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Alle Jahre wieder: Das grausame Schicksal der Weihnachtsgänse

PlayPlusminus, 04.12.2019, Gänse, Weihnachtsgans
Alle Jahre wieder: Das grausame Schicksal der Weihnachtsgänse | Video verfügbar bis 04.12.2020 | Bild: picture alliance/dpa/ Stefan Sauer

– Mindestens 6 Millionen Gänse werden jährlich in Deutschland verkauft
– Tiere stammen meistens aus Polen und Ungarn
– Weihnachtsgänse sind oft kranke Tiere
– Wurden vor der Schlachtung keineswegs artgerecht gehalten
– Auch Arbeiter auf Farmen werden ausgebeutet

Die Weihnachtsgans - ein Festtagsschmaus. Ob als Keule oder am Stück: Für Millionen Familien gehört sie zur Tradition.

Tiefgefrorene Gänse aus dem Supermarkt oder frisch beim Biobauern. Das Angebot ist vielfältig. Genau wie die Preise: Von etwa 4,00 Euro das Kilo tiefgekühlt bis über 20,00 Euro pro Kilo frisch vom Schlachter.

Gänsefleisch – Quersubventionierung contra artgerechte Haltung

Eine artgerechte Haltung, dafür brauchen die Tiere viel Auslauf und Bademöglichkeiten. Doch die meisten Gänse, die auf unseren Tellern landen, durften das nie erleben.

Sie stammen aus Massenproduktionen, meistens aus Osteuropa. Die Haltungsbedingungen dort sind oft katastrophal. Ein niedriger Preis für den Verbraucher  - ohne Tierquälerei ist das kaum möglich, so Verbraucherschützer. Einer der Gründe: Das Gänsefleisch ist quersubventioniert.

Jürgen Stellpflug, Testwatch: "Wenn ich eine Gans kaufe, die beispielweise jetzt beim Discounter derzeit unter 6 Euro pro Kilo kostet und sogar aus Freilandhaltung stammt, also aus einer Haltung die tatsächlich ein bisschen besser ist, dann ist diese Gans mutmaßlich und ganz wahrscheinlich mehrmals in ihrem Leben gerupft worden. Ihr wurden die Daunen, die Federn ausgerissen. An diesen Daumen da verdient der Mäster dann schon so viel Geld, dass er das Fleisch billig hergeben kann."

Ohne Betäubung: gerupft und zugenäht

Ein qualvoller Lebendrupf, wie ihn Bilder von Tierschützern zeigen. In der EU eigentlich verboten. Das Eintrittstor ist aber die Mauser, dann ist ein so genanntes "Abstreifen" erlaubt. Viele Betriebe rupfen alle Tiere auf einen Schlag. Obwohl die gleichzeitige Mauser völlig unrealistisch ist. Die Verletzungen werden ohne Betäubung zugenäht.    

Friedrich Mülln von SOKO Tierschutz war selbst in Osteuropa unterwegs, auf Farmen mit Tausenden von Tieren. Friedrich Mülln, SOKO Tierschutz: "Bei dem einen Tier ist die Mauser schon bisschen weiter, beim anderen Tier eben gerade am Beginnen oder noch gar nicht begonnen. Die Federn sitzen bombenfest in der Haut, und wenn ich dann daran reiße und die rausziehe, dann verletzt sich das Tier massiv. Und ich habe Tiere gesehen, die von blutigen Wunden übersät waren. Und es sterben dabei auch viele Tiere, aber der Preis der Daune und natürlich dann auch der Preis des Fleisches der Überlebenden wiegt schwerer."

Eine Stichprobe aus dem Handel. Hier fand Friedrich Mülln Fäden, mit denen die Wunden der Tiere ohne Betäubung zusammengeflickt wurden. 

Hunderttausende Gänse in Ungarn grausam gestopft

Solche Gänsekeulen sind häufig auch Produkte der so genannten Stopfmast. In Ungarn, Bulgarien und Frankreich ist das legal. Fett, ein Geschmacksträger, der uns Menschen gut schmeckt, nicht nur bei der Delikatesse “Stopfleber“.

Friedrich Mülln, SOKO Tierschutz: "Und dann packt man die, stopfen. Packt man die, stopfen, packt man die, stopfen, packt man die, stopfen und zieht halt diese Maschinerie immer hinter sich her. Und das ist tatsächlich – auch wenn das Ding sehr altmodisch aussieht - gerade jetzt in dem Moment werden auf diese Art und Weise in Ungarn 100.000 Tiere gestopft, genau mit so einer Maschine."

In jedem Land ist die Methode etwas anders, aber immer gleich grausam. Große Mengen an Maisbrei werden mehrmals täglich mit Druck in die Mägen der Tiere gepresst.

Jürgen Stellpflug, Testwatch: "In Deutschland ist sowohl Lebendrupf wie die Stopfmast verboten, aber es ist total scheinheilig, denn solche Produkte aus Frankreich, aus Ungarn, aus Bulgarien, die dürfen hier verkauft werden. Das heißt also, es ist zwar verboten diese Tierquälerei bei uns, aber trotzdem haben wir das tiergequälte Fleisch hier in dem Bräter."

Kranke Tiere als Weihnachtsessen

Der deutsche Tierschutzbund setzt sich für artgerechte Haltungsbedingungen ein. Anna Kirchner ist Tierärztin, sie weiß, was die intelligenten und sozialen Tiere erleiden. Entzündungen und Fieber sind an der Tagesordnung.

Weihnachtsbraten
Weihnachtsbraten | Bild: picture alliance/dpa/ Tobias Hase

Dr. Anna Kirchner, Deutscher Tierschutzbund: "Mit dem Stopfen erleiden die Tiere massive Verletzungen der Speiseröhre und durch die massive Futterzufuhr schwillt die Leber an, auf die 10 bis 12-fache Größe, und die Tiere sind krank, wenn Sie geschlachtet werden, und würden auch sonst an der Leberverfettung nach der Schlachtung versterben."  

Im Dschungel der gigantischen Auswahl ist es schwer für die Verbraucher überhaupt noch durchzublicken.

Besonders beliebt: Die Bezeichnung: "Früh- oder „Jungmastgans". Sie klingt nach besonders gutem und zartem Fleisch.

Jürgen Stellpflug, Testwatch: "Das heißt einfach, dass hier eine Schnellmast stattgefunden hat. Die Tiere haben vielleicht 8 bis 10 Wochen gelebt, sind mit Futterkonzentrat Fett gefüttert worden, aber das Fleisch das ist ein nicht gutes Fleisch und die Haltungsbedingungen, die sind katastrophal."

Auch Farmarbeiter werden ausgebeutet

Rund 85 Prozent stammen aus Polen oder Ungarn. Die Konzerne machen große Profite. Doch Tierschützer kritisieren nicht nur das Tierleid.

Friedrich Mülln, SOKO Tierschutz: "Ich habe selber erlebt was das für Menschen sind, die da zutiefst ausgebeutet werden, um diese Drecksarbeit für die Branche zu machen. Es sind sozusagen die ärmsten der Armen in Ungarn. Die werden auch ganz mies bezahlt, ruinieren ihre Gesundheit im Rekordtempo, also an der Gans klebt auch das Leid von Menschen."

Auch in Deutschland gibt es Missstände. Zusammengepferchte Tiere, auf engsten Raum, gemästet mit Billigfutter und Antibiotika. Auch hier Aufnahmen von Tierschützen, die diese Qualen zeigen.

Dr. Anna Kircher, Deutscher Tierschutzbund: "Wir fordern, dass Gänse in Deutschland artgerecht gehalten werden, und genug Platz haben in der Haltung, und natürlich auch eine Badegelegenheit und genug Wasser für ihr Pflegeritual zur Verfügung haben, und zudem fordern wir ein Importverbot von Stopfleber und gerupften Daunen nach Deutschland."

Bio-Gans statt Ramschware

Auch Biogänse landen am Ende auf dem Teller. Aber auf Höfen wie der Domäne Mechtildshausen in Wiesbaden haben sie vorher ein gutes und artgerechtes Leben. Sie bekommen natürliches Futter, ohne vorbeugenden Antibiotikaeinsatz.

Die biologische Haltung spiegelt sich natürlich im Preis wider. Mit Produkten aus Osteuropa können solche Betriebe nicht mithalten. Knapp 22,00 Euro kostet das Kilo.

Markus Paul, Domäne Mechtildhausen Wiesbaden: "Die Gänse haben viel Auslauf und haben ihre Zeit zum Wachsen. Das schlägt sich natürlich im Preis nieder. Aber nichts desto trotz, ist die Gans keine Ramschware, es ist ein Festtagsbraten und das soll ja seinen Preis wert sein."

Gänse aus Billigmast leben nur wenige Wochen, falls sie nicht mehrmals  lebendig gerupft werden. Von Natur aus könnten sie 25-30 Jahre alt werden.

Ein Beitrag von Nicole Würth

Stand: 04.12.2019 22:34 Uhr

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