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Rückschlag für Energiewende

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Rückschlag für Energiewende | Video verfügbar bis 07.10.2021 | Bild: picture alliance dpa Zentralbild / Jan-Woita

– Der Festpreis von aktuell 9 Cent je Kilowattstunde Windstrom endet in zwei Jahren.
– Deswegen könnten bis zu 15.000 alte Windräder stillgelegt werden.
– Doch dann droht einie riesige Stromlücke von 15 Gigawatt, Klimaziele wären dann in Gefahr.
– Der Bau neuer Anlagen scheitert vor allem am Stand des Erneuerbare Energiengesetz und dem Tierschutz.
– Wichtig für kleine Erzeuger: Dezentral produzierter Strom sollte auch regional vermarktet werden dürfen

Festpreis für eingespeiste Windenergie wird abgeschafft

Jahrelang wurden Windkraftanlagen aus dem Topf der erneuerbaren Energien mitfinanziert. Damit soll nun Schluss sein. Weil neue Windräder oft nur mit Verzögerung gebaut werden, droht nun ein Einbruch für die gesamte Energiewirtschaft.

Karl-Otto Schöndorf ist Bio-Landwirt im saarländischen Bliesgau. Er produziert aber nicht nur Milch, sondern auch Strom. Nicht weit von seinem Hof dreht sich schon seit 24 Jahren ein Windrad. Eine der kleinen Pionier-Anlagen in Deutschland, die bald keinen Festpreis mehr für ihren Strom bekommen sollen. Noch zwei Jahre gibt es neun Cent pro Kilowattstunde. Dann müsste er seinen Strom selbst vermarkten. Aber wie?
"Ich muss mir einen Stromhändler, eine Vermarktungsmöglichkeit suchen. Der Börsenpreis ist im Moment so bei drei Cent, das ist natürlich viel zu wenig, um so eine Anlage wirtschaftlich zu betreiben."

Eben noch Musterschüler, jetzt Abstiegskandidat?

Die Festpreise für Ökostrom sorgten lange für einen Boom. 2019 wurde die Windkraft sogar die stärkste Energiequelle in Deutschland. Trotzdem schlägt die Branche nun Alarm. Der Bau neuer Windanlagen ist auf einen historischen Tiefstand eingebrochen. Eben noch Musterschüler, jetzt Abstiegskandidat?

Grafik: Weniger neue Windenergieanlagen
Grafik: Weniger neue Windenergieanlagen | Bild: SR

Riesige Stromlücke aus Erneuerbaren droht

Die Lage verschärft sich noch dramatisch, falls in den nächsten Jahren tatsächlich bis zu 15.000 alte Windräder stillgelegt werden. Wenn zu wenig neue dazukommen, droht eine Versorgungslücke von fünfzehn Gigawatt und das Verfehlen der Klimaziele. Wie kann das verhindert werden?

Laut Prof. Uwe Leprich, Ökonom an der HTW Saarbrücken ist die Rechnung zunächst eine einfache: "Die heutige Anlagengröße ist drei- bis viermal größer als die der Altanlagen. Das heißt, wenn man diese 15.000 kleineren Anlagen ersetzen würde durch 5.000 neue Anlagen, würde das reichen. [...] Aber das ist kein Selbstläufer, für dieses sogenannte Repowering müssen auch die Rahmenbedingungen stimmen." Ein Beispiel seien die Genehmigungsverfahren. Von ihnen erwartet sich der Ökonom eine deutliches Vereinfachung. Die Prozesse dürften zu komplex und damit zu langwierig sein.

Artenschutz contra "das große Ganze"?

Wie zäh so ein Genehmigungsverfahren sein kann, haben Günter Walle und Konrad Lampert von der Bürger-Energie-Genossenschaft im Saarland erlebt. Sie wollten mit Mitstreitern zwei neue Windräder bauen. Physiker Walle sagt: "Wir haben Entwicklungsarbeit geleistet über mehrere Jahre hinweg und schließlich einen Genehmigungsantrag gestellt. Dieser Genehmigungsantrag wurde dann jedoch im September 2019 abgelehnt, und zwar im Wesentlichen aus Artenschutzgründen."

Dabei spielt der Rotmilan eine zentrale Rolle. Denn der ist nach Ansicht des Naturschutzbundes (NABU) besonders häufig von Kollisionen mit Windrädern betroffen. Zum Schutz der Tiere argumentiert der NABU: "Ein naturverträglicher Ausbau der Windkraft ist daher nur möglich, wenn diese wissenschaftlich gut belegte Problematik anerkannt […] und bei jeder einzelnen Windrad-Planung berücksichtigt wird."

Solarzellen und Windräder
Solarzellen und Windräder | Bild: dpa / picture alliance / VisualEyze

Windkraftbefürworter Prof. Leprich von der HTW Saarbrücken entgegnet: "Klimaschutz ist der beste Artenschutz. Und dann um jeden einzelnen Rotmilan zu kämpfen ist in etwa so, als wenn sie sich auf der sinkenden Titanic um die Aquarienfische sorgen. Im Prinzip muss man das große Ganze betrachten."

Neues EEG würde Windenergiebranche finanziell belasten

Jetzt droht auch noch finanzielles Ungemach durch Wirtschaftsminister Peter Altmaier und die Bundesregierung. Sie will das Gesetz verschärfen. Wenn an der Leipziger Strombörse das Angebot kurzfristig größer ist als die Nachfrage, fällt der Strompreis unter Null. Bereits nach nur einer Stunde negativem Preis sollen die Betreiber von Neuanlagen dann dafür keine Vergütung mehr erhalten. Für Altanlagen gilt das erst nach sechs Stunden Überangebot.

20 Prozent produzierter Ökostrom bald umsonst?

Branchenvertreter Hermann Albers vom Bundesverband Windenergie befürchtet dramatische Folgen:
"Wir gehen davon aus, dass es einen Anstieg auf zwanzig und auch über zwanzig Prozent geben wird von produziertem Ökostrom, der nicht mehr vergütet werden wird. Damit ist die Windenergie sehr viel schwerer finanzierbar geworden. Die deutsche Bankenwirtschaft hat sich bereits an den Minister gewandt und bittet darum, dass diese Regelung abgeschafft wird."

Energiegenossenschaftler geben nicht auf

Zurück ins Saarland. Trotz aller Rückschläge bleiben Günter Walle und Konrad Lampert von ihrer Idee und ihrem Projekt überzeugt. "Wir werden weiter dranbleiben und weiter versuchen, Windkraftprojekte bei uns in der Region umzusetzen. […] Wir haben natürlich auch dadurch eine größere Chance, weil der Klimawandel einen immer größeren Druck erzeugt."

Stromzähler
Stromzähler | Bild: dpa / Arno-Burgi

Bisher geht die Bundesregierung bei ihren Prognosen von einem sinkenden Stromverbrauch aus. Wissenschaft und Industrie erwarten das Gegenteil. Stahl beispielsweise soll so schnell wie möglich CO2-neutral mit Wasserstoff produziert werden. Dafür werden gigantische Mengen an grünem Strom benötigt. Erst recht, wenn man gleichzeitig aus der Atomenergie und der Kohle aussteigen will. Aber der kürzlich zwischen Bund und Ländern vereinbarte Abstand von maximal 1000 Metern zwischen Wohngebieten und Windrädern bremst den Ausbau erheblich.

Bio-Landwirt Karl-Otto Schöndorf hofft jedenfalls, dass er sein Windrad auch künftig noch weiterbetreiben kann.
"Erstens, weil ich unheimlich viel Arbeit in die Genehmigung gesteckt habe, es war ein unheimlicher Aufwand, die Anlage überhaupt zu bauen. Die ist soweit bezahlt. Und warum soll man solche Anlagen nicht weiterlaufen lassen, die solchen sauberen Strom produzieren?"

Dezentralen Strom auch regional vermarkten

Noch völlig unklar ist, ob die Netzbetreiber den Strom von alten Windrädern überhaupt weiter in ihre Systeme übernehmen müssen. Sinnvoller wäre es ohnehin, wenn kleinere Stromproduzenten direkt in regionale Netzwerke einspeisen könnten, sagen Experten wie Prof. Leprich: "Wir müssen die Schleusen öffnen für den räumlichen Zusammenhang von Stromerzeugung und Verbrauch. Das heißt, dezentrale Anlagen, Photovoltaikanlagen auch Windanlagen sollten in der Lage sein, räumlich ihren Strom zu vermarkten und zu verkaufen und dafür müssen die Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass das möglich ist."

Ohne den beschleunigten Ausbau aller erneuerbaren Energien werden die Klimaziele schwer erreichbar sein. Entweder müssen mehr neue Windanlagen genehmigt werden oder die alten länger gefördert werden. Sonst drohen schon bald gefährliche Versorgungslücken.

Ein Beitrag von Wilfried Voigt

Online-Bearbeitung: Ute Kunsmann

Der Beitrag wurde produziert vom Saarländischen Rundfunk (SR) für "Das Erste".

Stand: 08.10.2020 15:21 Uhr

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