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Pflegenotstand – warum es wohl noch schlimmer wird

PlayKrankenschwester vor einem PC.
Pflegenotstand – warum es wohl noch schlimmer wird | Video verfügbar bis 15.12.2022 | Bild: imago / Westend61


  • Corona macht den Pflegenotstand überdeutlich
  • In den kommenden zehn Jahren fehlen 500.000 Pflegekräfte
  • Schnelle Abhilfe ist nicht in Sicht
  • Fallpauschalen und Krankenhäuser als Wirtschaftsunternehmen verschärfen das Problem weiter
  • Ein Bonus reicht nicht aus, um das Personalproblem in der Pflege zu lösen.

In vielen Kliniken stehen Betten leer, weil Pflegekräfte fehlen. Die starten
häufig mit viel Idealismus in diesen Beruf, bleiben aber nicht lange, weil
sie wegen ständiger Überlastung ausgebrannt sind. Eine
Mammutaufgabe für die neue Bundesregierung, nicht nur während der
Corona-Pandemie. Denn Experten rechnen damit, dass sich das
Problem in den nächsten Jahren noch verschärfen wird.

Pflegenotstand – warum es wohl noch schlimmer wird


20 Jahre lang war Claudia K. als Krankenschwester tätig. Aber im letzten
Februar ging es nicht mehr. Die Arbeitsbedingungen waren unerträglich
geworden. Die schlechte Versorgung ihrer Patienten verfolgte sie bis in
den Schlaf.
So geht es vielen, die einfach nicht mehr können. Sie geben auf, suchen
sich andere Jobs oder reduzieren auf Teilzeit, wenn das finanziell geht.

Das Problem: genau das wird den Pflegenotstand in den nächsten
Jahren weiter verschärfen. Denn die Bevölkerung wird immer älter und
damit hilfsbedürftiger. Gleichzeitig kommen die Pflegekräfte der großen
Babyboomer-Generation ins Rentenalter. Und Nachwuchs fehlt.
Der Deutsche Pflegerat schlägt Alarm.
Das Land steuere auf eine humanitäre Pflegekatstrophe zu, in zehn
Jahren könnten alte und bedürftige Menschen nicht mehr versorgt
werden. „Uns fehlen 500.000 Pflegekräfte in zehn Jahren. Wir werden
sechs Millionen Pflegebedürftige haben, wir müssen umdenken“, so
Christine Vogler vom Deutschen Pflegerat.

Corona verschärft das Problem weiter


Die Uniklinik Homburg im Saarland. Auch hier auf der Intensivstation
haben viele gekündigt. Betten gibt es aktuell genug, aber zu wenig
Personal für noch mehr Patienten. Das verbliebene Team kämpft täglich
- mit menschlichen Schicksalen und mit ungeimpften Corona-Leugnern.
Viele Patienten sterben, das ist für die Pfleger nur schwer zu verkraften.
„Wir fahren im Moment unsere Gesundheit an die Wand“, heißt es.
Pflegeleiter Jürgen Noe vom Universitätsklinikum des Saarlandes hat
häufig schlaflose Nächte. Viele Pfleger sind krank, ihre Arbeit muss
unter den anderen Mitarbeitern verteilt werden.

Keine Abhilfe in Sicht


Der Pflegeberuf ist auch technisch immer anspruchsvoller geworden. Es
dauert Jahre, bis man die Apparaturen perfekt beherrscht. Eigentlich gibt
es auf den Stationen Personaluntergrenzen, die nicht unterschritten
werden sollen. Aber: Prof. Phillip Lepper, Universitätsklinikum des Saarlandes „Das ist nicht immer möglich, weil natürlich Patienten Versorgung
brauchen“ . Aber es sei auch klar, wenn Menschen dauerhaft in einem
derartigen Ausnahmezustand arbeiten müssen, werden sie psychisch
und körperlich aufgerieben.

Leistungs- und Kostendruck


Die Krankenhäuser dürfen in Pandemiezeiten die ohnehin schon knapp
bemessenen Personalvorgaben unterschreiten.
Das wird aber von manchen zulasten der Beschäftigen ausgenutzt,
bemängeln Arbeitnehmer-Interessenvertreter.

Beatrice Zeiger von der Arbeitskammer des Saarlandes berichtet von
Krankenhäusern, die ohne Not in verschiedenen Bereichen, die
Personaluntergrenzen unterschritten hätten. „Hier wurde dann der
wirtschaftliche Gesichtspunkt vorangestellt, ohne zu sehen, wie geht es
damit den Pflegekräften und wie geht es den zu Pflegenden?“
Der Kern des Problems: Die Einführung der so genannten
Fallpauschalen. Dabei sind feste Summen für jede Krankheit vorsehen.
Und zudem die ständig voranschreitende Privatisierung der
Krankenhäuser. Beides erhöht den Leistungs- und Kostendruck. Dass
die Polizei oder Feuerwehr Geld für Aktionäre verdienen müsste, wäre
ein abstruser Gedanke. Aber im Gesundheitswesen passiert genau das
immer häufiger.

Krankenhäuser seien an vielen Stellen inzwischen reine
Wirtschaftsunternehmen, kritisiert Christine Vogler vom Deutschen
Pflegerat. Sie seien Aktiengesellschaften, die Rendite erwirtschaften
müssen. Die Folge: Dieses Geld fließt aus den Häusern ab.
„Wir haben Heuschrecken, die kaufen Pflegeheime auf, und verkaufen
sie nach ein paar Jahren gewinnbringend weiter. Und genau das muss unterbunden werden, weil da fließen soziale Gelder aus dem System, die
weder den Bedürftigen noch den Pflegenden zu Gute kommen."

Mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen notwendig


Die neue Ampelregierung will laut Koalitionsvertrag die Löhne für
Pflegekräfte erhöhen und die Arbeitsbedingungen verbessern. Das ist
noch ziemlich wolkig. Aber populistische Vorstöße wie der aus Bayern,
das Gehalt für Intensivpfleger mal eben für ein Jahr zu verdoppeln,
stärken das Vertrauen auch nicht gerade — wenn vorher überall
geknausert wurde.

Beatrice Zeiger, Arbeitskammer des Saarlandes: „Wenn man jetzt die Personalbemessung verbessert, das wäre der
große Wurf, nicht an einzelnen Schräubchen drehen sondern im großen
Ganzen... und dann fühlt man sich auch wieder verbunden mit dem
Beruf und ich glaube dann würden die Pflegekräfte auch wieder im Beruf
bleiben und hineinkommen.“

Nachwuchs dringend gesucht


Vor allem braucht es langfristige Lösungen. Nur so wird es genug
Nachwuchs geben, der in fünf oder zehn Jahren das Ruder übernehmen
kann. Nach Schätzungen verschiedener Experten brechen rund ein Drittel der Berufsanfänger ihre Ausbildung ab, weil sie häufig genug
zunächst als Aushilfskräfte eingesetzt und dann plötzlich als vollwertiges
Personal betrachtet werden, so Lina Gürtler, AG Junge Pflege DBFK.
Dann müssten die Berufsanfänger Aufgaben bewältigen, denen sie sich
vielleicht noch nicht gewachsen fühlten.
Um junge Leute für die Pflege zu motivieren, brauche es Perspektiven.
Mehr Geld UND bessere Arbeitsbedingungen. Doch noch ist die Lage
prekär.

Claudia K. ist mittlerweile als Lehrerin an einer Pflegeschule tätig. Sie
hofft auf bessere Bedingungen, wenigstens für ihre Schüler. Ihr Rat:
Lieber ein paar Mal nein sagen und mehr Selbstschutz, dann kann man
den Beruf vielleicht auch länger ausüben.
Denn wenn es ihren Schülern später genauso gehen sollte wie ihr, dann
wäre die endgültige Pflegekatastrophe nicht mehr aufzuhalten.


Ein Beitrag von: Nicole Würth
Onlinebearbeitung: Annette Bak
Ein Beitrag des Saarländischen Rundfunks für Das Erste

Stand: 16.12.2021 09:13 Uhr

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