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Zu fit fürs Heim, aber nicht allein - Das Seniorendorf Kirkel

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Zu fit fürs Heim, aber nicht allein - Das Seniorendorf Kirkel | Video verfügbar bis 09.01.2020 | Bild: SR

– Service-Wohnen im Seniorendorf – passgenaue Versorgung im Alter
– Mieten sozial vertretbar – Sozialverband VdK fordert Senioren-Modell in fast allen Kommunen
– Auch Tagesgäste aus Umgebung in Seniorendorf willkommen

Zu fit fürs Heim, aber nicht allein – das so genannte "Service-Wohnen" im Seniorendorf Kirkel ist eine Lösung für fitte Rentner, aber auch Pflegebedürftige, die selbstbestimmt in ihren eigenen vier Wänden leben möchten – jeder nach seinen Vorstellungen. Wir haben uns das Konzept näher angeschaut. Und fragen uns, warum es so etwas nicht schon viel öfter gibt.

Es liegt direkt unterhalb der historischen Burg im saarländischen Kirkel. Eduard K., Mieter: "Es ist eine Dorfgemeinschaft. Ein kleines nettes Dorf." Und zentral im Ort. Das war dem Bertreiber, dem Arbeiter-Samariter-Bund, besonders wichtig. Lore L., Mieterin: "Man kann schnell mal was einkaufen gehen. Man trifft auch hin und wieder mal jemanden. Auf jeden Fall fühlt man sich unter Menschen." Kein Pflegeheim, kein betreutes Wohnen, sondern "Service-Wohnen" im Seniorendorf.

Seit Sommer leben Eduard K. und seine an Demenz erkrankte Frau Anita hier. Das Zuhause im 120 Kilometer entfernten Wittlich haben sie dafür aufgegeben, ihr Haus verkauft, um im saarländischen Kirkel gemeinsam den Lebensabend zu verbringen. Eduard K., Mieter Seniorendorf: "Die Motivation war, also der Hauptgrund, die Pflege von meiner Frau. Dass ich eine Nähe habe zu Personen, wo ich eine Betreuung finde, so dass ich also im Grunde genommen drei Tage habe, wo ich regelrecht abschalten kann."

Die Erkrankung seiner Frau hatte Eduard K. sehr mitgenommen – körperlich und seelisch. Jetzt hat er genau die Hilfe, die er gesucht hat. Sie sind immer zusammen, aber drei Mal die Woche wird seine Frau in der dorfeigenen Tagespflege betreut. So kann er seine Batterien immer wieder neu aufladen.

Autonomie bewahren – aber Dienstleistungen nach Wahl

Das Seniorendorf ist das Herzensprojekt der Initiatoren. Die Idee des Service-Wohnens hatten sie schon seit vielen Jahren im Kopf.

Bernhard Roth, Geschäftsführer Arbeiter-Samariter-Bund Saarland: "Ich wohne hier zur Miete. Ich bin noch mein eigener Herr und ich entscheide selbst, was für Dienstleistungen ich dazu haben will. Das fängt an vom Reinigungsdienst bis hin zur sozialen Betreuung bis auch hin zum Thema Pflege. Das heißt, meine gesamte Struktur kann ich hier praktisch im Seniorendorf mir dazu holen."

Sieben Millionen Euro hat die Anlage insgesamt gekostet. 39 Mietwohnungen sind entstanden. Die haben ihren Preis, denn die Infrastruktur muss ja mit finanziert werden. Knapp 60 Quadratmeter kosten monatlich rund 800 Euro warm. Also gut zwölf Euro pro Quadratmeter. Trotzdem waren die meisten Wohnungen schon vor der Einweihung weg.

Guido Jost, Landesvorsitzender Arbeiter-Samariter-Bund Saarland: "Wir haben hier so hoch gedämmt und erzeugen unsere Energie selbst über Photovoltaik- über Kollektoranlagen, sodass die Leute also mit den steigenden Energiekosten nichts zu tun haben werden. Und das ist ja nun mal die zweite Miete heute – der Energiepreis. Von daher sind diese zwölf Euro, wenn sie über lange Zeit auch garantiert werden können, ein Preis, der auch sozial vertretbar ist."

Sicherheit für Senioren – Entlastung für Angehörige

Lore L. hatte nur wenige Straßen nebenan gelebt. Jetzt, mit 85, hat sie Probleme mit dem Gehen. Die gesamte Anlage ist barrierefrei – eine deutliche Verbesserung zu ihrer vorherigen Wohnung. Trotzdem war ihr die Entscheidung zunächst nicht leicht gefallen.

Lore L., Mieterin Seniorendorfbewohnerin: "Ich bin hier hergezogen mal zuerst, weil meine Kinder das gerne gehabt hätten. Ich wollte das zuerst gar nicht. Aber dann haben wir es uns mal angeschaut und dann habe ich festgestellt, dass es eben eine Einrichtung ist, in der man für sich sein kann, wenn man das möchte. Wenn man Gesellschaft möchte, hat man sie auch."

Sie und ihr Dackel Champ haben sich gut eingelebt. Und ihre Tochter sieht ihre Hoffnungen bestätigt. Sie steht beispielhaft für eine ganze Kindergeneration, die voll berufstätig ist und eine Betreuung der Eltern im Alter nicht alleine stemmen kann. Besonders wichtig für sie: Dass immer jemand da ist, sollte ihre Mutter mal Hilfe benötigen.

Beate B., Tochter von Lore L.: "Sie hatte sogar einmal auch schon dieses Erlebnis. Da war sie wohl morgens wohl mal später dran und es waren um elf Uhr bei ihr die Rollläden noch nicht oben, und prompt kam auch dann eine Rückfrage: Ist alles in Ordnung bei Ihnen? Das gibt uns natürlich als Töchter, denke ich, schon auch eine gewisse Beruhigung. Dass man halt eben sagt: Na gut, da guckt auch jemand."

VdK fordert Seniorendörfer in fast allen Kommunen

Auch im Alter würdig und selbstbestimmt leben – vor allem auf dem Land sind Millionen Senioren in der Zwickmühle: Zu fit fürs Heim, aber zu viel allein. Genau da sehen die Sozialverbände Handlungsbedarf – und neue Chancen.

Das Seniorendorf in Kirkel
Das Seniorendorf in Kirkel | Bild: SR

Armin Lang, SPD, Bundesvorstand Sozialverband VdK: "Seniorendörfer brauchen wir eigentlich in jedem Dorf. Dort wo die Menschen wohnen, dort wollen sie auch diesen Komfort und auch wenn es irgendwie geht diese Gemeinschaft haben. Denn dort lebt und wohnt die Mehrheit der Bevölkerung. Und da müssen wir entsprechende Vorsorge treffen, dass nämlich die Quartiere so sind, wie die Menschen sie brauchen."

Dass sich die Mieter im Seniorendorf wohl fühlen – daran hat auch Silke B. einen großen Anteil. Sie ist die Hausdame; hilft bei kleinen und großen Problemen – ob Formulare ausfüllen, Briefe verschicken oder beim Arztbesuch. Für viele Mieter ist sie die gute Seele, die den Laden zusammenhält und einfach da ist, wenn man sie braucht.

Silke B., Hausdame des Seniorendorfs: "Man kann alleine sein, wenn man das möchte, aber wenn man die Tür öffnet, hat man doch einen schönen Innenhof und auch ganz viele nette Nachbarn. Und auch untereinander sind einige Freundschaften entstanden. Und das ist schon schön mit anzusehen."

Kontakte auch zu Dorfnachbarn

Dorfbewohner Siegfried N. hat in der Tagespflege einen neuen "externen" Freund gefunden. Denn neben den Mietern werden hier auch Menschen aus der Nachbarschaft betreut. Drei Mal die Woche trifft er sich mit Erich P. zum Schach. Strategisch gesehen, haben die Mieter hier Planungssicherheit. Ein wichtiger Teil des Konzepts.

Bernhard Roth, Geschäftsführer Arbeiter-Samariter-Bund Saarland: "Er hat hier über die Pflege im ambulanten Bereich und in der Tagespflege und in der Barrierefreiheit wirklich die Gewissheit: Hier kann ich bis an mein Lebensende verbleiben. Ich muss diese Einrichtung nicht mehr wechseln."

Würde im Alter – eine gesellschaftliche Aufgabe für alle

Ein selbstbestimmter Lebensabend ist das Ziel aller Mieter. Aktuell leben 49 Menschen im Seniorendorf – von Ende 50 bis Mitte 90.

Armin Lang, SPD, Bundesvorstand Sozialverband VdK: "Würdig alt zu werden ist eigentlich gesetzlicher Auftrag von kommunaler Seite. Das müssen die Kommunen auch mit sicherstellen, und da müssen die Länder und der Bund helfen. Gesamtgesellschaftlich eine Herausforderung, aber eine lösbare."

Wöchentliche Veranstaltungen wie Kaffeenachmittage, Frühstücksbüffets oder diese Modenschau stärken den Zusammenhalt in der Dorfgemeinschaft. Da entdecken manche wieder ganz neue Lebensgeister in sich.

Eduard K., Mieter Seniorendorf
"Also ich kann wirklich durchatmen. Bei mir ist keine Blockade mehr wie früher und ich bin also wirklich frei. Ich bin wirklich an einem Punkt: Ich möchte, wenn es irgendwie geht, auf diesem Punkt 100 Jahre alt werden."

Kein Wunder, dass dieses Konzept in der Fachwelt auf großes Interesse stößt. Denn schon bald kommt die Generation der Babyboomer ins Rentenalter.

Ein Beitrag von Peter Sauer

Stand: 10.01.2019 09:40 Uhr

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