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Leichtes Spiel für schwarze Schafe in der Security-Branche

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Leichtes Spiel für schwarze Schafe in der Security-Branche | Video verfügbar bis 18.03.2021 | Bild: dpa / Julian Stratenschulte

– "Plusminus"-Umfrage: Nur wenig Kontrollen von Sicherheitsunternehmen
– Bewacherregister stellt Kommunen vor Probleme
– Immer mehr hoheitliche Aufgaben werden von privaten Unternehmen übernommen

Private Sicherheitsfirmen übernehmen immer mehr Aufgaben von Polizei und Ordnungsamt. Sie patrouillieren als Citystreife, kontrollieren in Bussen, an Bahnhöfen und sogar an Flughäfen. Selbst die Bundeswehr kann sich offenbar nicht mehr selbst bewachen – und setzt private Security vor die Kasernen.

Für die Branche ist das lukrativ. Neun Milliarden Euro Umsatz verzeichneten Security-Unternehmen im vergangenen Jahr mit etwa 270.000 Mitarbeitern.

Kontrolle über Bewachungsbranche liegt bei Kommunen

Doch wer passt eigentlich auf, dass diese Mitarbeiter qualifiziert sind? Denn tatsächlich kommt es in der Branche immer wieder zu Skandalen, auch wegen mangelnder Kontrollen: Prügelnde Wachleute in Flüchtlingsheimen, Neo-Nazis als Sicherheitsmitarbeiter einer KZ-Gedenkstätte oder islamistische Gefährder als Ordner im Fußballstadion. Letzteres fiel zum Beispiel in Düsseldorf und Bremen nicht auf, weil die Männer über Subunternehmen angestellt waren.

Bewacherregister wurde 2019 eingeführt

Eigentlich sollte all das nicht mehr passieren, denn seit 2019 gibt es das so genannte Bewacherregister. Hier müssen Sicherheitsfirmen alle Mitarbeiter anmelden: Die werden dann polizeilich überprüft, erst dann dürfen sie arbeiten. Auch die Branche selbst begrüßte das Register – wenn es denn funktionieren würde.

Das tut es nämlich nicht, sagt Kai Deliomini, selbst Chef einer Sicherheitsfirma und Mitglied im Branchenverband BDSW.  "Wir haben heute den Stand, dass 270.000 private Sicherheitskräfte da draußen unterwegs sind, täglich. Und nur 83.000 von den Behörden freigegeben und überprüft wurden".

Ministerium räumt technische Probleme ein

Auf Anfrage räumt das Bundeswirtschaftsministerium die Schwierigkeiten ein: "Das Auftreten technischer Probleme ist bei einem so anspruchsvollen Projekt wie dem Aufbau eines bundesweiten Bewacherregisters nicht ungewöhnlich."

Neben dem Behördenchaos gibt es ein weiteres Problem: Die Anforderungen, um bei einer Sicherheitsfirma zu arbeiten, sind denkbar gering. Für die meisten Aufgaben reicht eine Unterrichtung bei der IHK von gerade mal einer Woche. Die IHK-Unterrichtung werde intern "Sitzschein" genannt, so Deliomini. Ein Großteil klassischer Sicherheitsdienstleistungen dürfe man ausüben, wenn man eine Woche zugehört habe.

"Plusminus" setzt Lockvogel ein

Anspruchsvollere Jobs wie Türsteher oder Ladendetektiv erfordern eine längere Schulung und eine Sachkundeprüfung. Nur wer eine der beiden Qualifikationen hat, kann im Register eingetragen werden und wird erst dann auf Vorstrafen und Zuverlässigkeit überprüft.

Doch wie leicht ist es, ohne jegliche Qualifikation und polizeiliche Überprüfung in der Branche zu arbeiten? "Plusminus" findet viele Stellenanzeigen, die recht schwammig formuliert sind: Die vorgeschriebene Unterrichtung sei "von Vorteil" oder "wünschenswert – aber keine Bedingung".

Einstellung ohne Prüfung und Nachweis

Werden solche Firmen einen von "Plusminus" geschickten Lockvogel einstellen? Diyar A. hat früher selbst als Türsteher gearbeitet - und weiß, wie gering die Anforderungen sein können. Er hat weder die Sachkundeprüfung noch die die IHK-Unterrichtung.

Er bewirbt sich auf eine Reihe von Anzeigen. Schnell meldet sich eine Firma aus Rheinland-Pfalz, die auch Gebäude der Bereitschaftspolizei bewacht, wie sich im Bewerbungsgespräch herausstellt. Diyar A. bekommt eine Zusage, kann sofort anfangen. Die IHK-Unterrichtung könne er nachholen, ein Führungszeugnis muss er nicht vorlegen.

Ein paar Wochen später wird er zum Probearbeiten eingeladen. In einem Einkaufszentrum muss er auf den Tresor aufpassen, abends die Alarmanlage scharf stellen. Aufgaben, für die er sogar eine Sachkundeprüfung brauchen würde.

Umfrage bei 80 Großstädten

Als "Plusminus" die Firma damit konfrontiert, teilt man mit, dass man niemand ohne die nötige Überprüfung einstellen würde.

Ein Einzelfall? "Plusminus" fragt bei 80 Großstädten nach: Wie oft wurden im vergangenen Jahr Sicherheitsfirmen und ihre Mitarbeiter überprüft? 31 antworten, regelmäßige Kontrollen machen nur wenige. "Aufgrund der Probleme bei der Einführung des Bewacherregisters und personeller Probleme wurden seit Juni 2019 keine regulären Kontrollen, nur noch sporadische anlassbezogene Kontrollen durchgeführt", heißt es in einer Stellungnahme aus Dortmund.

Keine abschreckenden Bußgelder

Doch dort, wo kontrolliert wurde, kamen häufig Unregelmäßigkeiten ans Licht. In Neuss beispielsweise wurden letztes Jahr 564 Bewacher kontrolliert. 121 waren gar nicht angemeldet, und somit auch nicht überprüft - jeder fünfte.

Und die Bußgelder sind kaum abschreckend. Nur gut 100 Euro wurden im Schnitt pro Verstoß verhängt. Sanktionen durchzusetzen, ist schwierig. Die Stadt Nürnberg beklagt: "So werden Verfahren, die zum Bußgeldbescheid führen, regelmäßig durch das Amtsgericht eingestellt." Und manche Städte haben das mit den Bußgeldern gleich ganz aufgegeben. So heißt es aus Cottbus: "Auf Grund der parallel laufenden Befüllung des Bewacherregisters fehlte es an der Kapazität, Bußgeldverfahren zu führen."  

Autor: Matthias Fuchs
Bearbeitung: Peter Schneider

Stand: 18.03.2020 23:23 Uhr

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