SENDETERMIN Mi, 10.07.19 | 21:45 Uhr | Das Erste

Kurzzeitpflege – keine Pause für Angehörige

PlaySenioren im Rollstuhl im Pflegeheim
Kurzzeitpflege – keine Pause für Angehörige | Bild: dpa picture alliance / Sebastian Kahnert

  • Über zwei Millionen Familien pflegen Angehörige selbst zuhause .
  • Sie sparen der Gesellschaft Milliarden an Kosten.
  • Bei Erschöpfung werden Angehörige allein gelassen.
  • Kurzzeit-Pflegeplätze fehlen oft im Umkreis von 100 Kilometern.
  • Vorgeschriebene Fachkraftquote kann nicht erreicht werden.

2,5 Millionen Menschen werden in Deutschland zuhause gepflegt. Meist von Angehörigen. Ambulant vor stationär, so will es der Gesetzgeber.

Aber Pflege, Familie und Beruf sind nur schwer zu schaffen. Die Kurzzeitpflege soll die Angehörigen entlasten, damit sie nicht zusammenbrechen oder selbst krank werden. Das Ganze funktioniert allerdings oft nur in der Theorie.

Häusliche Pflege am Limit

Klaus-Dieter L. ist auf ständige Hilfe angewiesen. Der 70-jährige ist schwer an Demenz erkrankt. Seine Frau Rita muss sich allein um alles kümmern. Auch nachts ist sie immer alarmbereit. Für ihr eigenes Leben bleibt nichts mehr übrig. Sie bräuchte dringend eine Auszeit.

"Ich habe vielleicht vier viereinhalb fünf Stunden geschlafen, mehr schaffe ich nicht und das seit mindestens einem halben Jahr", erzählt sie über ihren Alltag. Nun könne sie aber nicht mehr. Sie sei mit ihren Nerven am Ende.

Kurzzeit-Pflegeplätze fehlen

Hilfesuchend hat sich Rita L. an die Demenzsprechstunde in Krefeld gewandt. Anlaufstelle für alle, die mit der Pflege zu Hause nicht mehr alleine zurechtkommen. Katrin Krah aus der Klinik für Gerontopsychiatrie und – psychotherapie Krefeld ist darauf spezialisiert, zusammen mit den Familien die beste Lösung zu finden. Die Suche nach Plätzen für eine Kurzzeitpflege wird aber immer schwieriger. Selbst im Umkreis von 100 km ist oft nichts zu finden.

"Im Moment ist die Situation einfach katastrophal. Es kann sein, dass wir ein, zwei Wochen brauchen, um überhaupt einen Platz zu bekommen und wenn es dann noch jemand ist, der großen Hilfebedarf hat, dann ist es oftmals einfach aussichtslos", erzählt Katrin Krah.

Kurzzeitpflege - fehlende Wirtschaftlichkeit, fehlendes Personal

Auch der 91-jährige Sylvester B. braucht Betreuung rund um die Uhr. Seit 8 Jahren bestimmt die Pflege den Tagesablauf der ganzen Familie. Und besonders den seiner Tochter Elisabeth. Ohne regelmäßige Auszeiten wäre das nicht zu schaffen.

Seniorin am Rollator
Seniorin am Rollator | Bild: dpa picture alliance / Christoph Schmidt

Die Hiobsbotschaft kam vor 2 Jahren: Die Einrichtung, die Sylvester B. regelmäßig besuchte, schloss die Kurzeitpflege. Von heute auf morgen waren 12 Betten weg. Und damit die einzigen fest verfügbaren Kurzzeitplätze in ganz Ingolstadt.

Pflegegutachten ermittelte Bedarf

Elisabeth B. sammelte zusammen mit anderen pflegenden Angehörigen Unterschriften und machte auch sonst mächtig Druck. Mit Erfolg. Die Stadtverwaltung gab ein Gutachten in Auftrag. Das ermittelte einen Bedarf von aktuell mindestens 15 und künftig 21 Plätzen. Gerade mal 5 wurden wieder eingerichtet.

Das sei beschämend, meint Elisabeth B.: "Ich finde es viel zu wenig. Es müssten eigentlich die pflegenden Angehörigen mehr entlastet werden. Das ist ein Unding, dass zu wenige da sind".  Es werde nicht anerkannt, wie wichtig Kurzzeitpflegeplätze für die Pflegenden sei. Ohne würde man auf Dauer nicht durchhalten, so Angela M. Und Brigitta M. verweist darauf, dass der Anteil der alten Menschen und damit der Bedarf immer größer werden.

Gewährsleistung von Leistungsansprüchen

Nicht nur in Ingolstadt, fast überall im Land fehlen Kurzzeitplätze. Und der Mangel nimmt zu. Der Pflegeexperte Thomas Klie fordert verpflichtende Angebote: "Es kann nicht sein, dass auf Pflege angewiesene Menschen, Versicherte der Pflegekasse ihre Rechtsansprüche nicht einlösen können. Das ist ein Skandal, und insofern brauchen wir einen wirklich durchsetzbarer Gewährleistungs- und Sicherstellungsauftrag."

Hoher Aufwand bei unzureichender Finanzierung

Andrea Ziegler-Wrobel würde gerne zusätzliche Plätze einrichten. Direkt angebunden an die Tagespflegeeinrichtung der Danuvius Klinik in Ingolstadt. Die meisten Gäste kämen ohnehin schon mehrere Tage in der Woche hierher. So könnten sie in vertrauter Umgebung bleiben, wenn ihre Angehörigen ein paar Tage Auszeit brauchen. Auch die Mitarbeiter und Bewohner der anderen Stationen würden entlastet, weil dort nicht mehr ständig neue Gäste kämen. Der bürokratische Aufwand, solche Plätze einzurichten, sei allerdings absurd hoch.

"Wir müssen Tagebuch führen. Wir müssen die offenen Plätze bewerben. Wir müssen nachweisen, wie viel Personal wir eingesetzt haben." Man habe auf der einen Seite einen ungeheuren Aufwand und auf der anderen Seite eine schlechtere Vergütung als bei Dauerpflegeplätzen. Da sei es kein Wunder, dass so wenige Heime Plätze für die Kurzzeitpflege einrichten.

Vorschriften verhindern Kurzzeitpflegeplätze

Und dann wurden der Danuvius Klinik statt der 5 beantragten nur 3 Plätze genehmigt. Strikt nach Vorschrift. Einrichtungen unter 120 Betten bekommen nicht mehr.

Fehlende Fachkräfte

Pflegerin mit Seniorin
Pflegerin mit Seniorin | Bild: dpa picture alliance / Christoph Schmidt

Mehr Pflege braucht auch mehr Fachkräfte. Die sind aber weit und breit nur schwer zu bekommen. "Ich bin sogar bereit gewesen auch die Philippinen zu reisen, um mir Leute vor Ort anzusehen. Ich habe Arbeitsverträge geschlossen, habe Wohnraum und nun warte ich seit 9. Oktober 2018 auf das Anerkennungsverfahren durch die Regierung von Oberbayern und es ist mir nicht möglich, in einen persönlichen Kontakt zu treten, um diesen Schritt einfach zu forcieren", ärgert sich die Geschäftsführerin der Danuvius Klinik Andrea Ziegler-Wrobel.

Fachkraftquote – Anpassung an Realität

Ohne zusätzliche Fachkräfte gibt es aber auch keine neuen Plätze. Egal ob Kurz- oder Dauerpflege. Weil die Genehmigung der Behörde fehlt, können in einem anderen Bereich 26 dringend nachgefragte Zimmer nicht belegt werden. Die vorgeschrieben Fachkraftquote von 50% wird nicht erreicht. Auch eine unsinnige Vorschrift, die dringend an die Realität angepasst werden müsste.

"Wir brauchen Assistenzberufe daneben. Und davon brauchen wir sehr, sehr viel mehr. Auch mehr als Pflegefachkräfte. Weil der Alltag besteht nicht nur aus Pflege. Leben unter den Bedingungen von Pflegebedürftigkeit, heißt in der Natur sein, das heißt mit Freunden zusammen sein, Musik hören. Das, was einem wichtig ist. Und hierfür brauchen wir Assistenzberufe aus der Hauswirtschaft, auch aus der sozialen Arbeit", fordert Prof. Thomas Klie.

Fehlende Unterstützung für pflegende An- und Zugehörige

Rita L. geht es durch die Unterstützung der Demenzsprechstunde wieder ein wenig besser. Aber jedes Mal ein neuer Kampf um ein paar Tage Erholung? Das kann so nicht weitergehen. Über zwei Millionen Familien übernehmen die Pflege selbst. Sie sparen der Gesellschaft Milliarden an Kosten. Und werden zum "Dank" dafür viel zu oft allein gelassen.

Ein Beitrag von Ingo Blank

Stand: 15.07.2019 11:14 Uhr

2 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

Mi, 10.07.19 | 21:45 Uhr
Das Erste

Produktion

Saarländischer Rundfunk
für
DasErste