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Risiko Elektroautos: Neue Herausforderungen für die Feuerwehr

PlayBrennender E-Transporter
Brennende Elektro-Autos: Neue Herausforderungen für die Feuerwehr | Video verfügbar bis 19.03.2020 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

– Nach Bränden von Streetscootern zieht die Deutsche Post 460 Fahrzeuge zur Überprüfung aus dem Verkehr.
– Das größte Risiko beim Brand eines Elektrofahrzeugs geht von den Batterien aus. Auch Giftstoffe können austreten.
– Grundsätzlich stellen E-Autos bei Bränden die Feuerwehren vor besondere Herausforderungen.

Im November 2018 brannten zwei Streetscooter der Deutschen Post: einer im baden-württembergischen Singen, der andere in Teuchern in Sachsen-Anhalt. In beiden Fällen sollen die Zustellerinnen den Lieferwagen kurz verlassen haben, um Post abzugeben, und die Autos bei ihrer Rückkehr brennend vorgefunden haben. Marco Föhlisch von der Feuerwehr in Teuchern erinnert sich an einen ungewöhnlichen Einsatz:

"Bis zum Eintreffen der ersten Einheiten vor Ort hier innerhalb von acht Minuten war vom intakten Fahrzeug bis zum Wrack nicht mehr viel übrig."

Nicht die ersten Fälle

Es waren nicht die ersten Brände der elektrischen Postautos: In einem Zustellzentrum in Mosbach bei Heilbronn gingen schon 2017 mitten in der Nacht wie aus dem Nichts drei Streetscooter in Flammen auf. In allen Fällen ist die Brandursache mit hoher Wahrscheinlichkeit ein technischer Defekt an den Fahrzeugen.

Gut für Umwelt und Image

Streetscooter
Die Streetscooter GmbH ist inzwischen eine hunterprozentige Post-Tochter. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Rückblick: Die Streetscooter GmbH aus Aachen, hervorgegangen aus einem Projekt der Technischen Hochschule, ging 2011 unter die Autobauer und fertigte ökonomisch und einfach einen eigenen Lieferwagen mit elektrischem Antrieb. Ende 2014 kauft die Deutsche Post kurzerhand die Streetscooter GmbH und macht sie zu einer hundertprozentigen Tochterfirma. Die umweltfreundlichen Fahrzeuge sollten auch gut für das Image der Deutschen Post sein. "Plusminus" berichtete damals darüber:

"Die Post baut Elektrotransporter, weil die etablierten Hersteller kein umweltfreundliches Angebot machen konnten. Mit dem Lieferwagen abgasfrei und günstig in die Innenstadt."

Problemfall Batterie

Doch jetzt machen Bilder von brennenden Postautos die Runde. Sind die Elektrotransporter besonders brandanfällig? In internen Schreiben der Deutschen Post, die "Plusminus" zugespielt wurden und in denen es um die brennenden Streetscooter vom November 2018 geht, heißt es:

"Die Brände gingen jeweils von der Batterie aus." und "Ursächlich sind mit hoher Wahrscheinlichkeit vom Vorlieferanten nicht durchgeführte Verbindungsschweißungen in den Traktionsbatterien."

Solche Batterien sind das Herzstück aller Elektrofahrzeuge – und zugleich auch ihre empfindlichste Stelle, denn sie sind nur schwer löschbar. Brennt eine Elektrobatterie, dann folgen in einer Kettenreaktion Kurzschlüsse, die das Feuer ständig aufs Neue entfachen können, wie Thomas Kubin vom ADAC Sachsen e.V. erlärt:

Thomas Kubin vom ADAC Sachsen
Thomas Kubin vom ADAC Sachsen weiß, warum sich Batterien immer wieder aufs Neue entzünden können.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

"Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Antriebsbatterie nach einem Unfall oder einem Brand nach einigen Tagen erneut brennt, ist durchaus gegeben, weil die chemischen Reaktionen in dieser Antriebsbatterie weitergehen, was zu einem Überhitzen der Batterie führen kann. Und dadurch können auch einige Tage später am Fahrzeug Brände entstehen."

Herausforderung für Feuerwehren

Aus diesem Grund dauerte auch der Feuerwehr-Einsatz bei dem brennenden Streetscooter in Singen viel länger als üblich. Die Batterie flammte immer wieder auf. Am Ende muss das ganze Auto  in einem Container voller Wasser gekühlt werden.

Feuerwehrmann Marco Föhlisch
Marco Föhlisch von der Feuerwehr Teuchern | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Noch aufwendiger – und noch gefährlicher – war der Einsatz in Sachsen-Anhalt. Hier konnte der brennende Streetscooter  zunächst mit Wasser und Schaum gelöscht werden. Doch als der Schuh eines Mitarbeiters begann, sich stellenweise aufzulösen,  wurde klar, dass außerdem giftige und stark ätzende Flusssäure aus der Batterie ausgetreten sein muss. Ein Chemie-Einsatz war die Folge, bei dem die Feuerwehr den gesamten Einsatzort bis tief in die Nacht dekontaminieren musste und dabei einige Hürden zu überwinden hatte, wie Feuerwehrmann Marco Föhlisch berichtet:

"Es wurde versucht, muss man ehrlich sagen, in Gesprächen mit Fachberatern rauszukriegen, welchen Stoff man einsetzen kann, um diese Säure zu neutralisieren. Den zu besorgen war ein Riesenproblem, weil das in den Mengen nicht vorgehalten wird."

Auch toxische Dämpfe traten beim Löschen des eigentlich umweltfreundlichen Streetscooters  aus und gefährdeten Anwohner und Ersthelfer.

Reste eines abgebrannten Streetscooters
Die Reste des Streetscooters, der im November 2018 in Teuchern abgebrannt ist. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Grundsätzlich stellen Brände von Elektrofahrzeugen die Feuerwehren vor enorme Herausforderungen. Rund 11.000 Liter Wasser seien laut Hersteller zum Beispiel notwendig, um einen brennenden Tesla endgültig zu löschen. Ein durchschnittliches Feuerwehrauto führt aber nur circa 2.000 Liter Wasser mit.

Auch beim Umgang mit den Kabeln der Batterien ist äußerste Vorsicht geboten:  Sie dürfen nicht beschädigt werden, weil sonst tödliche Stromschläge drohen. Spezielle Rettungskarten der Auto-Hersteller sollen Einsatzkräften bei der Orientierung helfen. Doch häufig sind die nicht detailliert genug. Zudem sind bislang nur wenige Fälle von brennenden Elektroautos dokumentiert, was auch daran liegt, dass die Zahl der Elektrofahrzeuge gegenwärtig noch gering ist.

Sind die Streetscooter gefährlich?

Welche Gefahr geht nun von den elektrischen Fahrzeugen der Deutschen Post aus? Trotz der Brandfälle bewertet Streetscooter in dem uns vorliegenden Schreiben "das Risiko eines solchen Batteriebrandes als gering".

Streetscooter
Die Streetscooter der Deutschen Post fahren elektrisch. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

9.000 Streetscooter hat die Deutsche Post in Betrieb. Hinzu kommen etwa 1.000 weitere, die an Drittkunden verkauft wurden. Von dem Fehler sind 460 Fahrzeuge zweier Modellreihen mit dem Baujahr 2018 betroffen. Gegenüber "Plusminus" teilte die Deutsche Post mit, dass diese 460 Streetscooter bis auf Weiteres außer Betrieb genommen wurden und die Batterien geprüft werden. Der Lieferant oder Hersteller der vermutlich fehlerhaften Batterien wurde dagegen trotz mehrfacher Nachfrage nicht genannt und auch nicht, wie man künftig Sicherheitslücken schließen will.

Experte: Qualität sicherstellen

Genau das sei das Problem der unerfahrenen Autohersteller, meint Stefan Reindl vom Institut für Automobilwirtschaft. Um das zu ändern, müssten sie seiner Ansicht nach eine gleichmäßig hohe Qualität bei den Fahrzeugen sicherstellen:

Stefan Reindl vom Institut für Automobilwirtschaft
Stefan Reindl vom Institut für Automobilwirtschaft fordert ein besseres Qualitätsmanagement.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

"Dieses ganze Qualitätsmanagementsystem, das muss man eben auch organisieren zunächst. Da muss man Strukturen schaffen im Unternehmen. Insofern muss man da tatsächlich gucken, wie ist die Qualitätssicherung insgesamt. Das ist übrigens ein großes Thema. Das können die etablierten Automobilhersteller möglicherweise besser, als Streetscooter es kann."

Die Konkurrenz hat nämlich längst aufgeholt. Weltweit bauen die etablierten Automobilkonzerne mittlerweile Elektrolieferwagen. Trotzdem will die Streetscooter GmbH  ihre Produktion ausweiten – und hat sich dafür den Automobilhersteller Ford ins Boot geholt.

Autoren: Nadine Scheer, Danny Voigtländer, Sebastian Splesnialy
Bearbeitung: Friedemann Zweynert

Stand: 22.03.2019 09:31 Uhr

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