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Kurzarbeit und Steuererklärung – was muss man beachten?

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Kurzarbeit und Steuererklärung – was muss man beachten? | Video verfügbar bis 17.02.2022 | Bild: picture alliance/dpa / Monika Skolimowska

  • Kurzarbeitergeld kann zu Steuerüberraschung führen
  • Kurzarbeitergeld ist zwar steuerfrei, es erhöht unter Umständen aber trotzdem die Steuerschuld
  • Der Gewerkschaftsbund kritisiert die doppelte Last der Arbeitsnehmer
  • Tipp: Mindestens zehn Prozent vom Kurzarbeitergeld wegen möglicher Nachforderung zurücklegen

Mit jedem Cent müssen auch alle rechnen, die im letzten Jahr in Kurzarbeit geschickt wurden. Und jetzt auch das noch: Das Kurzarbeitergeld ist zwar steuerfrei, aber es erhöht unter Umständen die Steuerforderung für das restliche Gehalt. Ganz schön kompliziert. Wir haben gecheckt, wer Steuern nachzahlen muss und wer vielleicht sogar Geld zurückbekommt.

Trotz Kurzarbeit 1.000 Euro Steuern nachzahlen?

Mal kurz im Büro, dann wieder zu Hause. Die Corona-Krise hat Daniela S. schwer getroffen. Als Reiseverkehrskauffrau gibt es fast nichts zu tun. Ihre Chefin musste die alleinerziehende Mutter in Kurzarbeit schicken. Gut für's Homeschooling, aber ganz schlecht für die Haushaltskasse. Seit fast einem Jahr geht das schon so, und noch immer ist kein Ende in Sicht.

Steuererklärung
Wegen fehlender Rücklagen kann die Nachzahlung schwierig werden. | Bild: picture alliance/dpa / Frank Rumpenhorst

Daniela S. sagt: "Da versucht man, tagsüber stark zu sein für die Kinder, um sich nichts anmerken zu lassen. Und abends liegt man im Bett und hat die Existenzängste – und überlegt sich, was kommt morgen, wie geht es weiter, wie schaffe ich das überhaupt alles?"

2020 fehlten ihr durch die Kurzarbeit rund 450 Euro netto im Monat. Dabei war es schon vor Corona knapp. Und zu allem Übel droht ihr nun womöglich auch noch eine Steuernachzahlung – wegen der Kurzarbeit. "Ich rechne mit Minimum 500, eher mit 1.000 Euro, und ich habe keine Ahnung, wie ich das bezahlen soll. Ich müsste Geld zurücklegen. Ich habe viel, viel weniger im Monat. Wovon soll ich noch Geld zurücklegen? Ich stecke doch sowieso schon zurück, meine Kinder stecken zurück. Ich weiß nicht, wie ich das Geld bezahlen soll."

So wie ihr geht es vielen Beschäftigten, die im vergangenen Jahr Kurzarbeitergeld bezogen haben. Es kann zu einer Nachzahlung kommen.

Steuerberechnung: Alle Einnahmen zählen

Arbeitgeber führen mit der monatlichen Gehaltsabrechnung automatisch die Lohnsteuer ab. Wenn das Finanzamt das ganze Jahr 2020 betrachtet, dann zählen alle Einkünfte zusammen: Das Gehalt, aber auch andere Einkünfte, wie Mieteinnahmen und auch das Kurzarbeitergeld. Aus dieser Summe errechnet sich dann die tatsächliche Steuerschuld für das ganze Jahr. Das Kurzarbeitergeld selbst ist zwar steuerfrei, aber für das eigentliche Einkommen rutscht man unter Umständen höher in der Progression.

DGB: Kurzarbeiter doppelt belastet

Der Deutsche Gewerkschaftsbund sieht darin eine unzumutbare Belastung und eine doppelte Bestrafung in Zeiten der Pandemie.

Dietmar Muscheid, DGB Reinland-Pfalz / Saarland sagt dazu: "Im vergangenen Jahr war es der Einkommensverlust und in diesem Jahr kommt dann eine Steuernachzahlung hinzu, und das für viele Menschen, die mit jeden Cent rechnen müssen, die auf jeden Cent angewiesen sind. Das wird viele Menschen eben dazu bringen, dass sie verzweifeln und sich zu Recht auch fragen: Habe ich das verdient? Und ich sage sehr deutlich: Das haben die Menschen nicht verdient!"

Steuernachzahlung Single ohne Kinder

Ein vereinfachtes Beispiel: Leon B. verdient im Monat 2.500 Euro brutto. 2020 hat er sechs Monate normal gearbeitet. Die anderen sechs Monate hat er nur 50 Prozent gearbeitet und war 50 Prozent in Kurzarbeit. Mal war er also im Büro und mal zuhause zum Nichtstun verdammt. In diesem halben Jahr erhielt er 7.500 Euro brutto. Im ganzen Jahr hat der Arbeitgeber die monatliche Lohnsteuer von 1.835 Euro abgeführt. Dazu kam das Kurzarbeitergeld von 2.787 Euro. Damit ergibt sich für sein Gehalt aber eine höhere Steuerlast von 2.136 Euro. Leon muss 301,00 Euro Lohnsteuer nachzahlen.

Grafik 1: Steuernachzahlung Single ohne Kinder
Beispiel Steuernachzahlung Single ohne Kinder: 301 Euro muss Leon an Steuern nachzahlen. | Bild: SR

Quelle: Bund der Steuerzahler, Pauschal berücksichtigt wurde der Arbeitnehmerpauschbetrag von 1.000 Euro, der Sonderausgabenpauschbetrag von 36 Euro ohne Kirchensteuer.

Kombi aus Kurzarbeit und Normallohn besonders betroffen

Dazu sagt Dr. Isabel Klocke vom Bund der Steuerzahler e.V.: "Am ehesten mit einer Steuernachzahlung müssen diejenigen rechnen, die so eine Art Wechselmodell gefahren sind. Das heißt, die innerhalb eines Monats sowohl Arbeitslohn als auch Kurzarbeitergeld enthalten haben, müssen eventuell jetzt Steuern nachzahlen."

Aber: Nicht alle müssen etwas nachzahlen. Manche bekommen sogar etwas zurück. Es kommt auf den Einzelfall an.

Steuererstattung Single ohne Kinder

Lisa F. verdient im Monat 3.000 Euro brutto. Im Jahr 2020 hat sie sechs Monate voll gearbeitet. Die letzten sechs Monate war ihre Firma komplett dicht – und sie in Kurzarbeit 0. Für das Gehalt im ersten Halbjahr von 18.000 Euro wurde bereits die volle Lohnsteuer in Höhe von 2.430 Euro abgeführt. Im zweiten Halbjahr gab es nur das Kurzarbeitergeld von 7.689 Euro. Für das gesamte Jahrergibt sich dadurch eine geringere Steuerlast von 1.746 Euro. Sie bekommt eine Rückerstattung von rund 684 Euro.

Grafik 2: Steuererstattung Single ohne Kinder
Beispiel Steuererstattung Single ohne Kinder: Auch Lisa hat in Kurzarbeit gearbeitet, bekommt aber Steuer zurückerstattet. | Bild: SR

Quelle: Bund der Steuerzahler, Pauschal berücksichtigt wurde der Arbeitnehmerpauschbetrag von 1.000 Euro, der Sonderausgabenpauschbetrag von 36 Euro ohne Kirchensteuer.

Bei Kurzarbeit Ehegattensplitting prüfen

Für Ehepaare, die bisher eine gemeinsame Steuererklärung abgegeben haben, gibt es unter Umständen sogar einen kleinen Kniff.

Dr. Isabel Klocke vom Bund der Steuerzahler e.V.: "In diesem Jahr lohnt es sich besonders für Ehepaare, nochmal zu prüfen, ob man sich gemeinsam veranlagen lässt, also das so genannte Ehegattensplittung nutzt, oder die Einzelveranlagung wählt. Ehepaare haben die Möglichkeit auszusuchen, welche Variante sie wählen möchten. Und in diesen Zeiten kann es sogar sinnvoll sein als Ehepaar, einmal die Einzelveranlagung zu wählen, weil das eventuell etwas günstiger ist."

Das Problem: Wer nachzahlen muss und wer etwas zurückbekommt, lässt sich oft erst sagen, wenn die Steuererklärung gemacht wurde. Die Details sind – wie immer – kompliziert und ganz individuell. Fahrtkosten, Handwerkerrechnungen, Vorsorgeaufwendungen oder Spenden etwa beeinflussen die tatsächliche Steuerlast ja auch. Und so ist die Verunsicherung bei den Betroffenen groß.

Steuererklärung ab 410 Euro Kurzarbeitergeld verpflichtend

Übrigens: Alle, die wie Daniela S. 2020 mehr als insgesamt 410 Euro im Jahr Kurzarbeitergeld erhalten haben, sind verpflichtet, eine Steuererklärung abzugeben. Auch, wenn sie das sonst noch nie gemacht haben.

Zeit hat man in diesem Jahr bis 2. August. Wer einen Lohnsteuerhilfe-Verein oder einen Steuerberater einschaltet, hat Verlängerung bis Februar 2022. Aber das kostet natürlich auch wieder Geld.

Mindestens zehn Prozent vom Kurzarbeitergeld zurücklegen

Experten raten grundsätzlich, zehn bis zwölf Prozent des Kurzarbeitergeldes für eine eventuelle Nachzahlung zurückzulegen. Aber wovon? – fragt der DGB.

Dietmar Muscheid, DGB Reinland-Pfalz / Saarland sagt: "Wir reden über Einkommensklassen, wo es wirklich darum geht, dass jeder Cent in Konsum geht, also in notwendigen Konsum geht. Da ist kein Raum da, etwas zurückzulegen. Wer den Menschen jetzt rät, sie sollen etwas zurückzulegen, der kennt die Lebensrealität von vielen Menschen nicht."

Das Finanzministerium will nichts an den Nachzahlungen ändern. Das hat es auf Nachfrage bestätigt.

Daniela S. wundert sich nicht darüber. Wie sich das anfühlt, sagt sie uns, könne man nur verstehen, wenn man es selbst erlebt hat.

Ein Beitrag von Nicole Würth

Online-Bearbeitung: Ute Kunsmann

Der Beitrag wurde produziert vom Saarländischen Rundfunk (SR) für "Das Erste".

Stand: 18.02.2021 10:56 Uhr

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