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Energiewende: Engpass Speicherkraftwerke

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Energiewende: Engpass Speicherkraftwerke | Video verfügbar bis 04.12.2020 | Bild: picture alliance/Carsten Rehder/dpa

– EEG-Umlage, Stromsteuer und Netzentgelte machen Speicherung von Öko-Strom unrentabel
– Viele Ressourcen bleiben ungenutzt
– Physiker entwickelt sparsamen Stufenspeicher
– Jedoch findet Projekt wegen zu hoher EEG-Umlage keinen Investor
– Energiewende ohne Speicher aber nicht machbar
– Rechtslage auch zu unübersichtlich

In wenigen Jahren sollen uns Sonne, Wind, Wasser und Biogas komplett mit Energie versorgen. Doch die angestrebte Energiewende kommt nicht so recht voran. Das Verschleppen ist oft hausgemacht.

Wird mit Sonne und Wind mehr Strom produziert, als gerade benötigt, werden Anlagen abgeschaltet. Die Umlage für erneuerbare Energie (EEG-Umlage), Netzentgelte und Stromsteuer machen es unwirtschaftlich, den Strom aus erneuerbaren Energien zu speichern oder für die Erzeugung von Wärme zu nutzen. Viele Ressourcen bleiben ungenutzt.

Die Idee eines Stufenspeichers

Die Idee kam Bernd Geisler bei einem Spaziergang im Kasseler Bergpark. In einem ausgeklügelten System wird hier seit 300 Jahren Regenwasser gesammelt und für Wasserspiele über viele verschiedene Stufen abgelassen. Durch die geschickte Nutzung einfacher physikalischer Gesetze entsteht ein so enormer Druck, dass am Ende eine Wasserfontäne 50 Meter in den Himmel schießt.

Dr. Bernd Geisler, Physiker und Erfinder: "Das Wasser fließt diese Stufen kontrolliert herunter in einer Kaskade. Und ich dachte mir dann, könnte Wärme auch kontrolliert Stufen herabsteigen? Und besser, könnte Wärme am Ende diese Stufen vielleicht auch wieder kontrolliert heraufsteigen? Und das hat halt inspiriert zu dieser Idee vom Stufenspeicher."

Speicher sind notwendig, um die ständigen Schwankungen in der Produktion von Strom aus Sonne oder Wind auszugleichen.

Das Druckluftspeicherkraftwerk

Bernd Geisler konnte seine Idee vom Stufenspeicher mit Hilfe einer Förderung der Energieoffensive Hessen erfolgreich an einem Modell testen.

Der Speicher funktioniert mit Druckluft und besteht aus einfachen Standard-Bauteilen, die überall in der Welt zu beschaffen sind.

Dr. Bernd Geisler, Physiker/Erfinder: "Also wir haben den Speicher hier gebaut aus fünf Komponenten, die alle industriell hergestellt werden, dadurch lässt sich das Ganze in relativ großen Stückzahlen preiswert bauen. Und der Vorteil liegt halt darin, dass diese Druckspeicher eine hohe Lebenserwartung haben von etwa hundert Jahren. Das macht den Speicher auch besonders sparsam."

Wirtschaftlichkeit nicht gegeben

Die Salzgitter AG war interessiert und bereit zu investieren. Hier bei Heide in Schleswig-Holstein sollte das erste Druckluftspeicherkraftwerk gebaut werden. Es sollte das Netz entlasten und mit der überschüssigen Wärme zugleich umliegende Gemeinden versorgen. Aber daraus wurde nichts. Steuern, Netzentgelte und die EEG-Umlage - eigentlich zur Förderung erneuerbarer Energien gedacht - machten das Projekt unwirtschaftlich. Die Salzgitter AG stieg aus.

Dr. Bernd Geisler, Erfinder und Physiker: "Insofern ist dieses Erneuerbare-Energien-Gesetz eher ein Erneuerbare Energien Verhinderungsgesetz. Es sorgt dafür, dass es nicht klappt."

Von der Strom- zur Energiewende

Geplant war das Druckluftspeicherkraftwerk als ein Projekt der Norddeutschen Energiewende. Professor Beba und sein Team sollen dafür sorgen, dass die Umstellung nicht nur an der Steckdose voran geht, sondern in allen Sektoren.

Batterien in einem Einschubschrank
Batterien in einem Einschubschrank | Bild: picture alliance/Frank Duenzl

Prof. Werner Beba, Projektkoordinator Norddeutsche EnergieWende (NEW 4.0): "Bis zum Jahr 2035 müssen wir die Erzeugung durch Photovoltaik, Windenergie verdreifachen, um unsere Klimaschutzziele zu erreichen. Und der zweite Punkt ist, wir müssen die Möglichkeiten nutzen, durch erneuerbaren Strom auch die Bereiche Wärme, Verkehr und Industrie CO2-frei oder -mindernd zu gestalten. Diese Rahmenbedingungen müssen wir schaffen."

Anteil erneuerbarer Energien am Verbrauch

Denn der Anteil erneuerbarer Energien liegt zwar beim Strom inzwischen bei fast 38%, bei Wärme sind es aber nur 14% und im Verkehr nicht mal 6%. Es fehlen aber Anreize, das schnell zu ändern.

Wettbewerbsverzerrung durch hohe Abgaben

Ein Beispiel: Der Elektrokessel Karoline in Hamburg verwandelt überschüssigen Strom aus erneuerbaren Energien in Wärme und versorgt damit Wohnungen. Die Anlage steht aber häufig still, weil es immer noch viel billiger ist, die Wärme aus Kohle oder Gas zu erzeugen. Ein Vergleich:

Eine Megawattstunde Wärme kostet heute aus Kohle etwa 23,00 Euro, aus Gas rund 36,00. Aus erneuerbaren Energien 164,00. Bei einem Anteil von Abgaben und Steuern von rund 123,00 Euro, die nur für Strom anfallen.

Prof. Dr. Werner Beba, Leiter Competence Center für Erneuerbare Energien & Energie Effizienz (CC4E): "Unser Vorschlag konkret ist. Ad 1: Einen CO2 Preis von etwa 50 bis 60 Euro zu schaffen. Damit wird die Energieproduktion aus fossilen Brennstoffen verteuert. Zum anderen aber im Gegenzug auch die Stromsteuer, EEG-Umlage und Netznutzungsentgelte herunter zu nehmen, für solche Technologien, die entweder das Energiesystem stabilisieren aber auch gleichzeitig einen wirksamen CO2-Minderungseffekt haben."

Unübersichtliche Rechtslage

Unter heutigen Bedingungen jedenfalls findet Bernd Geisler keinen Investor. Trotz inzwischen reduzierter EEG-Umlage für Energiespeicher. Die Rechtslage ist total unübersichtlich. So wird das nichts.

Keine Energiewende ohne Speicher

Dr. Bernd Geisler, Physiker und Erfinder: "Die Speicher sind im Prinzip für die Energiewende wie das vierte Rad am Auto. Wenn das vierte Rad am Auto fehlt, dann wird ihr Auto immer noch fahren, aber das wird überhaupt nicht gut fahren. Und sie müssen dann sehen, wie sie nach Hause kommen."

Aber vielleicht ist das ja so gewollt? Solange die neuen Energien nicht in Fahrt kommen, können sich die Betreiber der alten Kraftwerke über längere Laufzeiten freuen. Am Ende vielleicht sogar bei den Atommeilern, wenn die CO2-Reduzierung anders nicht geschafft wird.

Ein Beitrag von Ingo Blank

Stand: 04.12.2019 22:35 Uhr

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