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Wirtschaftsspionage – viele Unternehmen sind kaum gewappnet

PlayWirtschaftsspionage ist in Deutschland noch eine verkannte Gefahr.
Wirtschaftsspionage – viele Unternehmen sind kaum gewappnet | Video verfügbar bis 12.06.2020 | Bild: SWR

  • Tägliche gibt es Hunderttausende Angriffe auf Computersysteme. Die deutsche Wirtschaft erlitt durch Wirtschaftsspionage einen Schaden in Höhe von 43,3 Milliarden Euro – in gerade einmal zwei Jahren.
  • Ermittlungen dazu sind aufwändig, die Strafen in Deutschland niedrig.
  • Die Dunkelziffer betroffener Unternehmen dürfte hoch sein: Viele merken gar nicht, dass sie z. B. einen Auftrag aufgrund von Spionage nicht bekommen haben.

Ein Gewerbegebiet bei Stuttgart. Privatermittler observieren ein Unternehmen. Der Verdacht: Man habe bei der Konkurrenz technische Zeichnungen entwendet und diese genutzt, um High-Tech-Maschinen nachzubauen. Den Mülltonnen gilt das besondere Interesse der Privatermittler.

Die Detektive finden in den Mülltonnen Akten.
Die Detektive finden in den Mülltonnen Akten. | Bild: SWR

"Wir haben die Mülltonnen durchsucht. Wir sind nachts dorthin und haben nachgeschaut, was es dort gibt. In der Mülltonne lagen Pläne und Zeichnungen von Bauteilen, es lagen Pläne der Elektronik. All dies mit dem Zeichen KBA", sagt Klaus-Dieter Matschke, Sicherheitsexperte von KDM-Sicherheitsconsulting.

KBA – die Firma König & Bauer in Stuttgart-Zuffenhausen. Sie hat die Privatermittler beauftragt. Das Unternehmen ist Weltmarktführer in der Konstruktion von Metalldruckmaschinen. Jahrelang, so der Vorwurf, soll ein Zirkel rund um einen ehemaligen Mitarbeiter unbemerkt Konstruktionszeichnungen entwendet und damit dann Maschinen nachgebaut haben.

Die Geschäftsführung will sich derzeit zum Fall nicht äußern, da die Stuttgarter Staatsanwaltschaft ermittelt. Diese hat inzwischen Anklage gegen vier Beschäftigte des beschuldigten Unternehmens erhoben. 

"Den Angeschuldigten wird vorgeworfen zum Aufbau eines Konkurrenzunternehmens eine Vielzahl an technischen Zeichnungen sich unerlaubt verschafft und im Anschluss verwertet zu haben. Die Anklage wertet dies als Verrat von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen sowie unerlaubter Verwertung urheberrechtlich geschützter Werke," sagt Heiner Römhild, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Stuttgart.

Beschuldigter Geschäftsführer sieht sich als Opfer

Wir fahren zum beschuldigten Unternehmen, wollen den Geschäftsführer zu den Vorwürfen befragen. Der gibt sich kämpferisch, sieht sich als Opfer einer interessengeleiteten Staatsanwaltschaft. "In meinen Augen dient es nur dazu, die KBA eigentlich zu unterstützen, sprich zu supportieren, weil das Interesse der KBA liegt einzig und allein darin, ihre Machtposition, sprich die Marktposition, die die am Weltmarkt haben, nicht zu gefährden. Das ist eine Tatsache," sagt Hubert Winkler, Geschäftsführer bei Hebenstreit Metal Decorating.

Detektiv Klaus-Dieter Matschke ist sich seiner Sache sicher. Er zeigt uns das Material, das seine Ermittler in den Mülltonnen der Firma Hebenstreit gefunden haben:  Pläne, Zeichnungen, Konstruktionen, vieles versehen mit dem Logo der Firma KBA. Dass hier Betriebsgeheimnisse ausspioniert wurden, steht für Klaus-Dieter Matschke fest. "Das Schadensvolumen dürfte sich in zweistelliger Millionenhöhe bewegen. Meiner Meinung nach liegt es zwischen 30 und 50 Millionen," sagt er.

Immer wieder merken Unternehmen, dass ehemalige Mitarbeiter Baupläne gestohlen haben.
Immer wieder merken Unternehmen, dass ehemalige Mitarbeiter Baupläne gestohlen haben. | Bild: SWR

Es geht um High-Tech-Maschinen, die die Firma König & Bauer in die ganze Welt liefert. Das Modell Metal-Star-3 etwa kostet bis zu fünf Millionen Euro. Werden solche Maschinen einfach nachgebaut, geht dem Unternehmen viel Geld verloren. Nachbau von Maschinen - diesen Vorwurf weist man bei der Firma Hebenstreit von sich. "Wir bauen im Bereich Druckmaschinen nur um. Und dieses Know-How besitzt die Firma Hebenstreit ohne irgendwelche Informationen von KBA zu haben," sagt Hubert Winkler.

Die Staatsanwaltschaft sieht das anders, verweist auf bereits abgeschlossene Verfahren. "Aufgrund des vergleichbaren Sachverhalts wurden bereits zwei ehemalige Mitarbeiter der KBA mittels Strafbefehl rechtskräftig zu einer Geldstrafe verurteilt. Auch denen wurde Verrat von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen vorgeworfen," sagt der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Stuttgart, Heiner Römhild.

Immer mehr Unternehmen von Industriespionage betroffen

Spionage – davon sind immer mehr Unternehmen betroffen, hat der Digitalverband Bitkom in einer Umfrage festgestellt.

Allein in den untersuchten beiden Jahren sind bereits sieben von zehn Unternehmen Opfer geworden. Vor allem auf mittelständische Unternehmen haben es die Angreifer abgesehen. Und Datendiebstahl ist eines der häufigsten Delikte. Sehr häufig sind die Täter ehemalige Mitarbeiter. Der Schaden für die deutsche Wirtschaft: 43,4 Milliarden Euro allein in zwei Jahren.

Doch für Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder ist klar: Der Schaden ist noch viel größer. "Wir gehen davon aus, es gibt mehr Opfer, die aber gar nicht wissen, dass sie Opfer wurden. Da kommt die Dunkelziffer hin, dass viele Angriffe einfach unbemerkt bleiben und insofern die Schäden gar nicht bemerkt werden. Man merkt es dann, wenn man einen Auftrag nicht bekommt oder wenn man Mitarbeiter verliert aufgrund solcher Angriffe. Aber – man merkt es oft zu spät," sagt Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer Bitkom e.V.

Wie häufig solche Angriffe stattfinden, registriert man hier ganz genau. In Bratislava sitzt die Firma Eset. Das Unternehmen ist einer der Weltmarktführer in puncto Cybersicherheit, seine Antivirussoftware auf Millionen von Rechnern installiert. Die Firma ist bereit, uns ihr Allerheiligstes zu zeigen, die Kommandozentrale. Versucht jemand, in einen Rechner einzudringen, meldet das die Software sofort. Anschließend werden die Angriffe genau analysiert, die eigene Software angepasst.

"Wir haben konstante Bedrohungslagen. Das sehen wir auch. Es gibt kein Land in der Welt, wo wir die Installationen haben, wo es wirklich dunkel wird, das heißt es wird ständig angegriffen. Was wir sagen können, dass wir zwischen 300.000 und 400.000 neue Varianten von Schadcode sehen," und das täglich, sagt Thomas Uhlemann, Security Spezialist bei Eset.

Deutschland stark von Angriffen betroffen

Im Zeitraffer-Modus sehen wir, dass zum einen die USA stark von diesen Angriffen betroffen sind, aber auch die EU und hier vor allem Deutschland. Insbesondere die Industriezentren werden fortlaufend attackiert. 

"Gerade der Mittelstand ist leider viel zu offen. Deutschland ist das Land mit den zweitmeisten Patentanmeldungen weltweit. Unser Mittelstand ist das Rückgrat unserer Wirtschaft. Da gibt es viele Angreifer, die natürlich dann Interesse an den Patenten einerseits und an anderen Informationen haben", sagt Thomas Uhlemann.

Doch nur ganz wenige Fälle landen vor Gericht. Im Stuttgarter Fall hat es rund vier Jahre gedauert, bis das Team von Klaus-Dieter Matschke die Beweise zusammen hatte. Wirtschaftskriminalität wird allerhöchstens mit einer Freiheitsstrafe von maximal drei Jahren bestraft. Im Sommer soll die Hauptverhandlung beginnen.

Stand: 13.06.2019 11:07 Uhr

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