Jahr. Der Bauer sei pleite gegangen. Kein Lohn und trotzdem wieder hier? Ein Indiz dafür wie schlecht es ihnen wohl zu Hause geht. 

Ähnliche Schicksale seiner Landsleute bewegen auch Eduard Harnisch in Nürnberg. Viele Rumänen ließen ihre Kinder wochenlang bei Verwandten – für die Knochenarbeit auf deutschen Feldern.

Unser Fazit: Es ist die zweite Erntesaison unter Coronabedingungen. Die meisten Helfer kommen erst noch. Doch die Politik hat ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Zu Lasten der Erntehelfer.

Bericht: Dirk Bitzer und Philip Raillon (WDR)

Stand: 04.05.2021 12:02 Uhr

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Westdeutscher Rundfunk
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