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Krankenhaus-Hygiene – Was wir von den Niederlande lernen können

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Krankenhaus-Hygiene – Was wir von den Niederlande lernen können | Video verfügbar bis 10.07.2020 | Bild: dpa / Stephanie Pilick

  • Massive Hygieneprobleme in deutschen Kliniken – Folge: bis zu 600.000 Infektionen und bis zu 40.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr.
  • In Niederlanden deutlich weniger Infektionen und Tote dank guter Hygiene.
  • Vergütungssystem für OPs in Deutschland muss geändert werden.
  • Schwerstkranke brauchen Einzelbetreuung.
  • 95 Prozent der gefährlichen Keime werden per Hand übertragen.

Walburga K. und ihre Kinder haben den Tod ihres Mannes und Vaters bis heute nicht verwunden. Otmar K. starb vor 10 Jahren völlig unerwartet nach einer Routine-OP. Die Ärzte hatten eine Arterie am Bein ausgetauscht. Aber kurz nach der Entlassung aus dem Krankenhaus bekam er hohes Fieber und Schüttelfrost.

Walburga K.: "Dann habe ich schon gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Und dann kam er und dann hat er mich umarmt, dann habe ich gesagt, kommt setze dich hin, ich hole Hilfe. Und dann bin ich losgerannt."

Otmar K. bricht zusammen. Ein Notarzt bringt ihn zurück in die Klinik. Vergebens. Die Familie erfährt: Er wurde mit einem aggressiven Bakterium infiziert. Die Folge: Eine Blutvergiftung mit tödlichem Ausgang.

Thomas K., der Sohn des Verstorbenen: "Der Keim hatte dafür gesorgt, dass die Niere nicht mehr richtig gearbeitet hat, und dass dann das Kleinhirn zerfressen wurde und auch das Großhirn schon angefressen wurde durch den Keim."

Nach verschiedenen Schätzungen gibt es bis zu 600.000 Infektionen und zwanzig- bis 40.000 vorzeitige Todesfälle in deutschen Kliniken. Pro Jahr. Weil es an sachgerechter Hygiene fehlt.

Dr. Burkhard Kirchhoff, Patientenanwalt: "Es ist ein Armutszeugnis! Wir haben gedacht, wir haben jetzt die Antibiotika, und wir brauchen eben keine Hygieniker. Genau diese Gedanken rächen sich jetzt, weil die hochresistenten Keime zunehmen und sich jetzt eben zeigt, dass die Antibiotika eben keine Waffe mehr sind."

Vorbild Niederlande – nur Bruchteil an Todesfällen

Wir fahren in die Niederlande. Denn die machen es besser. Viel besser.

Hier werden viel weniger Patienten infiziert und es kommt nur zu einem Bruchteil der Todesfälle. Weil man ein anderes Hygienekonzept verfolgt.

Keimtest schon bei Aufnahmeuntersuchung

Schon bei der Aufnahme werden viel mehr Patienten als in Deutschland auf gefährliche Keime untersucht. Bringen sie Bakterien mit ins Krankenhaus, werden sie sofort in Quarantäne gebracht.

Die Proben gehen direkt ins Labor, und zwar in das eigene. Ein entscheidender Unterschied zu Deutschland. Hier wurden die meisten Labore outgesourct - um Geld zu sparen. Weit weg vom Klinikalltag.

Prof. Dr. Alexander Friedrich, Universitätsklinik Groningen NL (UMCG): "Wenn ich einfach länger brauche, um zu wissen, was richtig ist, dann nehme ich mir selbst die Chance, schneller die richtige Entscheidung zu fällen. Wenn ich vor Ort direkt unterm Mikroskop schaue, und sehe "aha", dieser Erreger kann es nicht sein, es muss ein anderer sein, dann kann ich sehr viel schneller die richtige Therapie für den Patienten empfehlen."

Spezialisierte Ärzte in Deutschland oft Fehlanzeige

Experten für Mikrobiologie oder Hygiene kümmern sich nicht nur nebenbei, sondern ausschließlichum die Vermeidung oder Behandlung von Infektionen.

In Deutschland gibt es viel weniger dieser Spezialisten. Vor allem in kleinen und mittleren Häusern.

Krankenhauskeime
Krankenhauskeime | Bild: dpa / Armin Weigel

Prof. Dr. Alexander Friedrich, Universitätsklinik Groningen (UMCG): "Zwei Drittel aller Krankenhäuser in Deutschland haben weniger als 400 Betten. Und der Erreger weiß aber nicht, wie groß die Krankenhäuser sind. Der kommt auch in diese Krankenhäuser. Aber es kann ja nicht von der Größe eines Krankenhauses abhängen, wie geschützt der Patient ist."

Oft behandeln Ärzte anderer Disziplinen die Infektionen nebenbei mit: Chirurgen, Gynäkologen, Orthopäden - keine ausgewiesenen Keimspezialisten.

Mehr Zeit für Hygiene

In den Niederlanden bestimmen nicht nur Ärzte, sondern auch Pflegekräfte, ob neue Patienten aufgenommen werden können. Wenn nicht, bleiben die Betten leer. Und die Patienten gehen woanders hin.

Dr. Burkhard Kirchhoff, Patientenanwalt: "Die Pflege schätzt selber ein, können wir die Pflege und Versorgung dieser Patienten auch unter hygienischen Gesichtspunkten auch ausreichend gewährleisten. Oder müssen wir vielleicht 20 bis 30 Prozent der Klinikbetten freilassen, um eine ordnungsgemäße Pflege durchführen zu können. Ein völlig anderes Modell in Deutschland. Völlig undenkbar, dass Pflegekräfte über die Besetzung der Betten und der Klinik entscheiden."

Damit bleibt auch genügend Zeit für einen der wichtigsten Punkte überhaupt: Die Handhygiene.

Rund 95 Prozent der gefährlichen Keime werden per Hand übertragen. Mindestens 30 Sekunden sollte jede Desinfektion dauern, vor und nach jedem Patienten.

Einzelbetreuung für Schwerstkranke senkt Ansteckung

In Deutschland ist das häufig gar nicht machbar. Dort versorgt eine Pflegekraft auf der Intensivstation meist mehrere Schwerkranke. In Groningen hat nahezu jeder Patient seine eigene Betreuung.   

Prof. Dr. Alexander Friedrich Universitätsklinik Groningen NL (UMCG): "Dann ist es viel einfacher, Händehygiene bei uns umzusetzen, nicht weil unsere Pflegekraft Händehygiene besser umsetzt, weil sie es einfach viel seltener machen muss, weil sie ihren Patienten versorgt, und Deutschland die Pflegekraft wie ein Roboter desinfizieren muss, weil sie ständig von einem Patienten zum anderen gehen muss. Und das führt zur Übertragung."

Und: Reinigungskräfte sind in den Niederlanden sehr gut geschult und fast immer fest angestellt. Sie haben die nötige Zeit, gründlich zu arbeiten. Und sie kennen alle Gefahrenherde - auf ihrer Station. Anders als viele Billigfirmen in Deutschland, die dazu noch oft unter Zeitdruck stehen.

Zu viele OPs in Deutschland Mitschuld an Infektionen

Viel weniger Eingriffe – so das niederländische Prinzip. Und je weniger OPs, desto weniger Wunden - in die aggressive Keime eindringen können.

Mediziner mit Petrischale
Mediziner mit Petrischale | Bild: SR

Dr. Burkhard Kirchhoff, Patientenanwalt: "Die Politik hat bis heute nicht verstanden, dass das Vergütungssystem in Deutschland reformiert werden muss. Es ist ein absoluter Irrsinn, den Kliniken möglichst viele Operationen zu bezahlen. Wir haben in Deutschland als Folge dieses Irrsinns fünf Mal zu viele Operationen, fünf Mal so viel Patientenleid und fünf Mal so viele Tode wie in den Niederlanden."

Hygiene-Knowhow ging verloren

Zurück auf die deutsche Seite, nach Leer im Emsland. Hier im Grenzgebiet wartet man nicht auf die deutsche Politik. Man holt sich das Know How von den Nachbarn.

Ein Experte aus Groningen kommt regelmäßig ins Haus, um die deutschen Kollegen in Sachen Hygiene zu unterstützen.

Dr. Berry Overbeek, Universitätsklinik Groningen (UMCG): "In den letzten 20 Jahren sind in Deutschland immer weniger Hygieniker ausgebildet worden. Und damit hat man Kenntnisse verloren auf dem Gebiet der Infektionskrankheiten. Und die muss wiederhergestellt werden, weil auf dem Flur bei Pflegern und Ärzten zu wenig Kenntnis ist, was man machen muss und warum."

Nach 25 Jahren hat man in Leer wieder ein eigenes Labor ins Haus geholt. So kann man schnell testen, ob und welche Bakterien Patienten in sich tragen, um sie dann zügig zu behandeln.

Siegfried Bothe, Hygienearzt Klinikum Leer: "Wir haben es jetzt geschafft, dass wir frühzeitig aus den positiven Blutkulturen die ersten Erreger bestimmen können, und auch die ersten gezielteren Therapien angefangen können. Und ich behaupte, wir haben auch schon das eine oder andere Leben dadurch retten können, weil wir einfach eher vernünftiger und besser waren."  

In Klinik nach Hygienikern fragen

Doch was machen Patienten fernab vom Grenzgebiet? Wie erkennt man gute Hygienestandards?

Dr. Alexander Friedrich, Universitätsklinik Groningen (UMCG): "Wenn es einen solchen klinischen Mikrobiologen oder Hygieniker in einem Krankenhaus nicht gibt, dann würde ich einen großen Bogen um ein solches Krankenhaus machen, weil dann sind Sie dort nicht geschützt, wie sie eigentlich entsprechend der Facharztqualität geschützt werden müssen."

Für Walburga K. kommt das zu spät. Ihr Mann konnte nicht mehr gerettet werden. Sie fühlt sich "miserabel, weil ich immer denke, es hätte nicht sein müssen".

Die Familie hat gegen die Klinik geklagt und nach jahrelangem Kampf 30.000 Euro Schadenersatz erhalten. Das Geld wiegt den Verlust natürlich nicht auf. Aber sie wollten vor Gericht ein Zeichen setzen, um anderen Familien das gleiche Schicksal zu ersparen.

Ein Beitrag von Nicole Würth

Stand: 15.07.2019 11:21 Uhr

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