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Kampf um den Super-Apfel

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Kampf um den Super-Apfel | Video verfügbar bis 16.10.2020 | Bild: dpa Bildfunk/Malte Christians

– Viele Obstbauern bleiben auf Äpfeln mit Schönheitsfehlern sitzen, weil Kunden und Lebensmittelkonzerne hohe Anforderungen stellen.
– Dabei ist der Apfel keine Lifestyleware aus der Retorte, kleine Makel sind völlig normal.
– Auch die ersten Discounter setzen nun darauf, Obst mit Schönheitsfehlern zu verkaufen.

Leckerer Apfelkuchen, süßes Apfelmus, Apfelsaft oder einfach frische Äpfel pur. Aber welche Sorte ist die Beste von allen?

"Gegen den Trend mag ich sehr gerne Boskoop-Äpfel."
"Pink Lady."
"Am liebsten mag ich die Cox Orange."
"Und dann so pro Tag einen Apfel essen, das hat sich mittlerweile auch so eingebürgert."

Und wie sieht es mit der Optik aus bei unserem Lieblingsobst? 

"Ein schönes knalliges Rot, das ist appetitanregend."
"Der Preis spielt zwar auch eine Rolle, aber mir ist hauptsächlich wichtig, dass der Apfel keine Macken hat oder Dellen."
"Das ist mir vollkommen egal. Weil: Wenn ich den verarbeite, entweder zu Apfelkuchen oder Apfelmus oder zu was auch immer, da wird er eh kleingeschnitten. Also das spielt wirklich keine Rolle."

Aber meistens gilt: Ein kleiner Schönheitsfehler – und schon ist es aus mit dem Apfel. Denn solche Früchte lassen sich heute kaum noch vermarkten. Viele Obstbauern bleiben darauf sitzen, weil Kunden und Lebensmittelkonzerne hohe Anforderungen stellen – vor allem an die Optik.

Bertold Heil, Obstbauer: "Früher konnte man noch fast alles verkaufen. Heute muss man damit rechnen, dass gerade, wenn man über den Handel geht, 50 Prozent der Ware gar nicht genommen werden kann, weil irgendwelche kleinen Fehler dran sind und der Handel das nicht akzeptiert."

Dabei ist der Apfel keine Lifestyleware aus der Retorte, sondern ein Naturprodukt und jedem Wetter ausgesetzt. Deshalb gleicht keiner dem anderen. Und kleine Makel sind völlig normal. Dafür ist die Schale ja da.

Bertold Heil, Obstbauer: "Und zwar ist das ein Apfel mit Sonnenbrand, da hat die Sonne lange geschienen und die Schale ist halt verbrannt worden. Dann hatten wir dieses Jahr zweimal Hagel gehabt, das sieht man an den Stellen hier, das ist vernarbt. Und dann haben wir zum Schluss noch hier den Apfel mit Schorf. So ein Apfel ist von den Inhaltsstoffen genauso gut, wie ein super Apfel im Supermarkt."  

Zwei Euro kostet bei ihm ein Kilo der makellosen Äpfel. 15 Cent ein Kilo mit kleinen Flecken oder dem harmlosen ungiftigen Schorf. Die muss er regelrecht verramschen.

Die meisten Kunden bevorzugen auch bei ihm lieber Obst ohne optische Fehler. Der Rest taugt nur noch für den Most. Für den Betrieb eher Abfallverwertung als gewinnbringend.

Wie fahren nach Frankfurt an der Oder zu einer Obst-Erzeuger-Organisation. Hier werden Äpfel für die Supermärkte maschinell gescannt und akribisch aussortiert. Nicht nur bei kleinen Schönheitsfehlern. Sondern auch bei Abweichungen von Farbe, Größe und Gewicht. In der Verpackung soll ein Apfel exakt wie der andere aussehen.

Steffen Aurich, Markendorf Obst e.G.: "Auf jeden Fall ist es sehr wichtig, dass die Äpfel relativ rot aussehen, einheitlich aussehen, und dass die blassen Äpfel separat sortiert werden… Wenn ich ein einheitliches Bild habe, egal ob bei Äpfeln, Pflaumen oder bei anderen Produkten, dann spricht das den Kunden mehr an als wenn ich die Farbe und die Größe durcheinander habe."

Äpfel im Supermarkt
Äpfel im Supermarkt | Bild: SR

Besonders im Trend: So genannte Club-Äpfel mit attraktiven Namen und eigenem Werbekonzept. Der "Pink Lady" etwa, oft in Südeuropa oder Südamerika angebaut. Das Prinzip ist fast immer das gleiche. Name und Sorte sind geschützt, wie eine Marke. Nur Landwirte, die dem Club beitreten, dürfen das Obst anbauen – gegen eine Lizenzgebühr. Dafür bekommen sie einen höheren Kilopreis, der dann im Laden an die Kunden weitergegeben wird.

Steffen Aurich, Markendorf Obst e.G.: "Sicherlich hat das auch sehr viel mit Marketing zu tun. Wenn was extra beworben wird, das kennen wir aus einer Vielzahl von anderen Produkten, wenn was stark beworben wird, dann möchte jeder das Produkt kaufen. Und das sehe ich auch im Hinblick auf Clubsorten."

An der Hochschule in Geisenheim forschen Lebensmittelexperten zum Thema Äpfel. Das alte Sprichwort "Ein Apfel am Tag hält den Doktor fern" ist belegt. Für Allergiker sind vor allem alte Sorten zu empfehlen. Sie haben besonders viele Gesundmacher, die so genannten Polyphenole. Erheblich mehr als die meisten hochgezüchteten Lifestyle-Sorten.

Dr. Ralf Schweiggert, Hochschule Geisenheim: "Wer regelmäßig Äpfel isst, profitiert von den wertvollen Inhaltsstoffen. Gerade die Polyphenole wirken gegen verschiedene Arten von Stress, sie sind in höheren Mengen blutzuckersenkend. Und sie haben eine gewisse Wirkung auch präventiv gegen verschiedene Krebsarten."

Und selbst wenn ein Apfel nicht perfekt ist, sondern mal wirklich eine faule Stelle hat, ist er immer noch zu gebrauchen.

Dr. Ralf Schweiggert, Hochschule Geisenheim: "Kleinere Faulstellen beim Apfel machen gar nichts aus, die kann man ausschneiden, das führt nicht dazu, dass der restliche Apfel unbrauchbar wird oder ungenießbar wird. Was im Übrigen ein Unterschied ist zu anderen Obstarten, wie zum Beispiel bei der Birne oder auch bei Gurken. Da sollte man dann die ganze Frucht wegschmeißen, wenn sie faule Stellen hat."

Immerhin: Auch die ersten Discounter setzen nun Zeichen. Neben den schönen Früchten bieten sie nun hier und da auch "krumme Dinger" an. Mit Schönheitsfehlern.

Christian Baur, Aldi Süd: "Üblicherweise kommen die Waren, die nicht perfekt aussehen, beim Kunden gar nicht an. Das möchten wir ändern und zeigen: Obst und Gemüse sind Naturprodukte. Da gehören kleine Makel dazu."

Damit können auch die Kunden selbst etwas gegen die Lebensmittelverschwendung tun und gleichzeitig den Bauern das Überleben sichern.

Christian Baur, Aldi Süd: "Seit Herbst 2017 haben wir Test mit krummen Möhren und Äpfel gemacht, und das ist bei unseren Kunden sehr gut angekommen. Und die Produzenten können damit auch Äpfel an uns liefern, die üblicherweise für niedrigere Preise im Saft oder Apfelmus landen würden."

Gesund und günstig: Die Optik ist eben nicht immer entscheidend. An der Obsttheke wie im richtigen Leben.

Ein Beitrag von Nicole Würth

Stand: 17.10.2019 09:40 Uhr

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