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Rückkehr zur Normalität: Wie Corona-Tests dabei helfen können

PlayEine Frau und ein Mann beugen sich über etwas auf ihrem Arbeitstisch in einem Labor.
Sind Massentests der Weg aus der Coronakrise? | Video verfügbar bis 20.05.2021 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

• Am Gymnasium in Neustrelitz können sich Schüler und Lehrer regelmäßig und kostenlos auf Corona testen lassen.
• Diese Herangehensweise geht auf Rostocks Oberbürgermeister Madsen zurück. Er hat ein in Rostock ansässiges Biotech-Unternehmen um Hilfe gebeten. Mit dessen Test können sich die Bürgerinnen und Bürger nun testen lassen. Das Angebot wird gut angenommen.
• Der Virologe Dr. Hauke Walter hält den Rostocker Weg für richtig und kritisiert das deutsche Meldesystem.

eine Schülerin in der Corona-Teststelle des Neustrelitzer Gymnasiums
Schülerin Lisa Günther holt sich einen Corona-Test ab. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Am Gymnasium von Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern passiert etwas deutschlandweit Einmaliges: Alle Schülerinnen und Schüler und die gesamte Lehrerschaft können sich zweimal in der Woche auf Corona testen lassen. Das freiwillige Angebot wird dankend angenommen, zum Beispiel von Schüler Magnus Voigt: "Es gibt mir ein bisschen Gewissheit, ein bisschen Sicherheit im Alltag, hier in der Schule, aber auch im Alltag zu Hause bei meinen Eltern." Sicherer fühlt sich auch Lisa Günther: "Das macht eine ganz andere Atmosphäre im Klassenraum, wenn man weiß, der Lehrer ist negativ getestet und so gut wie alle Schüler. Das trägt zu einer ganz anderen Lernatmosphäre bei, die ohne die Tests gar nicht gegeben wäre."

Schüler aus dem ganzen Landkreis

Schulleiter Henry Tesch
Schulleiter Henry Tesch  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Die Schüler nehmen den Rachenabstrich selbst vor. Wie das gemacht wird, wurde ihnen vorher mit einem Erklärvideo beigebracht. Wer nicht infiziert ist, erhält einen grünen Punkt und kann sich frei in der Schule bewegen. Die regelmäßigen Tests sollen dazu beitragen, so schnell wie möglich wieder Normalität in die Klassenräume einkehren zu lassen, wie Schulleiter Henry Tesch erklärt: "Unser Ziel ist es, dass alle wieder gemeinsam in einem Raum lernen können. Wenn Sie das an einer Schule wie dieser machen, die einen Radius von 60 Kilometern hat, jeden Morgen, dann testen Sie ja nicht nur hier diesen Bereich, Sie testen ja fast in die Familien und in den Landkreis hinein."

Rostocks OBM lässt breit testen

der Rostocker Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen
Rostocks Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Die Tests sind kostenlos und werden von einem Rostocker Biotech-Unternehmen gesponsert. Das ist einer Initiative von Claus Ruhe Madsen zu verdanken, dem parteilosen Oberbürgermeister von Rostock. Der gebürtige Däne entschied sich, so viele Rostocker wie möglich testen zu lassen – auch ohne Symptome. Seine Motivation: "Meine Rettungssanitäter und Feuerwehrmänner haben gesagt, wir möchten das unbedingt, dass wir getestet werden, dass wir mit gutem Gewissen zu diesen Menschen fahren."

In kürzester Zeit Teststation aufgebaut

ein als Corona-Teststation eingerichtetes Zelt.
die Corona-Teststation von Rostock | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Da die Kapazitäten knapp waren, bat er das börsennotierte Unternehmen Centogene, das seinen Sitz in Rostock hat, um Hilfe. Die Firma ist spezialisiert auf die Diagnostik seltener Krankheiten. Damit waren Know-how und Labortechnik vorhanden. In kürzester Zeit wurde eine Teststation aufgebaut, in der sich jeder Rostocker und jede Rostockerin kostenlos testen lassen kann. Vor allem Rettungssanitäter, Pflege- und Verkaufspersonal, aber auch das städtische Klinikum nutzten diese Möglichkeit. Solche Tests wurden zum damaligen Zeitpunkt von vielen Experten als sinnlos abgetan, auch das Robert Koch-Institut lehnte sie ab. Doch Madsen sieht sich heute bestätigt: "Genau dieser erste Befund unter Menschen, wo es keiner erwartet hatte, ein Pfleger in einem Heim, war natürlich so ein Meilenstein, wo ich gesagt habe, Gott sei Dank, im Sinne von, wir haben diesen Menschen gefunden. Der hat nicht seine Kollegen oder die Patienten angesteckt, wir haben womöglich mit diesem Verfahren Menschenleben gerettet."

Test im Verbund mit regionalen Firmen zusammengestellt

Luftaufnahme von Rostock
Rostock ist in der Corona-Krise einen eigenen Weg gegangen. | Bild: imago images / Hans Blossey

Etwa 45.000 Tests könnten pro Tag durchgeführt werden. Dabei nutzt das Unternehmen keine vorgefertigten Testkits, wie die meisten Labore, sondern stellt die notwendigen Bestandteile selbst zusammen – in Zusammenarbeit mit regionalen Firmen, zum Beispiel mit einer, die die notwendigen Abstrichspatel produziert. Damit hat man sich unabhängig von internationalen Zulieferern gemacht. Mit diesem Vorgehen unterscheidet sich das Unternehmen von anderen Laboren, wie Centogene-Chef Prof. Dr. Arndt Rolfs anhand eines Beispiels erklärt: "Wenn ich selber einen Kuchen backen kann und weiß, wo ich Zucker, Butter Milch, Rosinen und Schokolade herbekomme, dann kann ich einen kleinen Kuchen backen, einen großen oder einen ganz großen. Fast alle Laboratorien gucken allerdings nach einem Fertigkuchen, den sie vielleicht gern bei Edeka kaufen möchten"

Innenministerium wittert Korruption

das Gebäude des Innenministeriums von Mecklenburg-Vorpommern
Das Innenministerium von Mecklenburg-Vorpommern witterte Korruption. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Doch die gemeinsame Initiative des Rostocker Oberbürgermeisters mit dem Unternehmen stieß vor allem in der Politik auf Kritik. So untersagte das Innenministerium hier in Schwerin ihren Polizisten, sich kostenlos testen zu lassen. Auf die Anfrage von "Plusminus" schreibt das Ministerium als Begründung, der kostenlose Test stehe "im Widerspruch zur Verwaltungsvorschrift zur Bekämpfung von Korruption". Oberbürgermeister Madsen war über den Korruptionsvorwurf "sehr, sehr verärgert", weil Tests von den Polizisten, die auch in viel Kontakt mit Menschen kommen, bis dahin positiv angenommen wurde: "Stellen wir uns vor, wir sind auf einem Schiff, das sinkt, und es kommt einer um die Ecke (und sagt), ich schenke euch ein Rettungsboot, und wir würden dann sagen, nee das wäre ja Korruption, da steigen wir jetzt nicht ein."

Die meisten Rostocker stehen allerdings hinter der Initiative ihres Bürgermeisters. Doch nicht nur das konsequente Testen führte dazu, dass die Stadt heute nahezu coronafrei ist. Claus Ruhe Madsen reagierte sofort auf den ersten Coronafall seiner Stadt und kündigte schon am 13. März an, alle Schulen und Kitas zu schließen. Auch Großveranstaltungen wurden früh abgesagt.

Virologe Walter: "Genau das Richtige"

der Virologe Dr. Hauke Walter
Dr. Hauke Walter  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Der Virologe Dr. Hauke Walter hält das Rostocker Modell, auch Menschen ohne Symptome zu testen, für vorbildlich. Er selbst testet seine Mitarbeiter und auch andere Arztpraxen regelmäßig durch. Gerade im Zuge der Lockerungen sei dies nicht nur punktuell sondern flächendeckend notwendig: "Systemrelevante Strukturen während der Pandemie systematisch und kontinuierlich zu testen, ist absolut die sinnvollste Maßnahme, die du machen kannst. Wir haben das bei uns gemacht, und jeder, der das tut, tut genau das Richtige. Das ist exakt der Weg, wie man da rauskommt."

Taiwan und Südkorea als Vorbild

Länder wie Taiwan oder Südkorea geben ihm recht. Hier hat man von Anfang an auf konsequentes Testen und Verfolgen von Infizierten gesetzt, auch um das öffentliche Leben nicht zum Stillstand bringen zu müssen.

Südkorea führte als erstes Land weltweit flächendeckend Tests durch, wie beim Drive-In im Schnellrestaurant. Stäbchen kurz in Mund und Nase zu halten, dauert keine Minute. Vor Ort haben 24-Stunden-Labore den Test ausgewertet. Die Patienten wurden per SMS über das Ergebnis informiert. Bis dahin mussten sie in Quarantäne bleiben, was meist recht kurz war, denn in der Regel erreichte sie das Ergebnis noch am selben Tag.

Deutschland faxt noch

Dieser Weg sei auch für Deutschland denkbar, findet Dr. Hauke Walter. Die Laborkapazitäten sind vorhanden. Entsprechende Konzepte liegen dem Robert Koch-Institut vor. Dass sie nicht umgesetzt werden, läge vor allem am veralteten Meldesystem, wie er beklagt: "Ich schicke meine Meldung von dem positiven Nachweis, dieser Patient hat SARS-CoV-2 per Fax an das Gesundheitsamt, das zuständig ist. Das zuständige Gesundheitsamt kriegt das also nicht elektronisch, sondern sozusagen sehr old fashioned, und diese Variante müssen die dann erst verarbeiten und dann weitergeben an das Robert Koch-Institut. Und das pro Person, das dauert eben seine Zeit. Und das in einem Zeitalter, wo solche Dinge EDV logistisch innerhalb von wenigen Sekunden geleistet werden könnten."

"Plusminus" hat das Robert Koch-Institut dazu um eine Stellungnahme gebeten. Die Antwort des RKI, die die Redaktion am 20. Mai 2020 erreichte, können Sie unterhalb dieses Artikels lesen.

Auch die Frage, wer letztlich die Kosten für Corona-Screenings übernimmt, ist noch nicht geklärt. Denn die rund 30 Euro, die ein Test im Neustrelitzer Gymnasium kosten würde, trägt das Unternehmen, das das Screening durchführt, selbst. "Plusminus" hat beim Bundesgesundheitsministerium nach der Bezahlung der Test gefragt. In der Antwort des Ministeriums heißt es: "Das BMG wird auf der Grundlage dieses Gesetzes (Zweites Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite, d. Red.) am die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) per Verordnung verpflichten, Tests auf das Coronavirus oder Antikörpertests grundsätzlich, also auch unabhängig von Symptomen, zu bezahlen. Die entsprechende Rechtsverordnung wird derzeit im BMG vorbereitet und die Kriterien für die Erstattung der Tests durch die Krankenkassen konkretisiert." Die gesamte Antwort können Sie unten nachlesen.

Autorin: Christiane Cichy
Bearbeitung: Friedemann Zweynert

Stellungnahme des Robert Koch-Instituts vom 20. Mai 2020

"Seit Beginn der Testungen in Deutschland bis einschließlich KW 20/2020 wurden bisher mehr als 3,5 Millionen Labortests erfasst. Damit liegt Deutschland im internationalen Vergleich, auch z.B. mit Taiwan, sehr gut. Auch die niedrige Positivenrate zeigt das. Weitere Kapazitäten sind verfügbar (siehe dazu auch die wöchentlichen Angaben zu Testzahlen und -Kapazität im täglichen Situationsbericht vom 20.5.2020, der heute am frühen Abend online sein wird, bzw. die Version vom 13.5.2020)

Ein niederschwelliges Testen bei Auftreten von COVID-19-Symptomen ist jederzeit möglich. Eine Information für Bürger weist darauf hin.

Das RKI schreibt in 'Hinweise zur Testung von Patienten auf Infektion mit dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2' unter anderem das folgende:
'Ein Anlass zur Testung von prä- bzw. asymptomatischen Personen ist die Fallfindung unter Individuen, die im Rahmen der epidemiologischen Abklärung als Kontaktperson 1. Grades eines laborbestätigten Falles eingestuft wurden (www.rki.de/covid-19-kontaktpersonen). Dies betrifft insbesondere den Kontext von Ausbruchssituationen oder wenn eine Symptomatik nicht zuverlässig erhoben werden kann.... Weiterhin kann es im stationären Bereich sinnvoll sein, Patienten vor Aufnahme in Risikobereiche (z.B. Hämato-Onkologie, Geriatrie) und Health care worker ohne erkennbare Beschwerden nach einem bestimmten Schema hinsichtlich einer SARS-CoV-2 Infektion zu untersuchen, um nosokomiale Übertragungen zu minimieren (www.rki.de/covid-19-patientenversorgung)
Auch im Rahmen der Prävention und des Managements von COVID-19 in Alten- und Pflegeeinrichtungen sowie in Einrichtungen für Menschen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen kann es sinnvoll sein, Pflegepersonal und Heimbewohner ohne Beschwerden in Abstimmung mit der lokalen Gesundheitsbehörde periodisch hinsichtlich SARS-CoV-2 zu testen um prä-/asymptomatisch infizierte Personen zu identifizieren und Infektionsketten zu unterbrechen (www.rki.de/covid-19-pflegeeinrichtungen).'

Das RKI begrüßt ferner innovative Ansätze im Rahmen von Projekten, die regional auch im Rahmen von Fo-Projekten durchgeführt werden. Dies gilt insbesondere auch für betriebliche Ansätze, außerhalb des Gesundheitswesens.

Wir möchten darauf hinzuweisen, dass die Umsetzung der Teststrategie nicht vom Meldesystem abhängt, sondern das Meldesystem lediglich die Ergebnisse erfasst bzw. bei positiven Testergebnissen die Gesundheitsämter in die Lage versetzt werden, Infektionsschutzmaßnahmen einzuleiten.

Es ist auch nicht 'das Meldesystem des RKI', sondern das Meldesystem setzt die bundesweiten Regelungen, die im Infektionsschutzgesetz festgelegt sind, um. Beteiligt sind hier sowohl die meldenden Personen (insbesondere Ärzte, Labore, Leiter von Einrichtungen) und alle 3 Ebenen des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD), also Gesundheitsämter, zuständige Landesbehörden und das RKI. Bereits seit 2001 übermitteln die Gesundheitsämter die Fallzahlen elektronisch. Ein großer Teil der Corona-Fälle geht noch am gleichen Tag im RKI ein und wird täglich im Dashboard veröffentlicht.

Mit dem Deutschen Elektronischen Melde- und Informationssystem für den Infektionsschutz (DEMIS) wird das existierende Meldesystem für Infektionskrankheiten gemäß Infektionsschutz­gesetz (IfSG) weiterentwickelt und verbessert. Insbesondere wird – beginnend bei den Meldenden (Ärztinnen und Ärzte, Labore, andere) – eine durch­gängig elektronische Informationsverarbeitung ermöglicht. Derzeit wird eine erste Umsetzungsstufe von DEMIS ('DEMIS-SARS-CoV-2') innerhalb weniger Wochen geplant. Dabei soll die elektronische Meldung von SARS-CoV-2-Erregernachweisen von den Laboren an die Gesundheitsämter umgesetzt werden."

Antwort des Bundesgesundheitsministeriums

"Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat zur 'Verabschiedung des Zweiten Gesetzes zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite' am 14. Mai gesagt:

'Der neue Alltag erfordert eine neue Balance. Soviel Normalität wie möglich, so viel Schutz wie nötig. Wir müssen weiter achtsam sein und Infektionsketten früh erkennen und wirksam unterbrechen. Darum stärken wir den öffentlichen Gesundheitsdienst, ermöglichen mehr Corona-Tests in Pflegeheimen und erweitern die Meldepflichten. Außerdem wollen wir pflegende Angehörige noch besser unterstützen. So verhindern wir unkontrollierte Ausbrüche und sorgen dafür, dass unser Gesundheitswesen auch weiterhin nicht überlastet wird.'

Es ist erklärtes Ziel des Gesetzes, dass mehr getestet werden soll. Das BMG wird auf der Grundlage dieses Gesetzes die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) per Verordnung verpflichten, Tests auf das Coronavirus oder Antikörpertests grundsätzlich, also auch unabhängig von Symptomen, zu bezahlen. Die entsprechende Rechtsverordnung wird derzeit im BMG vorbereitet und die Kriterien für die Erstattung der Tests durch die Krankenkassen konkretisiert. Einzelheiten dazu kann ich Ihnen aktuell noch nicht mitteilen."

Stand: 21.05.2020 10:14 Uhr

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