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Fast Fashion – Wegwerfprodukte für wenig Geld

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Fast Fashion – Wegwerfprodukte für wenig Geld | Video verfügbar bis 21.08.2020 | Bild: Imago Images/Geisser

– Kleidungskäufe haben sich seit dem Jahr 2000 weltweit auf 100 Milliarden Textilstücke verdoppelt
– Über eine Millionen Tonnen landen pro Jahr in Kleidersammlung
– Materialien werden immer schlechter
– Probleme bei Entsorgung dadurch immer größer
– Nur 18 Prozent sind recycelbar
– Textilbündnis in Deutschland hat nichts gebracht
– Produktionsbedingungen teils sogar schlechter geworden

Neue Modetrends für wenig Geld und ständige Rabattschlachten – damit locken große Modeketten vor allem junge Kundinnen zum Shoppen. Ein T-Shirt für drei Euro? Kann man doch zweimal anziehen und wenn es einem nicht mehr gefällt – weg damit, ab in den Müll-Container. Kaum jemand macht sich Gedanken darüber, wie diese Massen-Mode entsteht und was nach dem Wegwerfen damit passiert. Sie ist nämlich häufig aus so schlechtem Material, dass sie noch nicht mal mehr für Putzlappen taugt.

Hundertmilliarden Kleidungsstücke pro Jahr – aber kaum getragen

Sie schießen wie Pilze aus dem Boden - die Einkaufstempel der großen Modeketten. Kaum eine Branche verzeichnet derart konstante Wachstumsraten wie die Mode-Industrie. Eine globale Massenveranstaltung, der Umsatz und Verbrauch billiger Kleidung steigt unaufhaltsam.

Frau beim Einkaufen mit verschiedenen Einkaufstaschen
Frau beim Einkaufen mit verschiedenen Einkaufstaschen | Bild: Imago Images/PhotoAlto

Seit dem Jahr 2000 haben sich die Kleidungskäufe weltweit mehr als verdoppelt. Von 50 auf über 100 Milliarden Kleidungsstücke – pro Jahr. Und jedes Teil kommt seltener zum Einsatz. So wird ein durchschnittliches Party-Top gerade noch 1,7-mal getragen. Danach verschwindet es für immer im Schrank oder wird gleich entsorgt - Fast Fashion.

Große Probleme bei Entsorgung schlechter Materialien

Diese Klamotten-Flut schwappt dann über in die Kleidersammlungen. In Deutschland über eine Million Tonnen jährlich - Tendenz stark steigend. Für gemeinnützige Organisationen wie die Deutsche Kleiderstiftung ein großes Problem:

Ulrich Müller, Deutsche Kleiderstiftung: "Wir merken deutlich, dass die Fast Fashion-Mentalität jetzt auch in der Entsorgung angekommen ist. Die Materialien werden grundsätzlich schlechter. Wir haben eine Fülle von Textilien, wo wir merken, die sind nur für eine Saison hergestellt. Das heißt, sie sind dann für uns als Hilfsgut auch nicht mehr zu verwenden, wenn das Teil nach dem Waschen schon aus der Form geraten ist. Knöpfe abgehen usw.“

Nur knapp ein Fünftel getragener Kleidung ist wiederverwendbar

Ein Mann entleert einen Kleidercontainer
Ein Mann entleert einen Kleidercontainer | Bild: Imago Images/Imagebrocker/Theissen

Die Kleidung aus den Sammelbehältern wird von Hand sortiert. Was noch gut ist, wird als Secondhand-Ware im eigenen Shop verkauft oder weltweit in Krisengebieten verteilt. So konnten diese und andere Hilfsorganisationen über Jahrzehnte Not lindern. Und ökologisch nachhaltig war es auch. Aber jetzt ist immer weniger der angelieferten Ware überhaupt noch dafür geeignet.

Ulrich Müller, Deutsche Kleiderstiftung: "Wir konnten vor zehn oder auch vor fünf Jahren Ware auch mittlerer Qualität problemlos in große Sortierbetriebe absetzen. Das ist heute nicht mehr möglich. Diese Ware ist einfach übrig. Zu viel, weil diese schlechte Qualität niemand haben möchte.“

Eine gigantische Ressourcenverschwendung. Nur noch 18 % der Altkleider werden überhaupt recycelt. Der Rest – also 82 % - ist unbrauchbar.

Ulrich Müller, Deutsche Kleiderstiftung: "Am Ende müssen wir die Materialien, die wir hier nicht verwenden können, selber thermisch entsorgen, und das kostet uns sehr, sehr viel Geld." 

Textilien für Putzlappen zu schlecht

Thermisch entsorgen – das heißt: Ab in die Verbrennungsanlage. So wird aus einem Recyclingbetrieb ein Entsorger. Mit finanziellen Belastungen, die den eigentlichen Zweck der Deutschen Kleiderstiftung gefährden – nämlich Hilfe für Menschen in Not. Und das ist nicht nur bei ihnen so, sondern bei vielen anderen Organisationen auch.

Aber warum ist ein Großteil der Klamotten, die in den Konsumtempeln der Modeindustrie verramscht werden, so schnell so wertlos, dass man noch nicht einmal mehr Putzlappen daraus machen kann?

Wir fahren nach Reutlingen. Dort wird an der Hochschule seit rund 160 Jahren zur Textilwirtschaft geforscht. An der Fakultät Textil und Design. Forschungsleiter Kai Nebel schaut sich einige typische Billig-Teile für uns an.

Dipl.Ing. Kai Nebel, Forschungsleiter: "Wir werden ein paar Standardprüfungen machen. Dass man einfach mal vergleichen kann, wie lange so ein T-Shirt oder so ein Hemd halten würde."

Wie farbbeständig ist das Material? Dazu werden Proben in einer speziellen Maschine gewaschen.

Die Haltbarkeit der Stoffe bei Reibung wird im so genannten Pilling-Tester überprüft.

Ausleiern oder Schrumpfen – das werden wir nach einigen Waschgängen in einer normalen Haushalts-Maschine sehen.

Produktionsbedingungen teilweise noch schlechter geworden

Aber nicht nur die Material-Qualität von Fast Fashion ist oft fragwürdig. Sondern auch immer noch die Produktionsbedingungen für die überwiegend weiblichen Beschäftigten in den Herstellerländern. Trotz vieler guter Absichtserklärungen hat sich  wenig geändert. Auch fünf Jahre des so genannten „Textilbündnisses“ in Deutschland haben wenig Fortschritt gebracht. Das Netzwerk INKOTA kämpft für Löhne, von denen man leben kann. Manches ist sogar noch schlechter geworden.

Frau sitzt an Nähmaschine
Frau sitzt an Nähmaschine

Anne Neumann, INKOTA Netzwerk: "Fast Fashion steht vor allem dafür, dass die Produktion immer schneller wird. Das heißt, dass wir immer kürzere Produktionszyklen haben, es muss immer schneller gehen, davon, dass die Kollektion entwickelt wird, bis sie im Laden ist. Und auch, dass wir immer mehr Kollektionen im Jahr sehen, die in den Läden hängen also, dass es inzwischen bis zu 24 Kollektionen sind pro Jahr, die man da im Einzelhandel hat. Dass ist es, was den Druck immer noch mehr weitergibt an die Näherinnen und Näher."

Und das heißt Überstunden – häufig unbezahlt, um mit vielen neuen Kollektionen neue Käufer in die Konsumhallen zu locken.

Sehr schlechte Prüfergebnisse im Materialtest

In der Reutlinger Hochschule haben die Forscher inzwischen erste Ergebnisse unserer Stichprobe. Im Reibetest zur Widerstandsfähigkeit haben Shirts und Shorts viele kleine Knötchen bekommen.

Dipl.Ing. Kai Nebel, Forschungsleiter: "Das fühlt sich an wie Schleifpapier. Also das Fazit: dass bereits nach 1.000 Scheuertouren die sehr niederpreisigen Produkte deutliche Pilling-Neigung zeigen und auch schon Anzeichen von Zerstörung der Oberfläche. Also, die werden nicht sehr lange halten."

Beim Waschtest auf Farbechtheit zeigen die Produkte keine negativen Auffälligkeiten. Die Farben sind wie vorher.

Ganz anders die Messergebnisse zur Form der Kleidungsstücke. Nach einigen Waschgängen sind viele Shirts um gut zehn Prozent geschrumpft.  Lassen die sich denn zumindest wieder verwerten? Um das herauszufinden, reicht ein Blick durchs Mikroskop. Es kommt auf die Länge der Fasern an. 

Altkleidersäcke
Altkleidersäcke | Bild: SR

Dipl.Ing. Kai Nebel, Forschungsleiter: "Und wenn man dieses jetzt nochmal weiter verwenden oder verwerten möchte. Sprich Recycling, dann sind die Fasern einfach zu kurz. Ich brauche 25 bis 30 Millimeter lange Fasern, um wieder ein Garn daraus zu spinnen. Das dürfte mit diesen Fasern absolut nicht möglich sein."

Enorme Meeresbelastung durch Mikroplastik aus Kunstfasern

Noch problematischer sind Kunstfasern, häufig wild gemischt. Wie hier mit Polyester, Viskose und Elastan.

Dipl.Ing. Kai Nebel, Forschungsleiter: "Aber es gilt dasselbe. Recycling ist auf jeden Fall Fehlanzeige. Weil das natürlich ein Riesenaufwand wäre, Polyester und Viskose zu trennen. Technologisch selbstverständlich möglich, aber wirtschaftlich und vor allem auch ökologisch völliger Unsinn."

Mikroplastik aus Kunstfasern ist eine wachsende ökologische Gefahr. In den nächsten 30 Jahren werden allein durch die Wegwerf-Mode geschätzt 22 Millionen Tonnen davon in die Ozeane hineingewaschen.

"Fast Fashion" steht für Billigkleidung als Massenware! Für das Elend von Textilarbeitern, für eine ökologische Zeitbombe und für Hilfsprojekte, die im Klamotten-Müll untergehen.

Ein Beitrag von Jörn Kersten

Stand: 21.08.2019 22:55 Uhr

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