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Wie der Klimawandel Versicherungsbeiträge steigen lässt

PlayUnwetterschäden - muss es wieder eine Pflicht zur Elementarschadenversicherung geben?
Wie der Klimawandel Versicherungsbeiträge steigen lässt | Video verfügbar bis 10.07.2020 | Bild: dpa / Julian Stratenschulte

  • Extremwetterlagen haben in den letzten Jahren zugenommen.
  • Elementarschadenversicherung hilft bei Gebäudeschäden.
  • Für die meisten Hausbesitzer ist eine Zusatzpolice günstig.
  • In Risikogebieten sind die Versicherungsbeiträge hoch.
  • Die Versicherungswirtschaft lehnt eine Pflichtversicherung ab.
  • In Frankreich und der Schweiz gibt es schon eine Versicherungspflicht.

Eine ganze Molkereiproduktion unter Wasser

Besonders stark erwischt hat es an diesem Tag die mittelständische Molkerei Schwälbchen. Das Regenwasser kam plötzlich von unten und von oben, weil die Produktionshalle ein paar Meter unterhalb der Straße liegt.

Günter Berz-List von der Molkerei Schwälbchen beschreibt die unbehagliche Situation: "Das war eine Sache von noch nicht einmal 20 Minuten. Das Wasser kam durch die Decke in die Produktion, das Wasser aus der Kanalisation floss in den Keller."

Der Schaden geht in den sechsstelligen Bereich: Unter anderem muss die Decke des Kellers erneuert werden. Das Unternehmen ist zum Glück versichert. Rund 100.000 Euro gibt die Molkerei jährlich für eine Sach- und Betriebsausfallversicherung aus. Im Jahr 2011 hat es schon einmal einen ähnlichen Starkregen gegeben. Die Beiträge sprangen danach in die Höhe. Günter Berz-List befürchtet, dass die Versicherung jetzt noch teurer werden könnte.

Das Risiko steigt

Ob heftige Überschwemmungen, Stürme bis hin zu Tornados oder sogar Erdrutsche und Erdbeben - die Umwetter nehmen zu.

Starkregen in Deutschland seit 2001
Starkregen in Deutschland seit 2001 | Bild: Das Erste

In den vergangenen 18 Jahren hat es kaum eine Region gegeben, die nicht von besonders heftigen Regenfällen betroffen war. Im Alpenvorland und in den Mittelgebirgen treten heftige Niederschläge noch viel öfter auf.

Tim Staeger ist promovierter Meteorologe und arbeitet im Wetterkompetenzzentrum der ARD in Frankfurt. Für ihn steht fest: Zwischen dem Klimawandel und den sich häufenden Wetterextremen gibt es einen Zusammenhang. "Eine wärmere Atmosphäre kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen, ist dann potenter und kann dann extremere Niederschläge verursachen. Auch hierzulande wird es in Zukunft vor allem mehr Hitzewellen geben, gleichzeitig aber auch mehr Starkregen-Ereignisse. Das zeigen auch die Modelle für die zukünftigen Jahrzehnte. Darauf wird man sich in Zukunft einstellen müssen", erklärt der ARD-Wetterexperte.

Elementarschadenversicherung hilft bei Unwetterschäden

Gegen die Folgen von schweren Unwettern hilft eine Elementarschadenversicherung. Die Zusatzpolice für Gebäude springt bei Schäden ein, die durch Regen, Hochwasser, Erdbeben, Erdrutsche und Schneemassen entstanden sind. Doch viele Häuser sind gegen diese Gefahren nicht abgesichert.

Nur in Baden-Württemberg liegt die Quote bei hohen 94 Prozent, weil es dort bis in die 90er Jahre hinein eine Versicherungspflicht gab. In Nordrhein-Westfalen entspricht die Quote nur 43 Prozent, noch weniger in Niedersachsen - nur 22 Prozent sind dort versichert. In Sachsen liegt die Versicherungsquote bei 47 Prozent. Der gesamtdeutsche Durchschnitt liegt bei 43 Prozent, nicht einmal jedes zweite Gebäude ist abgesichert.

Die Justizminister der Länder haben 2015 über eine Versicherungspflicht für alle diskutiert – die Idee wurde aber wieder verworfen. Für Verbraucherschützerin Andrea Heyer ist das die falsche Entscheidung. Eine Pflicht sei sinnvoller denn je. "Wetter- und Klimaschutzexperten sagen voraus, dass es in Zukunft höhere Schäden durch Naturgefahren geben wird. Vor diesem Hintergrund muss man feststellen, dass die Versicherungsdichte viel zu gering ist", so die Verbraucherschützerin aus Sachsen.

Schutz vor Elementarschäden
Schutz vor Elementarschäden | Bild: Das Erste

Für die meisten Hausbesitzer ist eine Zusatzpolice günstig. Die normale Wohngebäudeversicherung für ein Einfamilienhaus kostet im Durchschnitt 194 Euro pro Jahr. Schon ab 59 Euro zusätzlich ist ein Schutz vor Elementarschäden zu haben.

In Risikozonen, zum Beispiel direkt am Fluss, sind die Beiträge allerdings deutlich höher. In Katastrophenfällen geizt der Staat zudem mit Hilfsgeldern. In Bayern zum Beispiel werden Betroffene seit Anfang Juli nur noch in Ausnahmesituationen unterstützt. Bei einer Versicherungspflicht gäbe es einen Rechtsanspruch auf Hilfe. Eine Versicherungspflicht könnte zudem auch dafür sorgen, dass die Prämien für alle bezahlbar wären, meint Andrea Heyer von der Verbraucherzentrale Sachsen.

Versicherungswirtschaft gegen Pflichtversicherung

Die Versicherungswirtschaft bezweifelt das allerdings. Auf eine Anfrage von Plusminus schreibt der Branchenverband GDV: "Eine Pflicht zu versichern, verhindert keinen einzigen Schaden, kann damit also zu keiner Preissenkung führen." Und weiter: "Das Verhältnis von versicherten Werten und Schäden bliebe gleich – und damit auch die Prämien."

Die Diskussion bleibt aktuell: Erst vor zwei Wochen fand in Bonn eine internationale Konferenz zur Frage statt, wie sich Städte und Bürger besser auf Wetterextreme vorbereiten können.

Reimund Schwarze vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung meint, dass die Versicherungsbranche eine gesetzliche Pflicht ablehnt, weil ihr das Risiko in hochgefährdeten Gebieten zu groß sei. Er schlägt deshalb staatliche Zuschüsse für Eigentümer und eine Staatsgarantie für die Versicherer vor.

In Frankreich und in der Schweiz müssen sich die Bürger bereits gegen Elementarschäden pflichtversichern. Bei einer repräsentativen Umfrage der Verbraucherzentrale Sachsen, vor zwei Jahren, haben sich zwei Drittel der Deutschen für eine Versicherungspflicht ausgesprochen - obwohl viele dann mehr zahlen müssten.

Ein Beitrag unseres Kollegen Daniel Hoh vom Hessischen Rundfunk

Stand: 15.07.2019 11:18 Uhr

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