SENDETERMIN Mi, 09.01.19 | 22:00 Uhr | Das Erste

Physio statt OP?

PlayRöntgenbild von Brustkorb
Physio statt OP? | Video verfügbar bis 09.01.2020 | Bild: SR

– OPs in Orthopädie haben deutlich zugenommen
– Lukratives Geschäft für Ärzte und Kliniken
– Hüft- und Knieoperationen finden besonders häufig statt
– Große regionale Unterschiede der Verordnungen – Behandlungen ohne OP können oft auch zu Schmerzfreiheit führen
– Einige Kassen zahlen entsprechenden Mehraufwand der Ärzte

Wir hoffen, Sie fühlen sich rundum fit und gesund? Doch viele haben Schmerzen bei jeder Bewegung – im Rücken, am Knie oder in der Hüfte. Und hoffen, dass nach einer Operation alles wieder gut ist. Tatsächlich ist die Zahl der Eingriffe in den letzten Jahren sprunghaft gestiegen. Zeit zum Umdenken, finden inzwischen manche Ärzte und Krankenkassen. Für sie sind in vielen Fällen Physio- und Schmerztherapien die bessere Wahl.

Deutliche Zunahme bei orthopädischen Behandlungen

In Deutschland wird immer mehr operiert. Und zu viel. Vor allem in der Orthopädie. Wir haben Ärzte und zwei Krankenkassen gefunden, die es anders machen. Mit Erfolg.

Wochenlang konnte er nicht arbeiten. So sehr schmerzten Rücken, Schulter und Nacken. Auch an Schlafen war für Kemal E. kaum zu denken.

Orthopäde, Behandlung, Mensch, Arzt, Patient
Viele Gelenkoperationen könnten durch Physiotherapie vermieden werden.

Kemal E., Industriemechaniker in der Autoindustrie: "Die Schmerzen waren sehr, sehr, sehr stark, unerträglich: Sie haben über den Hals, über die Halswirbelsäule, über die Schulter bis in die Fingerspitzen gestrahlt. Ich habe fast eine Lähmung gehabt, konnte nicht einmal ein Wasserglas halten."

Knie- und Hüftoperationen auffallend häufig

Sehr häufig wird in solchen Fällen sofort operiert. Die Zahl der OPs in der Orthopädie hat stark zugenommen. Ein schneller und lukrativer Weg – für die Ärzte und Krankenhäuser. Allerdings zeigt die Statistik auffällige regionale Unterschiede. Obwohl die Menschen doch überall ähnlich gebaut sind.

Prof. Dr. Ferdinand Gerlach, langjähriger Vorsitzender des Sachverständigenrats im Gesundheitsministerium: "Es hängt vom Wohnort ab, wie die Wahrscheinlichkeit ist, ob man operiert wird oder nicht. Gravierender ist es bei den Wirbelkörperoperationen, aber auch bei den Knie- und Hüft-Endoprothesen drängt sich der Eindruck auf, dass dort mehr gemacht wird als sinnvoll ist. Und dass dort eine Mengenausweitung gerade auch regional unterschiedlich ausgeprägt stattfindet."

Bei der Erkrankung von Kemal E. beispielsweise wird laut einer Studie in Fulda sechsmal so viel operiert wie in Frankfurt an der Oder. Wie das? Seine Ärztin macht sich die Entscheidung nicht leicht, sie nimmt sich Zeit für die Untersuchung.

Schmerzfreiheit auch ohne OP möglich

Dr. Carola Würtenberger, Fachärztin: "Ich habe Herrn E. dann untersucht und festgestellt, dass die Ausfallserscheinungen noch nicht so stark sind. Wir sind übereingekommen, dass wir konservativ therapieren möchten. Ich habe dann eine Kombination empfohlen aus Physiotherapie, verschiedenen Schmerzmedikamenten und einer gezielten Behandlung, CT-gesteuert, wo der entzündete, eingeklemmte Nerv direkt über eine Kanüle behandelt wird."

Konservative Behandlung heißt: Keine Operation. Und im Fall von Kemal E. verstärkte Physiotherapie mit Anleitungen vom Fachmann.

Frank Härterich, Diplom-Sportwissenschaftler:
"Wir haben es mittlerweile häufiger oder sogar sehr, sehr häufig, dass Leute kurz vor der Operation stehen. Und wir sie dann durch das Training schmerzfrei bekommen bzw. auch die Schmerzen reduzieren können." 

Einige Kassen zahlen Mehraufwand für konservative Behandlung

Bedingung für den Erfolg: Die Ärzte müssen mehr Zeit für ihre Patienten aufwenden, sie öfter untersuchen und behandeln können. Genau das ist in Baden-Württemberg möglich. AOK und Bosch BKK haben Verträge mit den Fachärzten, in diesem Fall den Orthopäden, abgeschlossen. Ihr Mehraufwand wird honoriert.

Christopher Hermann, AOK-Chef Baden-Württemberg: "Dazu müssen sie den Ärzten die Möglichkeit geben, wirklich zu beraten. D.h. sie müssen die ärztliche Zeit, die Beratungszeit, auch adäquat bezahlen. Und das haben wir natürlich dann auch getan. Und das tun wir weiterhin."

Burghard Lembeck, Chef des Berufsverbandes für Orthopädie, Baden-Württemberg: "Beim Thema Rückenschmerzen wissen wir, dass eine Vielzahl von Faktoren den Rückenschmerz beeinflusst. Das ist eben nicht nur der Befund im MRT, den Sie haben. Und wie wollen sie da die richtige Entscheidung treffen? Mit dem Patienten zusammen. Sie müssen ihn ja auch mitnehmen dabei. Und wie gesagt, das ist der entscheidende Faktor Zeit. Und die haben wir jetzt."

Eigeninitiative der Patienten gefordert

Zur Behandlung gehört das Training zuhause. Der 54-jährige Industriemechaniker ist jetzt wieder voll einsatzfähig.

Kemal E.: "Also fast jeden Tag habe ich die Übungen gemacht. Manchmal, wenn ich früh aufstehe, zur Arbeit gehe, dann mache ich noch vor der Arbeit sogar die Dehnübungen. Das hilft sehr gut, also bei der Arbeit bin ich auch fit."

Carola Würtenberger hat gute Erfahrungen mit dem Facharzt-Vertrag gemacht. Denn damit gibt es für die Ärzte keinen Anreiz mehr zu einer 5-Minuten-Medizin und vorschnellen OP-Entscheidungen.

Dr. Carola Würtenberger, Fachärztin: "Ich sehe die Patienten sehr viel häufiger in so einer Akutphase. Und das Facharztprogramm oder der Facharztvertrag ermöglicht, dass dieser zusätzliche Einsatz, der notwendig ist, um zu entscheiden, komme ich um eine Operation rum oder nicht, auch honoriert wird."

Professor Gerlach hat die Ergebnisse bei Patienten mit unspezifischen Rückenschmerzen untersucht.

Erfolge für Patienten, Kassen und Arbeitgeber

Prof. Dr. Ferdinand Gerlach, Universität Frankfurt a. M.: "Der Orthopäde hat mehr Zeit; er kann den Patienten besser untersuchen in Ruhe beraten; es sind weniger unnötige Röntgenaufnahmen erforderlich; die Patienten kommen seltener ins Krankenhaus; es gibt weniger Arbeitsunfähigkeitstage. Und wir sehen auch, dass das Risiko, dass der Rückenschmerz chronisch wird, geringer geworden ist."

Ein Erfolg also. Kemal E. hat wieder eine neue Lebensqualität erreicht. Ohne OP. Jetzt müsste die Politik dafür sorgen, dass die falschen Anreize generell abgeschafft werden und nur noch die Patienten unters Messer kommen, bei denen es anders nicht geht. Egal, wo sie wohnen.

Ein Beitrag von Hermann Abmayr

Weitere Informationen zum Thema:

Facharztprogramm Orthopädie der AOK Baden-Württemberg

Facharztprogramme der Bosch BKK in Baden-Württemberg

Informationen des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG):

– Rücken- und Kreuzschmerz:

https://www.gesundheitsinformation.de/kreuzschmerzen.2378.de.html#behandlung

– Bandscheibenvorfall

https://www.gesundheitsinformation.de/bandscheibenvorfall.2376.de.html

– Kniearthrose

https://www.gesundheitsinformation.de/kniearthrose-gonarthrose.3275.de.html

Stand: 11.01.2019 11:38 Uhr

7 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

Mi, 09.01.19 | 22:00 Uhr
Das Erste

Studien der Bertelsmann-Stiftung

Auch interessant

Produktion

Saarländischer Rundfunk
für
DasErste