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Streit um Klärschlamm

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Streit um Klärschlamm | Video verfügbar bis 07.10.2021 | Bild: dpa / Bernd Wüstneck

– Es gibt keine Genehmigungen mehr, um aus Klärschlamm Phosphordünger zu produzieren.
– Dabei wurden solche Projekte mit Steuergeldern finanziert.
– Phosphor für Pflanzen als Dünger ist wichtig.
– Exportunabhängigkeit für Deutschland ist nur durch Recycling machbar.
– Innovative Produzenten fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen.
– Eine unmittelbare Folge: teure, umweltschädliche Verbrennung von Klärschlamm statt Kreislaufwirtschaft.

Wie Nachhaltigkeit gefördert und verhindert wird

Die Kläranlage Unkel in Rheinland-Pfalz: Sie sollte Vorreiter bei der Verwertung von Klärschlamm sein. Innovativ, umweltfreundlich und regional. Dagmar Stirba und ihre Kollegen produzieren aus dem Schlamm einen phosphorhaltigen Karbon-Stoff, der als Düngemittel genutzt werden soll. Politik und Behörden waren am Anfang begeistert. Aber jetzt gibt es keine Zulassung – seit geschlagenen sechs Jahren!

In Linz am Rhein kann Dagmar Stirba das nicht nachvollziehen: "Wir versuchen, die Innovation weiter zu betreiben, auch wenn sie ständig verhindert wird. Wir bleiben standhaft! Wir sind das kleine gallische Dorf."

Doch wie genau funktioniert das mit dem Phosphor-Recycling? Der Klärschlamm wird entwässert, getrocknet und dann auf rund 650 Grad erhitzt – in einer Pyrolysemaschine. Mit ihrer Hilfe werden Medikamentenreste, Schadstoffe und Mikroplastik entfernt, während der für die Pflanzen so wichtige Phosphor erhalten bleibt. Zweieinhalb Millionen Euro hat die Anlage gekostet. Rund ein Drittel wurde mit Steuergeldern finanziert – unter anderem aus dem Bundes-Innovationsprogramm. "Wenn ich mir so die Sache im Nachhinein betrachte, sollte man das umtaufen in Umweltverhinderungsprogramm. Letztendlich können wir den Weg nicht gehen, nachhaltig zu arbeiten, den Stoffkreislauf zu schließen. Das wird uns verwehrt."

Säcke mit Dünger
Säcke mit Dünger | Bild: SR Fernsehen

Thema laut Experte so groß wie der Klimawandel

Phosphor ist ein kostbarer Rohstoff – ein Baustein des Lebens, den es in Europa nicht in abbaubarer Form gibt. China, USA, Irak, Marokko und Tunesien sind die Haupt-Exportländer. Ohne Phosphor können Pflanzen und Lebewesen sich nicht entwickeln. Als natürlicher Dünger ist er sehr begehrt. Nur mit Recycling aus Klärschlamm und anderen Quellen kann Deutschland unabhängiger von Importen werden.

Für Experten hat das Thema eine genauso große Dimension wie der Klimawandel. Bernhard Wern vom Institut für Zukunftsenergiesysteme in Saarbrücken IZES erklärt warum: "In 30 bis 40 Jahren haben wir vielleicht keinen Mineraldünger mehr. Und dann haben wir auch kein Essen mehr, das produziert werden kann. Deswegen müssen wir jetzt schnellstmöglich reagieren und solche Projekte wie in Homburg auch fördern und auch gesetzlich flankieren."

Streit um Wirksamkeit von Phosphor-Koks

Auch in der Kläranlage im saarländischen Homburg, auf die Experte Wern sich bezieht, wird seit sechs Jahren Phosphor-Koks hergestellt. Inzwischen stapeln sich rund 2.000 Tonnen in Säcken. Auch hier fehlt die Zulassung. Das zuständige Bundes-Landwirtschaftsministerium wollte "Plusminus" kein Interview geben – und teilte lapidar mit: "Die Zulassung von Pyrolysekoks aus Klärschlämmen wird vom 'Wissenschaftlichen Beirat (...) wegen der mangelhaften pflanzlichen Wirksamkeit derzeit nicht unterstützt.'“

Das löst bei Michael Philippi, Geschäftsführer Entsorgungsverband Saar (EVS), Kopfschütteln aus. "Der Hauptpunkt ist die Aussage, dass das Phosphor in der Art und Weise nicht pflanzenverfügbar ist. Das trifft nach unserer Meinung gar nicht zu. Wenn wir uns mal umschauen, zeigt sich da etwas ganz anderes.“ Tatsächlich! Baumartige Gewächse, die sich ohne Bewässerung und trotz des heißen Sommers kraftvoll ihren Weg aus den Pyrolysekoks-Säcken bahnen. Jedes Frühjahr muss der Entsorgungsverband das Gründ wegschneiden. Bilder, die die wachstumsförderliche Wirkung eigentlich aufzeigen. Trotzdem sagt Philippi: "Aktuell, wie gesagt, treten wir an allen Stellen auf der Stelle.

Düngemittelherstellern sind Hände gebunden

Dieses Gefühl hat auch die Pyreg GmbH aus Rheinland-Pfalz. Sie hat die Anlagen in Unkel und Homburg gebaut. Viele Düngehersteller und Landwirte sind an der Phosphat-Kohle interessiert. Aber sie dürfen sie nicht einsetzen. "In Schweden hatten wir innerhalb von sechs Wochen die Registrierung des Materials als Düngemittel, das ist da auch in den Verkehr gebracht. In Deutschland sind wir jetzt ja mindestens sechs Jahre dran. Da sieht man so ein bisschen die Verhältnisse. Und man muss dazu sagen, dass auch in Schweden die Grenzwerte streng sind, zum Teil strenger als in Deutschland", sagt Pyreg-Geschäftsführer Gerber.

Deutschland verbietet, was Schweden erlaubt

Die Zulassung in Schweden müsste nach EU-Recht eigentlich auch automatisch für Deutschland gelten. Aber auch das wird von den deutschen Behörden blockiert. Und so entsteht eine skurrile Rechtslage: Der komplette Klärschlamm mit allen Schadstoffen darf noch bis Ende des Jahrzehnts als Dünger auf die Felder gebracht werden. Klärschlamm-Asche gilt ebenfalls als Dünger. Die Kohle, die auch aus dem Schlamm gewonnen wird, aber nicht. Obwohl sie klare ökologische Vorteile bietet, wie Pyreg-Chef Gerber erläutert:

Dünger aus Klärschlamm
Dünger aus Klärschlamm | Bild: imago images / YAY Images

"Unser Karbonisat hat natürlich im Vergleich zum Klärschlamm keine organischen Belastungen mehr. Da sind auch entsprechende Studien gerade veröffentlicht worden vom Umweltbundesamt in dem Fall. Also enthält es keine Medikamentenrückstände mehr, es ist kein Mikroplastik mehr vorhanden. Und der große Vorteil gegenüber der Asche ist natürlich, dass wir elementaren Kohlenstoff im Karbonisat belassen und dadurch zum Klimaschutz beitragen. Dieser Kohlenstoff war vorher Kohlendioxid in der Atmosphäre.“

Folgen für Kläranlagen

Wird die Zulassung von Pyrolysekoks als Dünger weiter verweigert, bedeutet dass das Aus für kleinere, dezentralen Verfahren wie in Linz oder Homburg. "Dann heißt das, dass alle Kläranlagen ihren Klärschlamm verbrennen müssen in Verbrennungsanlagen, die nur für Klärschlamm gebaut sind und aus der entstehenden Asche nachher unter Aufwand von Energie, von Chemikalien und unter Produktion von Abfällen der Phosphor zurückgewonnen werden muss", erläutert Tina Vollerthun, Projektleiterin beim EVS.

Statt dem Recycling vor Ort wären dann große zentrale Verbrennungsanlagen die einzige Alternative. Das bedeutet aber auch: hohe Investitionen, weite Transportwege für den Klärschlamm, großer Energieeinsatz und CO2-Ausstoß statt Bindung in der Phosphat-Kohle.

Warum verhindert die Regierung Innovation?

Das Team aus Unkel hat inzwischen die Faxen dicke und zieht jetzt vor Gericht. "Ich finde es erschreckend, dass wir ein innovatives Projekt nicht zum Abschluss bringen. Weil Innovation in Deutschland wohl nicht gewollt ist. Viel Bürokratie, aber keine Zulassung. So ein Schlamassel ist ja kein Einzelfall. Dann freuen sich eben andere“, sagt Dagmar Stirba. Anlagenbauer Gerber wird noch deutlicher: "Wir sehen ganz einfach Nachfragen und Vertrieb gehen immer mehr ins Ausland. Also nach Schweden, in die USA, wir haben eine Anlage nach China gefahren. Jetzt auch zwei Anlagen nach Indien. Wir müssen uns im Moment wirklich die Frage stellen, ob wir hier am richtigen Standort sind."

Die Erforschung erst mit Steuergeldern unterstützen, die Markteinführung aber verhindern. Eine seltsame Logik. Keine ausreichende Düngewirkung schreiben die Behörden. Die Pflanzen auf dem Homburger Betriebshof haben das wohl nicht gelesen.

Ein Beitrag von Peter Sauer

Onlinebearbeitung: Ute Kunsmann

Der Beitrag wurde produziert vom Saarländischen Rundfunk (SR ) für "Das Erste"

Stand: 08.10.2020 16:00 Uhr

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