SENDETERMIN Mi, 05.09.18 | 21:45 Uhr | Das Erste

Grauer Kapitalmarkt weiter auf dem Vormarsch

PlaySchatten von zwei Menschen
Grauer Kapitalmarkt weiter auf dem Vormarsch | Video verfügbar bis 05.09.2019 | Bild: dpa/Uwe Anspach

– P&R ist größter Anlageskandal auf dem so genannten Grauen Kapitalmarkt
– Schneeballsystem schluckt vier Milliarden Euro von 50.000 Anlegern
– Private Altersvorsorge stark gefährdet
– Grauer Kapitalmarkt deutsche Besonderheit – Anleger in Nachbarländern besser geschützt

Eigentlich ist Gisela S. schon in Rente. Aber sie muss wieder arbeiten – als Übersetzerin. Denn sie hat die Hälfte ihrer Ersparnisse verloren. Sicher wollte sie ihr Geld anlegen, 90.000 Euro. Eine Freundin empfahl die Firma P&R, die schon lange am Markt war und mit Containervermietungen bis zu fünf Prozent Rendite zahlen würde. Doch die ist jetzt pleite – und das Geld ist weg.

Gisela S., P&R-Geschädigte: "Ich habe eine kleine Rente, von der ich aber nicht leben kann. Es reicht gerade für die Miete und den Rest muss ich mir dazuverdienen. Hier ist mir jetzt aufgegangen, da wird man reingeschmissen. Und da gehst du unter, weil das Risiko kannte ich nicht."

Milliardenverluste durch hohle Anlageversprechen

Mit dem Container-Versprechen hat P&R über 50.000 Anlegern knapp vier Milliarden Euro aus der Tasche gezogen. Im Frühjahr meldeten mehrere P&R-Töchter Insolvenz an.

Das Geschäft funktionierte so: Die Anleger gaben P&R ihr Geld. Von der Schweiz aus sollten Container gekauft und diese dann vermietet werden. Die Miete sollte an die Anleger in Deutschland zurückfließen. In Zeiten der Schifffahrtskrise sind fünf Prozent Rendite aber schon lange ein hohles Versprechen. Für Anleger war das Konstrukt zudem nicht nachzuprüfen, selbst wenn sie angebliche Container-Eigentumsnummern bekamen.

Schatten von zwei Menschen
Der Graue Kapitalmarkt steht nicht unter staatlicher Aufsicht. | Bild: dpa/Uwe Anspach

P&R versprach außerdem, die Container nach fünf Jahren zu zwei Drittel des Einstiegspreises zurückzukaufen. Erst später kam heraus: Die Mieteinnahmen reichten bei weitem nicht für die gesamten Auszahlungen. Und schlimmer noch: Von den 1,6 Millionen Container existierten eine Million nur auf dem Papier. P&R ist damit zum größten Anlageskandal auf dem so genannten Grauen Kapitalmarkt geworden. Dazu gehören alle Finanzangebote, die nur wenige gesetzliche Vorgaben erfüllen müssen. Anwalt Peter Mattil vertritt geprellte Anleger.

Peter Mattil, Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht: "P&R ist ja auch nur scheinbar gut gelaufen. Die Leute haben immer ihr Geld wiederbekommen. Das hatte Gründe in einem so genannten Schneeballsystem, aber wirklich funktioniert hat das nie. Die konnten im Prinzip treiben, was sie wollten. Und insofern ist es ein typischer Fall des Grauen Kapitalmarktes, nur eben der größte."

Fehlender Anlegerschutz gefährdet Altersvorsorge

Auch Paul Stefan M. hat P&R vertraut. Er hatte schon einmal vor 20 Jahren beim Containervermieter etwas Geld angelegt und damals gut verdient. Als er seine eigene Firma verkaufte, legte er vor drei Jahren noch einmal Geld an, viel mehr. Wenn er Glück hat, bleiben davon 20 oder 30 Prozent übrig.  

Paul Stefan M., P&R-Geschädigter, erzählt: "Es tut mir sehr weh, da es ein Großteil meiner Altersvorsorge war. Die Politik sagt immer, man soll privat vorsorgen. Wenn man es macht, fällt man rein. Denn es gibt ja nicht nur den Skandal, dass P&R Container verkauft hat, die es gar nicht gab, sondern die Politik hat uns ja auch ein Anlegerschutzgesetz verkauft, was gar keines ist“. 

Erst seit zwei Jahren besteht eine Prospektpflicht für Direktinvestments. Die Anleger müssen beispielsweise über einen möglichen Totalverlust aufgeklärt werden. Allerdings wird nicht kontrolliert, ob das Geschäftsmodell überhaupt funktioniert.

Trendkurve
Legal, aber unreguliert: Wenn es auf dem Grauen Kapitalmarkt kracht, haben die Anleger das Nachsehen. | Bild: dpa/Sven Hoppe

Neueste Trends auf dem grauen Kapitalmarkt sind auch Beteiligungen an Öko-Investments, Immobilienanlagen, Bitcoin-Geschäfte oder Crowdfunding. Oft wird mit hoher Sicherheit und mit Renditen weit über dem Marktniveau geworben. Wie groß die Schäden sind? Die lassen sich gar nicht genau erfassen. Doch die Schlagzeilen von großen Pleiten häufen sich. Selbst das Bundeskriminalamt kann uns keine Zahlen nennen.

Verbraucherschützer warnen vor gezielter Anwerbung

Und es gibt ein neues Problem: Weil die großen Internet-Konzerne immer genauer die Vorlieben und Interessen jedes Nutzers erfassen, können unseriöse Anbieter viel gezielter neue Opfer ausfindig machen. Die Verbraucherzentralen warnen auf einer bundesweiten Info-Tour auch vor dem Grauen Kapitalmarkt. Höhere Renditen bringen höhere Risiken, Finger weg, sagen die Verbraucherschützer.  

Thomas Beutler, Verbraucherzentrale des Saarlandes, erklärt: "Es gibt viele Fallen im Internet und was wir auch sehen, in sozialen Medien werden auch ganz gezielt Personen angesprochen, die vielleicht empfänglich für solche Anlageformen sind und das sind neue Entwicklungen, die auch sehr gefährlich sind. Denn als Beispiel, jemand der sich für Naturschutz interessiert und auch einsetzt, der könnte jetzt auf Facebook ganz gezielt angesprochen werden auf Sonnenkollektoren oder nachhaltige Investments."

Abzocke wegen mangelnder Kontrolle und Ahndung

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungs-Aufsicht verhängt kaum Bußgelder. Und sie kontrolliert auch keine Bilanzen und laufenden Geschäfte. So geht die Party munter weiter. An gesetzliche Verschärfungen wird derzeit auch nicht gedacht, teilt uns das Finanzministerium schriftlich mit. Der Anlegerschutz sei ja schon deutlich verbessert worden. Das sehen Insider ganz anders. Es sei sogar noch schlimmer geworden.

Daniel Bauer, Vorstandsvorsitzender SdK, Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger e.V., dazu: "Die gesetzlichen Verschärfungen, die Regulierungen haben eher dazu geführt, dass die grauen Schafe immer weitergemacht haben und die sind nur ausgewichen auf nicht regulierte Bereiche und diejenigen die es seriös meinen, die ordentliche Renditen und ein ordentliches Geschäftsmodell bestreiten, deren Geschäft wurde immer mehr unterminiert, d.h. konnten sich die hohen Kosten für die Regulierung nicht mehr leisten. Die Folge war, dass immer mehr schwarze, graue Schafe am Grauen Kapitalmarkt zu finden waren." 

Wenn die Hintermänner von unseriösen Angeboten tatsächlich einmal vor Gericht landen, ist es meistens sehr schwer, Betrugsabsicht oder Schneeballsysteme zu beweisen. Haftstrafen sind häufig schnell abgesessen. Weil es den Staatsanwaltschaften an Personal mangelt, droht auch schon mal die Verjährung.

Anleger in Nachbarländern besser vor Grauem Kapitalmarkt geschützt

Andere Länder haben solche Angebote verboten, aber da müsste die Regierung ran. Peter Mattil, Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht: “Gehen sie mal nach Frankreich, nach Spanien, da gibt es solche Produkte einfach nicht. Die sind nicht erlaubt. Da können Sie nicht an einen Verbraucher, an einen Rentner, einen Container, ein Nachrangdarlehen oder was es an Zeug gibt, verkaufen. Das ist einfach nicht erlaubt. Zum Schutz der Verbraucher ist es selbstverständlich möglich, so etwas zu verbieten.“

Der Graue Kapitalmarkt, eine deutsche Spezialität. Erst wird die private Vorsorge fürs Alter gepredigt. Dann werden die Opfer alleingelassen. Und am Ende wundert man sich, warum viele Bürger so verdrossen sind.

Ein Beitrag von Lars Ohlinger

Weiterführende Informationen

Marktwächter: https://ssl.marktwaechter.de/grauer-kapitalmarkt

Stand: 06.09.2018 07:43 Uhr

0 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

Mi, 05.09.18 | 21:45 Uhr
Das Erste

Produktion

Saarländischer Rundfunk
für
DasErste