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Corona und Langzeitfolgen

PlayCorona-Test im Labor
Corona und Langzeitfolgen | Video verfügbar bis 07.10.2021 | Bild: picture alliance dpa / Matthias-Balk

– Langzeitfolgen durch Corona sind keine Seltenheit.
– Die amtline Statistik weist 260.000 Infektions-Fälle als angeblich "Genesenen" aus. Doch manche Patienten sind auch nach Monaten noch schwer krank – auch bei zuvor leichtem Covid-19-Verlauf.
– Selbst junge und zuvor fitte Menschen sind betroffen.
– Eine Folge ist lange Arbeitsunfähigkeit und die damit verbundenen finanziellen Sorgen.
– Noch immer wissen wir nicht genug über die Erkrankung. Mehr Obduktionen könnten mehr Aufschluss über die Folgen von Covid-19-Erkrankungen bringen.

Heiligendamm an der Ostsee. In einer Rehaklinik geht es mit Reiner und Karin L. ganz langsam wieder bergauf. Im März hatten sich beide mit dem Virus infiziert. Sie hatte zunächst nur milde Symptome und fühlte sich etwas schlapp. Er dagegen musste völlig unerwartet um sein Leben kämpfen: Wochenlang auf der Intensivstation an der Beatmungsmaschine, im künstlichen Koma. Heute sagt er: "Das ist sicherlich auch ein großer Anteil von Glück gewesen, dass ich das überlebt habe.“

Auch nach leichtem Covid-Verlauf später massive Folgen

Beide fühlten sich vorher kerngesund und waren viel unterwegs. Ein halbes Jahr nach der Ansteckung leiden sie immer noch an den Langzeit-Folgen. Seine Leberwerte sind um das 10-fache erhört. Er fühlt sich kraftlos und stark leistungsgemindert. Beide haben Konzentrationsschwierigkeiten, im Alltag vergessen sie die einfachsten Dinge. Sie klagt über den immer noch beeinträchtigten Geruchs- und Geschmackssinn und monatelangen Haarausfall. "Ich frage meine Frau, wie heißt der nochmal, wer was das nochmal, kann mir Namen nicht mehr merken kann, kriege Termine nicht auf die Reihe und vergesse, wenn ich Besorgungen zu erledigen habe", erklärt er.

Angeblich "Genesene" tatsächlich schwer krank

Nach der amtlichen Statistik gelten mittlerweile über 260.000 Corona-Kranke in Deutschland als genesen. Das Ehepaar L. ist da auch mit erfasst. Für ihre Reha-Ärztin Jördis Frommhold sind diese offiziellen Zahlen trügerisch. Deshalb klärt sie in den Medien über die Langzeitfolgen auf. Viele angeblich Gesunde seien in Wirklichkeit noch schwer krank.

"Die Patienten, die zu uns kommen, sind häufig noch schwer gekennzeichnet, haben Lähmungserscheinungen, haben maximale Leistungseinschränkungen, haben psychosomatische Probleme und gelten in der Statistik vermeintlich als Genesene, sind sie aber in keinerlei Weise. Diese Patienten sind sicher nicht gesund und arbeitsfähig."

Jördis Frommhold ist Fachärztin für Innere Medizin und Lungenheilkunde in der Median Klinik Heiligendamm. Sie berichtet: "Vom Feuerwehrmann, über den Bundeswehrsoldaten bis zum Triathleten waren da wirklich auch körperlich gut konstitutionierte Patienten dabei. Und auch die hatten mitunter einen akut schwerstgradigen Verlauf, mitunter auch mit langen Beatmungszeiten, aber auch Patienten, die vermeintlich einen milden Verlauf hatten, also in der Häuslichkeit verblieben sind, zeigen doch auch noch im weiteren Verlauf deutliche Einschränkungen.“

Auch gesunde Menschen im besten Lebensalter sind häufig betroffen von der Akuterkrankung und den Langzeitfolgen von Covid-19. Ehepaar L. ist in der Rehaklinik keine Ausnahme.

Covid-19 schädigt nicht nur die Lunge

Arzt in Schutzanzug mit Röntgenbild
Arzt in Schutzanzug mit Röntgenbild | Bild: dpa / Zoonar / Robert Kneschke

Charité Berlin. Professor David Horst obduziert Todesopfer von Covid-19. Bei vielen waren die Lungen schwer geschädigt. Aber auch andere Organe sind betroffen. "Wir sehen bei den Obduktionen auch, dass an anderen Organen Schäden entstehen. Zum Beispiel können sich in den Gefäßen Blutgerinnsel ausbilden, die dann zu schweren Schäden an Herz, Nieren, Leber oder auch am Gehirn führen können, so dass man bei Covid-19 nicht nur von einer reinen Lungenerkrankung sprechen kann, sondern andere Organe schwer in Mitleidenschaft gezogen werden." 

Noch keine 30 und schon hilfsbedürftig

Röntgenaufnahmen der Lunge
Röntgenaufnahmen der Lunge | Bild: picture alliance dpa / Sebastian-Gollnow

Die 29-jährige Jennifer P. erkrankte im Mai an Covid-19. Fünf Monate später ist sie noch in stationärer Behandlung. Sie hat permanent stechende Kopfschmerzen, Gedächtnislücken, kann kein Auto mehr fahren. In der Reha schafft sie nur wenige Stufen im Treppenhaus. Dann ist sie völlig außer Atem. "Man schafft die ganz normalen Kleinigkeiten im Alltag nicht, zum Beispiel, die Küche zu putzen oder einfach Staubwischen in der Wohnung, den Staubsauger zu benutzen, Boden putzen", berichtet sie. "Da braucht man Unterstützung, und wenn man bedenkt, dass man vorher den ganzen Tag unterwegs war, fit war, ins Fitnessstudio gegangen ist, ordentlich trainiert hat, ist das schon eine sehr starke Einschränkung."   

Enorme psychische Belastung

Wenn aktiven und energiegeladenen Menschen plötzlich die Kraft fehlt, auch nur, um den Alltag zu bewältigen, dann ist das auch eine schwere seelische Bürde, erläutert Dr. Ralf Schipmann, Chefarzt der Klinik Martinusquelle in Bad Lippspringe: "Die psychische Belastung bei den Corona-Patienten ist sehr auffällig, da sind ganz elementare Erlebnisse, Todesängste, Verlustängste, Trauer, die Angst Alleinegelassen zu sein, sich nicht mit Angehörigen austauschen zu können. Und das führt manchmal zu posttraumatischen Belastungsstörungen, wo dann auch professionelle Hilfe notwendig ist in der Rehabilitation und auch weiter darüber hinaus."

Finanznot wegen Arbeitsunfähigkeit

Ihren Beruf als operationstechnische Assistentin kann Jennifer P. bis heute nicht ausüben. Und auch Reiner L. weiß nicht, wann er wieder als Buchhalter arbeiten kann. Viele Langzeit-Patienten haben inzwischen große, auch finanzielle Sorgen. Denn sie bekommen kein Gehalt mehr, sondern nur das deutlich geringere Krankengeld. Und auch das läuft irgendwann aus.

Jennifer P. sagt: "Das war erst mal ein Schock für mich. Da sind natürlich auch die ersten Tränen geflossen, denn man denkt dran, oje, jetzt gibt es weniger Geld, und die Kosten laufen ja weiter."

Reiner L. sagt: "Das Problem ist, wie geht es danach weiter, ist man weiterhin im Krankenstand, hat man Anspruch auf irgendwelche Versicherungsleistungen von der Erwerbsminderungsrente oder kann man zur Hälfte arbeiten, muss man weniger arbeiten oder schafft man es wieder, voll einzusteigen? Diese Fragen sind alle ungeklärt, und die machen mir natürlich Angst."

Mehr Unterstützung für Pandemieopfer gefordert

Eine zusätzliche finanzielle Unterstützung für Opfer der Pandemie gibt es derzeit nicht. Obwohl die Langzeitfolgen erheblich sein können. "Von unserer Seite ist es eben auch fast überraschend gewesen, dass wir das bei den Corona-Patienten so häufig sehen, dass wirtschaftliche Probleme so in den Vordergrund rücken", sagt Chefarzt Ralf Schipmann. "Man muss wirklich darüber nachdenken, ob man die Patienten noch etwas mehr unterstützen muss." Denn wenn diese gar keine Klarheit bekommen können, wie lange sie infolge der Krankheit noch eingeschränkt sind, dann sei dies ein enormes seelisches Problem für die Patienten. Denn viele wollen wieder arbeiten. Und sie brauche ihr Gehalt.

Mehr Obduktionen könnten Aufschluss bringen

Fest steht: Über die Langzeitfolgen von Covid-19 weiß man noch zu wenig. Nur zwei Prozent aller Verstorben werden derzeit obduziert. Für den Chef-Pathologen der Berliner Charité, David Horst, mahnt daher: "Es wäre ganz wichtig, dass von der Politik Rahmenbedingungen gesetzt werden, die uns eine höhere Obduktionsquote in Deutschland erlauben, mit entsprechender Vergütung an die Krankenhäuser. Weil wir nur mit vielen Obduktionen viel über diese Erkrankung lernen können."

Bis dahin schauen viele Patienten in eine ungewisse Zukunft. Mit Jennifer P. mussten wir den Dreh vorzeitig beenden, weil sie einfach zu erschöpft war.

Ein Beitrag von Nicole Würth.
Online-Bearbeitung: Ute Kunsmann
Der Beitrag wurde produziert vom Saarländischen Rundfunk (SR) für "Das Erste".

Stand: 08.10.2020 12:00 Uhr

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