SENDETERMIN Do, 10.01.19 | 05:00 Uhr | Das Erste

Vereinfachte Steuererklärung

PlayVereinfachte Steuereklärung
Vereinfachte Steuererklärung | Video verfügbar bis 09.01.2020 | Bild: SR

– Von 36 Millionen steuerpflichtig Beschäftigten gibt rund ein Drittel keine Erklärung ab
– Hindernisse sind Unkenntnis und Überforderung
– Vereinfachte Steuererklärung vielen unbekannt
– 60 Prozent aller Erklärungen werden elektronisch abgegeben. Die vereinfachte Version wird nur von 0,5 Prozent genutzt.

Wer in den nächsten Wochen seine Steuererklärung selber macht, braucht gute Nerven und ganz viel Zeit, um sich durch den Wust an Formularen mit den komplizierten Erläuterungen und Paragrafen zu wühlen. So mancher Bürger könnte es sich mit dem Zahlenwerk fürs Finanzamt aber deutlich leichter machen – mit der vereinfachten Steuererklärung. Fast so simpel wie die Idee mit dem Bierdeckel – aber leider kaum bekannt:

Neulich in Saarbrücken – Massenandrang bei der Arbeitskammer. Hunderte Menschen suchen Hilfe für die jährliche Steuererklärung. Die kostenlose Unterstützung gehört zum Service der Arbeitskammer, die es so nur im Saarland und in Bremen gibt. Der Beratungsbedarf ist enorm. Denn sehr viele Menschen fühlen sich überfordert. 

Keine Steuererklärung wegen Unsicherheit oder Unkenntnis

Ob mit oder ohne Hilfe: Nach der top-aktuellen Statistik vom 8. Januar wurden im Durchschnitt  974 Euro zu viel gezahlte Steuern zurückerstattet. Millionen Beschäftigte gehen allerdings leer aus, beklagt Barbara Scheidhauer, Steuerexpertin bei der Arbeitskammer.

Barbara Scheidhauer, Steuerexpertin Arbeitskammer Saarland: "Jährlich verzichten ganz, ganz viele Steuerpflichtige auf diese Rückerstattungsmöglichkeit, weil sie keine Steuererklärung abgeben. Natürlich scheuen viele den Aufwand, an die Steuererklärung ranzugehen. Bei vielen besteht auch Unsicherheit."

Von 36 Millionen steuerpflichtig Beschäftigten gibt aktuell mehr als ein Drittel keine Erklärung ab. Meistens Klein- und Durchschnittsverdiener. Das erspart dem Staat hochgerechnet bis zu zwölf Milliarden Euro im Jahr. 

Elster-Onlineprogramm zu kompliziert

Auch Damhat S. hat noch nie eine Steuererklärung abgegeben. Er arbeitet  bei einem großen Getriebehersteller im Saarland. Weil die Firma alle Steuern und Abgaben automatisch vom Gehalt abzieht, muss er auch keine Erklärung abgeben. Er hat zwar schon versucht, das Onlineprogramm ELSTER zu nutzen – hat aber entnervt aufgegeben.

Damhat S., Facharbeiter: "Dass Elster toll sei, halte ich immer noch für ein Gerücht … weil es ist unglaublich viel, was man zusammentragen muss, was man zusammensuchen muss, womit man sich beschäftigen muss. Und immer auch mit der Gefahr, dass man womöglich gar nichts zurückbekommt."

Vereinfachte Steuererklärung auf zwei Seiten

Er wäre  ein typischer Fall für die vereinfachte Steuererklärung. Aber wie Millionen andere hat er dieses einfache Formular noch nie gesehen.

Damhat S., Facharbeiter: "Das höre ich zum ersten Mal. Und das sind wirklich nur die zwei Seiten, oder? Okay."  

Dabei gibt es diese Möglichkeit bereits seit 2006. Gedacht ist das Formular vor allem für Arbeitnehmer, die neben ihrem festen Gehalt keine sonstigen Mieteinnahmen oder Kapitalerträge haben. 

Abgefragt werden nur ganz wenige Daten: Die Lohnsteuerbescheinigung kann einfach angeheftet werden. Absetzen kann man Werbungskosten, z. B. für den Weg zum Arbeitsplatz, Sonderausgaben wie Kirchensteuer und Spenden, Außergewöhnliche Belastungen, etwa Krankheits- und Kurkosten oder Haushaltsnahe Dienstleistungen wie Pflegekosten. Das ist in ein paar Minuten gemacht. Und dann ab zum Finanzamt. Aber:

Barbara Scheidhauer, Steuerexpertin Arbeitskammer Saarland: "Das spielt in der Beratungspraxis bei uns hier eigentlich überhaupt keine Rolle. Es gibt kaum Kunden, die Fragen zur vereinfachten Steuererklärung haben. Die wenigsten kennen diese vereinfachte Steuererklärung."

Rentner und Freiberufler sind ausgeschlossen. Und die vereinfachte Steuererklärung kann nur in Papierform beim Finanzamt eingereicht werden.

Einfache Steuererklärung kaum genutzt – Elster dagegen zu 60 Prozent

Mit plakativen Clips bewerben die Behörden ihr Online-Programm Elster. Bereits 60 Prozent aller Erklärungen werden elektronisch abgegeben. Die  vereinfachte Version wird gerade mal von 0,5 Prozent genutzt.

Und die Behörden sehen keinen Anlass, daran etwas zu ändern: 

Zitat Saarländisches Finanzministerium: "Im Hinblick auf  den geringen Nutzungsgrad der vereinfachten Steuererklärung, wurde auf die Programmierung einer elektronischen Abgabe … über ELSTER verzichtet." 

Problemlose Steuerrückerstattung vielleicht gar nicht gewollt?

Dabei wäre es technisch gar kein Problem, die vereinfachte Steuererklärung aus ihrem Nischendasein herauszuholen.

Prof. Dr. Peter Bilsdorfer, ehem. Präsident Finanzgericht des Saarlandes: "Es ist eine Frage der Anwendungsfreundlichkeit auch. Und die Anwendungsfreundlichkeit scheitert ja schon daran, dass es niemand kennt. Das ist der erste Schritt und der zweite Schritt, in der Tat, warum lässt man es nicht zu, dass das online übermittelt wird. Das ist ein richtiger Anachronismus."

Da stellt sich schon die Frage.

Damhat S., Facharbeiter: "Ist es nicht ein Stück weit gewollt, dass man vielleicht nicht die ganzen Steuern, die man zusätzlich bezahlt, zurückbekommt?" 

Die vereinfachte Steuererklärung – auf Papier oder elektronisch – wäre für Millionen Standardfälle vollkommen ausreichend – ohne teure Beratung oder Angst vor Fehlern. Und ein gutes Mittel gegen Bürokratie-Verdruss. Nicht zuletzt für viele Rentner, die sich jetzt durch die Formulare quälen müssen. Und oft gar keinen Computer besitzen.

Ein Beitrag von Wilfried Voigt

Weitere Informationen zum Thema:

1. Stiftung Warentest  –  In 30 Minuten Geld zurück – Erläuterungen zur vereinfachten Steuererklärung

https://www.test.de/Vereinfachte-Steuererklaerung-In-30-Minuten-Geld-zurueck-5179741-5179747/

2. Arbeitskammer des Saarlandes

https://www.arbeitskammer.de/home.html 

3. Steuererklärung: Die Arbeitskammer des Saarlandes berät ihre Mitglieder 

https://www.arbeitskammer.de/beratung/fuer-ak-mitglieder/persoenliche-beratung/steuern.html 

Stand: 18.05.2019 14:50 Uhr

16 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

Do, 10.01.19 | 05:00 Uhr
Das Erste

Produktion

Saarländischer Rundfunk
für
DasErste