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Klimakiller: der unbekannte Schmuggel mit illegalen Klimagasen

PlayEine Warnanzeige weist darauf hin, dass das Kühlmittel zu prüfen ist
Klimakiller: der unbekannte Schmuggel mit illegalen Klimagasen | Video verfügbar bis 01.09.2022 | Bild: picture alliance / dpa Themendienst / Bodo Marks

• Illegaler Handel mit FKW ist eines der größten Öko-Verbrechen
• Fluorkohlenwasserstoffe (FKW) sind klimaschädlicher als CO₂
• FKW werden als Kältemittel in Klimaanlagen oder Kühlhäuser eingesetzt
• EU hat den Einsatz von FKW stark reglementiert

Verbotene Substanzen sollen den Weg von Rumänien nach Deutschland finden. Der Händler bietet keine Drogen, keine Waffen oder Medikamente, sondern: FKW-Gase. Die sogenannten F-Gase sind in Kälteanlagen, Kühlregalen und Auto-Klimaanlagen. Vor allem ältere Modelle arbeiten noch mit treibhausschädlichen Varianten.

"Die F-Gase sind wie Gold. Je weniger es gibt, desto höher steigt der Preis", erzählt ein Dealer. Das bestätigt auch Kerstin Martens vom Umweltbundesamt: "Wenn ich das illegal hier einführe, dann kann ich schon einen recht hohen Gewinn erzielen. Das ist also attraktiv für Schmuggler und Kriminelle." Der illegale Handel mit FKW gilt als eines der größten Öko-Verbrechen, von dem keiner weiß.

Wie kommt es zum Schmuggel?

Vor fünf Jahren hatte die EU eine gute Idee: Die F-Gase sollten europaweit sinken, ähnlich wie in den 80er Jahren. Damals wurde das ozongefährliche FCKW verboten. Es war in Sprühdosen und Kühlschränken und wurde durch andere Mittel ersetzt. Doch auch die neuen haben ein hohes Treibhauspotential. Beispiel: Das Kältemittel R404 hat knapp die 4.000-fache Treibhaus-Wirkung von CO₂. Ein Kilo davon hat die Wirkung wie der CO₂-Ausstoß von einem Jahr Heizen eines Hauses. Deshalb verordnet die EU, die FKW-Gase schrittweise bis 2030 zu reduzieren. Wer die Stoffe herstellt, unterliegt neuerdings einer Quote und darf immer weniger produzieren und vertreiben.

Wir besuchen Ökorecherche. Die unabhängigen Berater beobachten für das Umweltbundesamt und die EU die Emissionen durch Kältemittel. Denn die gedeckelten Mengen sollen Hersteller animieren, CO₂-neutralere Kältemittel zu produzieren. Außerdem erfasst Ökorecherche die Preisentwicklung der treibhausintensiven FKWs. "Seit 2018 haben wir also starke Preisanstiege für Kältemittel feststellen können, vor allem eben Kältemittel mit einem hohen Treibhauspotential, die durch die Verordnung ja eigentlich reduziert werden sollen", sagt Barbara Gschrey von Ökorecherche.

Umweltexpertin Kerstin Martens freut sich über den Preisanstieg: "Das war gewünscht - das war ein marktbasiertes Instrument, und genau das ist erwartet und prognostiziert worden." Anfang 2018 kostete etwa das Kältemittel R404a in der EU um ein Elffaches mehr als drei Jahre zuvor. Und heute liegt der Preis immer noch fünffach höher.

Hohe Preise ein Anreiz für Schmuggler?

Die britische Umweltorganisation Environmental Investigation Agency (eia) in London startete vor zwei Jahren eine Recherche zu F-Gasen. In Handelsdatenbanken suchten sie die offiziellen europäischen Importe und verglichen sie mit den Exporten aus Asien und der Türkei in die EU. "Wir sahen, dass die Türkei genau zu dem Zeitpunkt, als die EU die FKWs reduzierte, den Exporte nach Europa erhöhte", sagt Fionnuala Walravens, Senior Campaigner bei eia. "Das ergab keinen Sinn, also beschlossen wir, das genauer zu untersuchen."

Offiziell importierte die EU letztes Jahr 160 Tonnen FKW aus der Türkei. Der türkische Zoll erfasste aber 706 Tonnen Exporte in die EU. Allein 276 Tonnen gingen nach Rumänien, aber Rumänien selbst deklarierte nur 9 Tonnen Import. Eine riesige Differenz! Ein Indiz für Schwarzmarkt? Beim Team verstärkte es den Verdacht des illegalen Handels. Sie beschlossen, undercover nach Rumänien zu fahren. "Wir haben mit rumänischen Ermittlern zusammengearbeitet, die sich als deutsche Käufer ausgaben, um etwa sechs Tonnen FKW zu beschaffen, was eine sehr große Menge ist", erzählt Fionnuala Walravens

Treibhausintensive Kältemittel zu Spottpreisen frei Haus

In Rumänien gab der Undercover-Mann vor, im Auftrag deutscher Autowerkstätten einzukaufen. Er wolle Kältemittel für Klimaanlagen. Für die rumänischen Händler kein Problem, hieß es. Sie lieferten europaweit, an Autowerkstätten oder Supermärkte. Mal kämen die Gasflaschen einfach in einen Pkw, mal in Transporter und manchmal packten sie die Kältemittel in ganze Reisebusse. Das sei leicht, sagten die Händler. Und sie seien auch noch nie erwischt worden. Sie bieten alles an. Vor Ort oder auf Verkaufsplattformen wie Ebay und Ali Baba im Internet.

Eine Autowerkstatt
Lieferketten der Kühlmittel sind schwer nachvollziehbar | Bild: mauritius images / Cavan Images

Solche Angebote schaden auch den europäischen Kältemittel-Herstellern, die der EU-Quote unterliegen. Der europäische Herstellerverband EFCTC sieht die billigen Schwarzmarktpreise als Feind. Schlimm sei die Machtlosigkeit des Zolls. "Der Schmuggel findet statt, weil das Risiko für die Schmuggler relativ gering ist", sagt EFCTC-Sprecher Felix Flohr. Es sei eben ein relativ neues Schmuggelgut, was es so vor fünf Jahren noch gar nicht gegeben habe.

Deshalb hat der Verband sogar eigene Detektive. Sie geben ihre Hinweise an die europäische Behörde für Verbrechensbekämpfung OLAF weiter, diese geht allen Hinweisen nach. Geschätzt eine halbe Milliarde Dollar geht der Branche durch den Schmuggel mit den Kältemitteln verloren. Kürzlich hat OLAF an der spanischen Küste eine große Fracht ausgehoben, F-Gase aus China, bestimmt für den Weiterverkauf auch nach Deutschland. Die Fahnder fanden 27 Tonnen Kältemittel. Allein dieser Fund hätte mehr als 200.000 Tonnen CO₂-Äquivalent verursacht. So viel wie mit einem Auto 9.000 Mal um die Erde fahren.

Wer kauft die illegalen Gase?

Die Vermutung: Kleinere Firmen mit alten Geräten, aber so richtig weiß es keiner. Schaffen es die Kältemittel nach Deutschland, sind die Bundesländer für Kontrollen zuständig. Das Problem: Sie haben keinerlei Handhabe. Hessen hat irgendwann reagiert, startete schon vor zwei Jahren bei Autowerkstätten eine Dunkelfeldstudie und fragte nach der Herkunft der Kältemittel. Das Ergebnis: Geschätzt 25 Prozent der Kältemittel waren illegal.

"Wir konnten nichts tun, weil die gesetzlichen Grundlagen gefehlt haben in Deutschland", sagt Jens Martin König vom Umweltamt Hessen. Wenn die Vollzugsbehörde die entsprechenden Druckgasbehälter bei der Kfz-Werkstatt oder einem anderen Anwendern gefunden hatte, konnte sie aber nicht unterscheiden, ob das Gas aus der Quote stammt oder nicht.

Das Land Hessen forderte verfolgbare Lieferketten und legte dem Bund einen Gesetzesentwurf vor. Jetzt endlich – seit August – können die Vollzugsbehörden gegen den Schmuggel vorgehen. Zumindest in Deutschland. Im Herbst will die EU über Maßnahmen nachdenken - wird langsam Zeit.

Bericht: Edith Dietrich (WDR)

Stand: 01.09.2021 22:47 Uhr

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