SENDETERMIN Mi., 19.08.20 | 21:45 Uhr | Das Erste

Textilproduktionen und Corona – Not der Näherinnen nimmt zu

PlayNahaufnahme einer Nähmaschine
Textilproduktionen und Corona – Not der Näherinnen nimmt zu | Video verfügbar bis 19.08.2021 | Bild: dpa / Monika Skolimowska

- Corona-Krise trifft in der Textilindustrie vor allem die Näherinnen
- Besonders betroffen sind Frauen in Rumänien und der Ukraine
- Experten: Markenhersteller haben großen Anteil am Preisdumping

Angelica Manole lebt in Rumänien. Eine mutige Frau, die gegen menschenunwürdige Arbeitsbedingungen gekämpft und mit ihrem Job bezahlt hat. Noch vor kurzem produzierte die gelernte Näherin in einer rumänischen Textilfabrik Kleidung im Akkord. Bekam sogar Orden als Vorzeigenäherin. Angelica war in der Firma Tanex angestellt und verdiente Mindestlohn - 277 Euro netto. Zum Vergleich: der Durchschnittslohn in Rumänien liegt bei 682 Euro.

Tanex produziert für Edelmarken wie Max Mara, Massimo Dutti oder Joop Bekleidung, die in schicken deutschen Läden teuer verkauft werden. Ein "it-piece" kostet dann auch mal mehr, als eine rumänische Näherin im Monat verdient. Das war bereits vor der Corona-Pandemie der Normalzustand.

Eine rumänische Arbeiterin geht an die Öffentlichkeit

Doch mit Corona bricht für viele Näherinnen die Hölle los. Trotz Auftragseinbrüchen: Akkordarbeit mit Maske. Tanex kappt willkürlich die Gehälter, drückt sie unter den gesetzlichen Mindestlohn, zahlt manchen Näherinnen nur noch 220 Euro pro Monat. Der Trick: Tanex habe willkürlich die Quoten erhöht, erzählt eine der betroffenen Näherinnen. "Wir haben gearbeitet wie verrückt, aber sie haben uns nicht mehr genug Minuten für ein Kleidungsstück gegeben."

Als Angelica Manole im April bei voller Arbeitszeit fast keinen Lohn erhält und die Firma noch dazu behauptet, sie habe unbezahlten Urlaub genommen, geht sie an die Öffentlichkeit. Druck, Drohungen, sittenwidriger Lohn – das alles will sie nicht mehr hinnehmen. Ihr Lohnzettel für April: 23 Lei, umgerechnet 4,80 Euro.

Verhaltene Reaktionen der Markenhersteller

Auf Facebook postet sie ihren Gehaltszettel öffentlich. Sie bekommt viel Zuspruch. Der Post wird 2.700 Mal geteilt. Kurz darauf feuert Tanex sie. Angelika klagt gegen die Firma und fordert ihren Lohn. Tanex – von Plusminus mit den Vorwürfen konfrontiert – antwortet nicht.

Wir fragen die Markenhersteller: Ist ihnen das Geschäftsgebahren ihrer Zulieferer bekannt? Weder Joop noch Max Mara antworten. Inditex, zu denen unter anderem Massimo Dutti gehört, schreibt uns: "Inditex hat umgehend gehandelt, um die Bedingungen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vor Ort zu schützen. Wir haben einen Aktionsplan aufgestellt, zu dem sich der Zulieferer verpflichtet hat, mit besonderem Schwerpunkt auf die Arbeitslöhne." Angelica und die anderen warten immer noch auf ihre Löhne. Immerhin muss Tanex eine kleine Strafe zahlen.

Bestellungen bei rumänischen Firmen blieben aus

Die Textil- und Schuhindustrie ist mit mehr als 250.000 Beschäftigten einer der wichtigsten Arbeitgeber im Land. Derzeit sind die Firmen in der Krise, weil viele Marken ihre Aufträge stornierten, so Mihai Pasculescu, der Präsident des Textilverbandes Rümänien. "Das große Problem ist, dass jetzt, bis Oktober oder November, wenn die Bestellungen für den Herbst-Winter 2021 kommen, nichts zu tun ist. Deshalb haben wir uns in dieser Zeit beim Wirtschaftsministerium und beim Premierminister bemüht, staatliche Aufträge für die Armee, die Gendarmerie und die Polizei zu bekommen, aber wir waren leider nicht besonders erfolgreich."

38 Prozent weniger Gehalt für Näherinnen

Ein Dominoeffekt, der die Schwächsten am härtesten trifft, sagt Bettina Musiolek. Für die Kampagne für saubere Kleidung beobachtet sie europaweit Gehälterkürzungen und Schikanen seit Corona. "Wir erhöhen jetzt die Norm oder wir erhöhen den Druck, indem wir sagen, wenn ihr so und so viel nicht schafft, dann kriegt ihr noch nicht mal den Mindestlohn. Irgendwelche Vorwände wurden genutzt, um die Löhne zu kürzen.“

Eine aktuelle Studie errechnete Lohnausfälle in der Textilindustrie. Weltweit bekamen die Näherinnen im Frühjahr 38 Prozent weniger Gehalt. Milliardenbeträge, die die Zulieferer ihren Näherinnen vorenthalten.

Probleme auch in der Ukraine

Auch in Deutschland hat die Branche zu kämpfen. Etwa die Hugo Boss AG in Metzingen. Sie spürt stark, dass im Homeoffice keiner Anzüge braucht und Messen nicht stattfinden. Der Preis der Boss-Aktie sank im vergangenen Halbjahr um 46 Prozent. Auch Hugo Boss lässt in Osteuropa nähen. Unter anderem in der Ukraine. Für dieses Land sind deutsche Modefirmen sehr wichtig. Denn mehr als ein Drittel der Textilexporte gehen nach Deutschland. Zum Beispiel zu Esprit, Gerry Weber, Adidas oder S.oliver.

Plusminus bekam Zugang zur Fabrik Volodarka, wo wir erstmals direkt mit Näherinnen an ihrem Arbeitsplatz sprechen dürfen. Sie produzieren unter anderem für Hugo Boss. Da die Chefin alle Interviews begleitet, klingen die Näherinnen recht euphorisch: "Ich wünsche der Fabrik mehr Aufträge und gute Verträge, damit wir ständig arbeiten können. Fast alles macht mich zufrieden, ich möchte aber noch mehr Arbeit.“ – Muss sie auch, denn die Ukraine zählt zu Europas Schlusslichter in Sachen Gehalt.

Gerade mal 165 Euro netto bekommt eine Näherin. Zum Vergleich; der Durchschnittslohn ist doppelt so hoch. Ihr Lohn reicht gerade mal für Wohnung, Strom und Heizung. Für Lebensmittel und Kleidung bleibt nichts. Um über die Runden zu kommen machen sie sogar Doppelschichten. Illegal, aber nur so geht’s.

Hugo Boss wechselt nach Prüfung den Zulieferer

Darüber wollen wir mit den Arbeiterinnen offen sprechen. Ohne Chefin. Deshalb kontaktieren wir einige von ihnen abends zu Hause. Unsere Gespräche klingen nun ganz anders. Erstmals hören wir von der Angst, den Job komplett zu verlieren. Die Arbeiterinnen spüren sehr wohl die Auftragsrückgänge seit der Pandemie: "Jetzt ist es schlechter. Wir haben weniger Bestellungen. Ich kann nicht mehr so viel arbeiten. Vorher konnte ich zwei Schichten hintereinander machen, 16 Stunden arbeiten, da hatte ich wenigstens 300 Euro.

Was weiß Hugo Boss von den unhaltbaren Zuständen in der Fabrik? Bei Überprüfungen seien die Missstände aufgefallen, gibt das Unternehmen zu. "Daher sahen wir uns [… ] zu dem Schritt gezwungen, die Geschäftsbeziehung im Rahmen eines geregelten "Ausstiegs-Plans" zu beenden. Dieser wurde bereits mit dem Lieferanten geklärt und wird in den kommenden Monaten auf verantwortungsvolle Weise umgesetzt", so das Unternehmen.

 Experten fordern mehr Verantwortung der Markenhersteller

Ein großer Auftraggeber bricht weg. Für die ukrainischen Arbeiterinnen bedeutet das: noch weniger zum Leben. Schuld an der Ausbeutung sei das Preis-Dumping der Marken, sagt Bettina Musiolek. Es sei keine Besserung in Sicht. "Nach wie vor wird mit erzwungenem unbezahltem Urlaub gearbeitet, nach wie vor werden Menschen teilweise entlassen – es ist eine schwierige Situation für die Beschäftigten, vor allem die Lohnsituation."

Damit hat sich auch Oksana Dutchak beschäftigt und ein Jahr lang ukrainischen Textilarbeiterinnen befragt und die Lieferketten analysiert. Fabriken hingen vollständig von den Entscheidungen der Marken ab, sagt sie. "Ich kenne keine einzige Marke, die Fabriken unterstützt. Sie sagen noch nicht einmal, dass sie für die Arbeitsbedingungen und Bezahlungen verantwortlich sind, sie sagen immer, sie handeln nah dem Gesetz, aber das Gesetz verlangt keine Verantwortung für die Menschen in der Produktion."

Keine staatliche Unterstützung für Näherinnen

Und während die Textilbranche in Deutschland staatliche Unterstützung bekommt – etwa vergünstigte Ladenmieten, billige Kredite und Kurzarbeit – leben die Näherinnen in Osteuropa ohne Netz und doppelten Boden. Zwar ist kaum eine Industrie global so vernetzt wie die Textilbranche. Aber in der Corona- Krise stehen die Näherinnen in Osteuropa einmal mehr an letzter Stelle.

Stand: 20.08.2020 13:01 Uhr

4 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

Mi., 19.08.20 | 21:45 Uhr
Das Erste

Produktion

Westdeutscher Rundfunk
für
DasErste