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Corona: Reisebranche unter Druck

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Ökologisch reisen | Video verfügbar bis 11.03.2021 | Bild: dpa Bildfunk/Holger Hollemann

– Viele Reisekunden haben Angst vor Quarantäne im Ausland
– Stornierungen treffen alle Reiseländer
– Börsen geraten in Panik
– Droht eine neue Bankenkrise?

Ab in den Sommerurlaub: In normalen Zeiten hätte Nina Orschel gerade richtig viel zu tun. Das Frühjahr ist die Buchungszeit für die Sommerferien. 2-3 Reisen schließt sie in ihrem Wiesbadener Reisebüro dann normalerweise ab, am Tag! Aber in diesen Zeiten ist es gerade mal eine Buchung, pro Woche! Vielen Kunden ist durch Corona die Lust auf’s Reisen gründlich vergangen.

Nina Orschel, Inhaberin eines Reisebüros: "Viele Kunden sind verunsichert, die fragen nach, was ist jetzt eigentlich mit meiner Reise, wie geht es weiter, was wird kommen?"

 Und nicht wenige stornieren vorsorglich, aus Angst man könnte irgendwo in Quarantäne festsitzen.

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Urlaubskatalog | Bild: dpa Bildfunk/Holger Hollemann

Nina Orschel, Inhaberin eines Reisebüros: "Das trifft leider alle Länder. Wir haben sehr viele Stornierungen. Das ist unabhängig vom Zielgebiet. Also, es ist jetzt nicht China oder Italien. Es ist tatsächlich auch Mallorca. Es ist Türkei, es ist Dubai. Es ist Garmisch-Partenkirchen."

Lufthansa rechnet noch viele Monate mit Ausfällen

Keine Kunden in den Reisebüros – und auch viele Flieger bleiben halbleer. Für die Lufthansa hat sich die Lage in den vergangenen Tagen dramatisch verschlechtert.

Es gibt genauso viele Stornierungen wie Buchungen. Auf Dienstreise schicken viele Unternehmen ihre Mitarbeiter nur noch, wenn es gar nicht anders geht. Dazu kommen Einreisebeschränkungen für Deutsche wie beispielsweise in Israel. Die Sorge ist groß, dass noch mehr Länder dazu kommen könnten. Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat vor einigen Tagen die Lufthansa-Mitarbeiter intern auf harte Zeiten eingestimmt.

Carsten Spohr, Lufthansa: "Unsere Flugplaner arbeiten derzeit an Szenarien, nach denen bis zu 50% unserer Flüge aus den Flugplänen genommen werden. (...) Leider  müssen wir annehmen, dass es Monate dauern kann, bis wir die ersten Zeichen von Stabilität sehen."

Panik an Börse

Corona infiziert die Wirtschaft. Durch und durch. An der Börse macht sich Panik breit. Händler erleben einen schwarzen Montag mit heftigen Kurseinbrüchen. Keiner wagt eine Langzeitprognose, zu viele Unbekannte sind mit im Spiel, sagt Markus Grüne, Leiter der ARD-Börsenredaktion: "Das liegt vor allen Dingen daran, dass die Unternehmen selbst überhaupt nicht wissen, welche Prognosen sie überhaupt selber stellen können, für das laufende Jahr, und vielleicht auch für das Jahr danach, das wird uns eine ganze Weile beschäftigen."

Droht erneute Bankenrettung?

Aktien deutscher Banken sind beim großen Börsenbeben unter den größten Verlierern.  Denn Corona befeuert die Sorge um unser Finanzsystem von neuem. wenn kleine und mittlere Unternehmen pleitegehen.

Markus Gürne, Leiter der ARD-Börsenredaktion: "Dann fallen die Kredite bei den Banken aus. Und wenn Kredite bei den Banken ausfallen, dann kommen die sehr schnell in sehr schwere See. Und dann könnten wir einen Moment erleben, wo wir drüber reden müssen, dass wir Banken retten müssen, das wäre dann so ein Moment wie 2008 bei der Finanzkrise."

EZB hat schon viel Pulver verschossen

So weit ist es noch nicht. Aber das Beispiel Deutsche Bank zeigt, wie wackelig die Branche dasteht. Anfang des Jahres musste ihr Chef Christian Sewing einen Milliardenverlust verkünden, das sollte der Wendepunkt sein. Sewing stellt die Bank neu auf, der Markt schöpfte Vertrauen und es sah ganz gut aus, für die Deutsche. Jetzt kommt Corona und das Jahr zum 150. Geburtstag könnte zum Schicksalsjahr werden.

Zumal die Notenbanken in dieser speziellen Virus-Krise nur bedingt helfend eingreifen können. Die EZB hat mit Leitzinsen bei null und negativen Einlagezinsen schon viel Pulver verschossen, beobachten Ökonomen und erwarten wenig Effekte von der EZB-Ratssitzung am Donnerstag.

Stefan Schneider, Chefvolkswirt für Deutschland Deutsche Bank: "Die amerikanische Notenbank hat es ja versucht, mit einer überraschenden deutlichen Zinssenkung, es hat nicht viel gebracht. Aber es ist ja auch nicht so überraschend. Wenn man sich überlegt, dass es ja ein Angebotsproblem ist und ein psychologisches Problem. Leute, die gesagt haben, ich kaufe jetzt nicht ein, oder ich möchte jetzt nicht investieren, aufgrund der massiven Unsicherheit, werden jetzt nicht nur, weil die Zinsen etwas runter gekommen sind, ihre Entscheidungen revidieren."

Unternehmen bangen um Zukunft

Genauso wenig wie Nina Orschel in ihrem Wiesbadener Reisebüro darauf setzen kann, dass ihre Kunden schon wieder Lust auf Urlaub bekommen, wenn nur die Preise sinken. Sie muss Miete und Gehälter ihrer Angestellten weiter zahlen – und darauf hoffen, die Corona-Krise einigermaßen zu überstehen.

Ein Beitrag unserer Kolleg/innen Sandra Scheuring und Jürgen Ackermann vom HR

Zwischen Corona und Klimakrise – Warum in die Ferne schweifen?

– Über 60 Prozent der Deutschen für ökologisches Reisen
– Aber nur  sechs Prozent praktizieren es
– Corona-Virus könnte sich als ungebetener Klimaschützer entpuppen
– Experte: Reiseverhalten normalisiert sich erfahrungsgemäß aber auch schnell wieder

Jetzt stehen viele Familien vor der Frage: Wohin in den Oster- und Sommerferien? Einerseits die Corona-Gefahren, andererseits der Stress mit dem Nachwuchs über Klimawandel und Fridays for Future. Die Lust auf Kreuzfahrten hat nach den jüngsten Corona-Fällen ohnehin nachgelassen, und das Flugzeug ist der Umwelt-Schädling Nummer 1. Da raten Umwelt-Experten entweder zu Bus oder zur Bahn, mit viel Ökostrom.

Jens Teubler, Nachhaltigkeitsforscher Wuppertal Institut: "Prinzipiell kann man sagen, bei Distanzen 500, 600 oder 800 Kilometern natürlich der Zug wenn möglich immer noch die sinnvollste Variante ist. Auf so einer Distanz kann es auch schon sehr sinnvoll sein, das Auto zu nehmen, und mit mehreren Personen im Auto zu sitzen, anstatt den Flieger von Wien nach Berlin zu nehmen."

16 deutsche Nationalparks besichtigen statt um die halbe Welt

Spaziergänger im Frühling
Spaziergänger im Frühling | Bild: picture alliance/Axel Heimken

Das Ehepaar G. aus dem saarländischen Differten macht das schon seit Jahren so. Keine Flüge, keine Kreuzfahrten. Bewusst suchen sie sich Urlaubsziele zum Wandern aus und sind dorthin auch schon oft mit der Bahn gefahren. Und es hat ihnen immer gefallen.

Michael G.: "Es gibt 16 Nationalparks in Deutschland, die alle so eine schöne Natur, so eine schöne Landschaft haben, dass man dafür nicht um die halbe Welt fliegen muss, wenn man ein schönes Naturerlebnis haben will."

Von der Corona-Angst wollen sie sich bei der Wahl ihrer Ziele nicht beeinflussen lassen. Vielleicht bietet die Krise sogar eine Chance, dass auch andere die Schönheiten in der Nähe entdecken?

Michael und Jutta G.: "Wenn man keine engen Kontakte pflegt und etwas Abstand hält, dann habe ich jetzt persönlich keine Angst irgendwohin zu fahren, noch nicht.""Ich denke da schon ein bisschen an die Klimaanlagen, da weiß ich nicht."

Öko-Urlaub: theoretisch ja, praktisch nein danke

Vielleicht bewirkt Corona auch grundsätzlich ein Nachdenken über weite Flugreisen - hin zu mehr Nachhaltigkeit?

Während Flüge innerhalb Deutschlands fast konstant geblieben sind, ist die Zahl der Passagiere auf Auslandsflügen dramatisch gestiegen. Auf über einhundert Millionen im letzten Jahr.

Laut der "Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen" haben 61 Prozent der Urlauber eine nachhaltige Einstellung. Praktiziert wird es aber nur von 6 Prozent. Tourismusexperten sehen die Schuld nicht allein beim Kunden.

Nachhaltiges Reisen kaum erkennbar

Strandurlaub in Deutschland
Strandurlaub in Deutschland | Bild: picture alliance/Stefan Sauer/dpa-Zentralbild/dpa

Prof. Dr. Achim Schroeder, Lehrstuhl Tourismusmangement, HTW Saarland: "Es ist auch sehr schwierig, nachhaltig zu reisen, wenn ich mir so ein Buchungsportal ansehe. Ich kann alles Mögliche ankreuzen, ob es eine Tischtennisplatte gibt. Nur ob das Hotel umweltzertifiziert ist oder nachhaltig ist, dies kann ich bisher nicht voreinstellen."

Tatsächlich könnte die Corona-Krise für die CO2-Bilanz schon jetzt einen messbaren Effekt haben.

Jens Teubler, Wuppertal-Institut: "Bereits jetzt geht man davon aus, dass die Flugreisen im Jahr 2020 um 5% zurückgehen. Ob das so bleibt in den nächsten Jahren, weiß man nicht, aber allein diese 5% entsprechen schon circa 50 Millionen Tonnen CO2, die man dadurch einspart, wenn auch aus denkbar wenig wünschenswerten Gründen."

Reiseverhalten normalisiert sich schnell wieder

Ob dieser Rückgang von Dauer ist? Da sind die Experten eher skeptisch.

Prof. Dr. Achim Schroeder, HTW Saarland: "Ich sage immer: Der Tourist ist ein scheues Reh, aber er ist auch ein vergessliches Reh. Die Erfahrung in den letzten Jahren hat gezeigt, wenn dann die Auswirkungen geringer werden oder die Berichterstattung nachlässt, dass dann das Reiseverhalten sich sehr schnell normalisiert."

Ein Virus als ungebetener Klimaschützer? Quarantäne zu Hause statt Sonne und Meer? Das wäre eine tragische Pointe. Aber ein Denkanstoß über unsere Art zu reisen ist die Corona-Krise allemal.

Ein Beitrag von Lars Ohlinger

Stand: 12.03.2020 17:44 Uhr

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