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Wie Forschung und Wissenschaft verramscht werden

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Wie Forschung und Wissenschaft verramscht werden | Video verfügbar bis 04.12.2020 | Bild: picture alliance / Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/dpa

– Der Fall Uniklinik Heidelberg
– Bluttest auf Brustkrebs: erst "Meilenstein", dann Flop
– Viele Erfindungen und Entdeckungen scheitern an finanzieller Durststrecke bis zur Marktreife
– Mehr staatliche Förderung könnte Forschungsinstituten mehr Geldrückfluss bringen

Was Wissenschaftler im Labor ihrer Uni oder ihres Instituts entwickeln, verschwindet oft in der Schublade. Bund und Länder fördern zwar ausgewählte Projekte, aber oft fehlt es am Geld, um die Ergebnisse bis zur Marktreife zu entwickeln. Dann werden mit Steuergeldern finanzierten Forschungsergebnisse auch an private Investoren weitergereicht. Manchmal unter Wert. Und ab und zu geht es richtig schief.

Vom „wichtigen Meilenstein“ zum Flop

Eine "Weltsensation" meldete die Boulevardpresse Anfang des Jahres. Der Heidelberger Medizin-Professor Christof Sohn habe einen spektakulären Test entwickelt. Mit ein paar Tropfen Blut könne er Brustkrebs bei Frauen schon in einem sehr frühen Stadium erkennen. Der Traum vom Weltruhm als Forscher schien plötzlich Realität.

Prof. Dr. Christof Sohn, Chefarzt Frauenklinik Uniklinik Heidelberg Februar 2019: "Ich bin mir ganz sicher, dass wir einen ganz wichtigen Meilenstein erreicht haben."

Doch das große Los erwies sich als Schnellschuss. Die Zahl der Proben war zu klein, die Ergebnisse nicht repräsentativ, die Fehlerquote viel zu hoch. Und man war viel zu früh an die Öffentlichkeit gegangen. Der tadellose Ruf der Uniklinik ist seitdem angekratzt. Eine externe Kommission kam zu einem harten Zwischenurteil.

Prof. Matthias Kleiner - Vors. Untersuchungskommission Uniklinik Heidelberg: "Ich sehe hier Führungsversagen, Machtmissbrauch, Eitelkeit auf der Ebene der Klinik und des Instituts. Ich sehe falsche Kollegialität und falsch verstandene Wissenschaftsfreiheit."

Prominente Unterstützung für die "Weltsensation"

Der harsch kritisierte Professor, der sich aus beamtenrechtlichen Gründen nicht äußern will, ist weiter im Amt. Obwohl  die Verhandlungen mit einem Großinvestor bereits weit gediehen waren, brachte der Mediziner einen guten Bekannten als neuen Anteilseigner ins Spiel: Den Heidelberger Immobilienentwickler Jürgen B. Harder, Lebenspartner der ehemaligen Weltklasse-Schwimmerin Franziska van Almsick.

Offenbar hatte niemand ein Problem damit, dass Harder wegen Bestechung im Zusammenhang mit Immobiliengeschäften am Frankfurter Flughafen zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung und sechs Millionen Euro Geldauflage verurteilt wurde. Harder stieg in das erhoffte Geschäft mit den Bluttests ein. Es winkten riesige Umsätze.

Auch als Berater mit im Boot: Karl-Heinz Grasser, früher österreichischer Finanzminister und Mitglied der rechten FPÖ. Er war mehrfach in Finanzaffären verwickelt und steht in Wien gerade wieder vor Gericht.

Ebenfalls involviert: Der Ex-Chefredakteur der Bild-Zeitung, Kai Diekmann, einst enger Freund und Trauzeuge von Ex-Kanzler Helmut Kohl. Er agierte mit seinen hervorragenden Pressekontakten als PR-Berater. Trotz des spektakulären Flops wird an dem Test weiter geforscht. Die beteiligten Wissenschaftler hoffen immer noch auf einen Erfolg.

Große Chance für Krebspatientinnen verspielt?

Äußerst kritisch sieht das Volker Cleeves. Bis Ende November war er als Geschäftsführer einer Uniklinik-Tochter  dafür zuständig, die Erfindungen und Innovationen der medizinischen Fakultät Heidelberg zu vermarkten.

Volker Cleeves – Geschäftsführer Technology Transfer Heidelberg GmbH: "In vielerlei Hinsicht hat man hier verbrannte Erde hinterlassen. A ist die Investorenszene verbrannt. Der Forschungsbereich ist diskreditiert worden. Und am allerschlimmsten finde ich, dass eine Chance für die Frauen, einen weiteren Test zu bekommen für die Krebsvorsorge ist auch verbrannt, weil man weiterhin glaubt, dass es solche Tests nicht geben kann. Und damit hat man an verschiedenen Stellen wirklich einen großen Schaden angerichtet."

Arbeit im Labor
Arbeit im Labor | Bild: picture alliance/Andreas Arnold/dpa

Solche spektakulären Fälle schaden der gesamten Gründerszene. Dabei scheitern schon jetzt viele Forscher und Erfinder aus der Wissenschaft im sogenannten "Tal des Todes": der finanziellen Durststrecke auf dem Weg zur Marktreife. Da sehen Fachleute ein klares Defizit bei der öffentlichen Förderung.

Jens Fahrenberg, Vorsitzender TransferAllianz: "…was direkt aus den Instituten, aus der Wissenschaft kommt, ist noch nicht reif genug, um es direkt in eine Gründung oder in eine Lizensierung oder eine Kooperation zu überführen. Und da gehen dann natürlich auch Investoren stärker rein, weil die öffentliche Hand an der Stelle nicht die Möglichkeiten hat oder noch nicht die Möglichkeiten hat."

Finanznot kurz vor Marktreife keine Seltenheit

Beispiel: Das Saarbrücker Start-up Projekt Seawater. Hier haben junge Wissenschaftler eine extrem kompakte Anlage zur Aufzucht von Meeresfischen entwickelt. Dafür bekamen sie vom Bundeswirtschaftsministerium beachtliche 1,1 Millionen Euro. Aber jetzt, um es zur Marktreife zu begleiten, gab es keine staatliche Anschlussfinanzierung. Es blieb vorerst nur teures Risikokapital.

Carolin Ackermann - SEAWATER Cubes GmbH und Hochschule für Technik und Wirtschaft Saarland: "Wir haben jetzt ein Jahr Luft..um jetzt zu überbrücken, bis wir im Markt drin sind. Allerdings bezahlen wir auch sehr viele Zinsen. Und die können wir nur bezahlen, wenn wir Pilotkunden finden. Von daher, ja, so Programme, die zwischen 500 000 und 1,5 Millionen Euro liegen, die wären gut geeignet."

Aufwendige Geldakquise statt Forschen und Entwickeln

Nur ein paar Kilometer weiter wird ein neues Objektiv getestet. Es soll an jeden Fotoapparat passen und 3D-Aufnahmen aus neun Perspektiven gleichzeitig machen. Das Projekt wäre ohne staatliche Hilfe nicht möglich gewesen. Aber auch hier droht kurz vor der Marktreife das Geld knapp zu werden.

Matthias Schmitz, Gründer/Geschäftsführer KLens GmbH: "Wir sind gerade im Fundraising. Das heißt, wir können sehr konkret sagen, dass wir gerade etwa drei Monate als Team uns ausschließlich darauf konzentrieren, diese Gelder zu akquirieren. Und natürlich wäre es wünschenswert, dass solche Gelder auch von öffentlicher Hand zur Verfügung gestellt werden könnten, damit wir uns als Team auf unsere Produktentwicklung konzentrieren können."

Auf Anfrage von Plusminus räumte das Bundeswirtschaftsministerium ein…

Zitat BMWI: "…dass noch sehr viele Forschungsergebnisse eben nicht den Weg in die Anwendung finden und daher „ungenutzt“ innerhalb der Hochschulen verbleiben."

Auch mangels Risikobereitschaft in Deutschland. Die Bundesregierung unterstütze deshalb durch gezielte Fördermaßnahmen die Hochschulen und Forschungseinrichtungen dabei, den Transfer zur Marktreife zu verbessern.

Mehr staatliche Förderung – mehr Unabhängigkeit

Nur: In der Praxis kommt davon insgesamt noch nicht genug an. Axel Koch leitet den Wissens- und Technologietransfer an der Uni des Saarlandes. Er hilft jungen Erfindern unter anderem, Geldgeber zu organisieren. Und er findet, dass zu viel wertvolles Know-how unter Wert verramscht wird.

Axel Koch, Leiter Wissens- und Technologietransfer Universität des Saarlandes: "Es ist schon wirklich häufig so, dass die Erwartungshaltung von den Investoren und Gründern, teilweise auch von der Politik formuliert wird, dass die Ergebnisse aus der Wissenschaft möglichst billig an die Gründungen übergeben werden sollen. Das kann natürlich nicht Sinn und Zweck der Geschichte sein. Denn unsere Aufgabe ist es ja, den Transfer zu optimieren. Das heißt, letztendlich auch einen Rückfluss für die Wissenschaftseinrichtungen und damit einen Mehrwert für die Gesellschaft zu generieren."

Aber was tun? Da muss man mutiger werden, meinen Experten. Vielleicht ein Fünf-Jahres-Marshallplan für die Hochschulen?

Volker Cleeves, Technology Transfer Heidelberg: "Da rede ich von 50 bis 100 Millionen pro Standort, die der Staat hier investieren sollte, die ihm aber letztlich wieder Rückflüsse ermöglicht in mehrfacher Hinsicht. Und würde auch die Forschung, denke ich, in diesem Schritt unabhängiger gestalten können."

Zugegeben: Da kämen ein paar Milliarden zusammen. Aber mit vielen Projekten könnte auch Geld verdient werden, um Investitionen zu refinanzieren. Und den Spitzenkräften von morgen zu helfen, ihr Wissen in neue Produkte umzusetzen.

Ein Beitrag von Wilfried Voigt

Stand: 04.12.2019 22:35 Uhr

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