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Pflege – wie es besser geht

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Pflege – wie es besser geht | Video verfügbar bis 05.09.2019 | Bild: dpa

– Städtische Seniorenheime Krefeld bieten auch quartiernahe Gesamtversorgung
– Kunden und Pflegepersonal zufrieden
– Pflegeberuf wird abwechslungsreicher
– Wechsel der Senioren von Privatwohnung in Heim fällt leichter

Das Image der Altenpflege ist denkbar schlecht: Überstunden, Schichtarbeit, wenig Anerkennung. Dass es auch anders geht, zeigen die Städtischen Seniorenheime Krefeld. Die Mitarbeiter dort sind nicht nur für die Versorgung der Heimbewohner zuständig, sondern im Umkreis der Einrichtung auch für die häusliche Pflege. Dadurch wird ihr Berufsalltag interessanter und die Bewohner im Stadtteil haben für alle Pflegefragen einen festen Ansprechpartner – und nicht viele verschiedene. Das schafft zufriedene Menschen im Quartier und bringt Mitarbeiter, die gerne in der Altenpflege arbeiten.

Altenpflege ein vielseitiger Beruf

Halb 7, Frühschicht im Krefelder Seniorenheim Linn. 16 Bewohner werden von Stephanie F. und Larissa A. auf ihrer Etage versorgt. Die meisten an Demenz erkrankt oder schwer pflegebedürftig. Kein leichter Job. Dennoch machen beide ihre Arbeit gerne. "Ich bin vollkommen zufrieden. Mitsamt Ausbildung bin ich seit 18 Jahren im Beruf und bin immer noch mit dem Herzen dabei. Ich bin auch stolz auf meinen Beruf und was ich mache", erzählt die Pflegedienstleiterin Larissa A.

Die Hand einer alten Frau liegt in der einer jungen
Altenpflege ist mehr als nur die Pflege eines Menschen. Die Senioren sollen sich auch wohlfühlen und in Kontakt mit anderen bleiben. | Bild: dpa

Altenpflegerin Stefanie F. lobt die Vielseitigkeit ihrer Tätigkeit. Die werde in der Öffentlichkeit von vielen nicht gesehen: "Wenn ich mir das manchmal anhöre, was manche Leute darüber äußern, ‚Arschabwischer‘ und was weiß ich nicht alles, die sehen aber dieses ganze Drumherum nicht. Wir sehen nicht nur die Pflege, die Grundpflege an sich, wir sehen den ganzen Menschen, vom Psychischen angefangen bis Wohlbefinden, bis Erkrankungen, bis hin zu sozialen Aspekten.“  Zum Beispiel bei den Bewohnerzimmern, da gehe es auch um Raumgestaltung. "So wie die Leute zu Hause gelebt haben, so versucht man es denen dann so angemessen wie möglich auch hier zu machen und das sehen die Leute nicht. Die sehen ‚Arschabwischer‘, Wischi-Waschi und fertig."

Quartiernahe Rundumversorgung

Im Seniorenheim Linn in Krefeld ist manches anders: Die Mitarbeiter versorgen nicht nur die Bewohner in der Einrichtung, sondern auch Senioren in der Nachbarschaft. Das sorgt für Abwechslung in der Alltags-Routine. Elisabeth H. möchte so lange wie möglich zuhause wohnen. Nach einem Schlaganfall braucht die frühere Floristin umfassende Hilfe. Grundpflege. Medizinische Versorgung. Hilfe im Haushalt. In allen Fragen kann sich die 83-jährige direkt an Stephanie F. wenden. Denn alle Dienstleistungen der Einrichtung gibt es in der unmittelbaren Nähe des Seniorenheims auch ambulant zu Hause. Und das "klappt prima", findet Elisabeth H.

Und das alles klappt, darum kümmert sich Stefanie F. Die Altenpflegerin ist die vertraute Bezugsperson. Für die Pflege zuhause und bei Bedarf auch im Heim. Und das kommt auf beiden Seiten gut an. "Man bekommt doch sehr viel Dank von den Kunden und die freuen sich auch, wenn man morgens kommt. Und, ja, man sieht auch, wie die Kunden aufblühen oder glücklich sind. Das macht auch viel Wertschätzung aus", so Stephanie F.

Seniorenheim als integrierter Bestandteil einer ganzheitlichen Pflege

So ist das Seniorenheim nicht mehr eine Art Endstation, sondern Teil einer ganzheitlichen Pflege, mitten im Quartier. Man kennt sich untereinander. Viele, die hier wohnen, wurden vorher von denselben Personen schon ambulant versorgt. Dadurch war der Schritt ins Heim nicht mehr so schwer.

Bürokratische Hürden

Diese "quartiernahe Gesamtversorgung" gibt es seit 2014. Ein großer Erfolg für Jörg Schmidt und sein Team. Über zwei Jahre mussten sie kämpfen und verhandeln, um die vielen bürokratischen Hindernisse zu überwinden. "Die Hürden liegen einfach in unserem bestehenden System. Das ist sehr starr und sich da heraus zu schälen und ein solches, etwas flexibleres System anzubieten, da braucht es Energie, da braucht es Menschen, die sagen, wir machen mit. Und es müssen sehr viele Partner mitspielen, weil eben sehr, sehr viele unterschiedliche Gesetzgebungen und Regelungen und Kontrollbehörden in dieses gesamte recht – sozusagen abgestufte und starre System – hineinspielen", so der Geschäftsführer der Städtischen Seniorenheime Krefeld.

Senioren in einem Raum
Wenn die Angehörigen mal verreisen, können die Senioren zur Kurzzeitpflege im Heim untergebracht werden. Dort werden sie von den Personen betreut, die sie auch schon aus der häuslichen Pflege kennen. | Bild: dpa/Oliver Berg

Mehr Pflegekräfte

Aber woher sollen die zusätzlichen Fachkräfte für die "quartiernahe Versorgung" kommen? Erstaunlicherweise wurden die bisher alle im eigenen Haus gefunden. Pflegedienstleiterin Larissa A. zum Beispiel hat eine Weiterbildung zur Fall-Managerin gemacht. Und arbeitet jetzt Vollzeit statt Teilzeit. Zu ihren neuen Aufgaben gehört es, für einzelne Personen alle Pflegemaßnahmen und Dienstleistungen zu koordinieren. Elisabeth H. zum Beispiel kommt demnächst in die stationäre Kurzzeitpflege, weil ihre Tochter in Urlaub fährt. Als persönliche Fall-Managerin sorgt Larissa A. dafür, dass es der alten Dame in dieser Zeit an nichts fehlt.

Mehr Wertschätzung

Der Pflegedienstleiterin gefallen die neuen Herausforderungen: "Ich lebe auf mit meinen Aufgaben. Ich unterstütze die Menschen. Ich bekomme vieles zurück, viel Positives, und die Menschen sind uns dankbar. Das hat sich für mich verändert." Eine Wertschätzung, die Mitarbeiter bei ihrer Arbeit auf Station so nur selten erfahren: Viele Bewohner sind dazu nicht mehr in der Lage und Angehörige einfach oft überfordert.

Mehr Motivation

Beate C. arbeitet in der Hauswirtschaft. Teilzeit, seit 30 Jahren. Das Angebot, sie zur Alltagsbegleiterin auszubilden und Vollzeit zu arbeiten, hat sie ohne Zögern angenommen: "Ich bin so ein Mensch, dass ich das immer mitnehme, was neu ist. Und egal wie alt ich wäre, ich würde das trotzdem weitermachen, weil ich das einfach interessant finde."

Vollzeit statt Teilzeit

Gute Arbeitsbedingungen und Angebote zur Weiterbildung tragen erheblich dazu bei, dass mehr Mitarbeiter jetzt Vollzeit arbeiten und so den – auch in Krefeld vorhandenen – Personalmangel deutlich mildern. Aktuell arbeitet mehr als die Hälfte der Beschäftigten, die in der Altenpflege tätig sind, nur Teilzeit, nämlich 56 Prozent. Ein enormes Potenzial an zusätzlichen Pflegestunden – wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Mehr Abwechslung

Beate C. gefällt ihre neue Arbeit als Alltagsbegleiterin. Die Aufgaben sind abwechslungsreich: Von Hilfe im Haushalt bis zur Aktivierung der Menschen mit Pflegebedarf, etwa durch Lesen, Spielen oder Spaziergänge.

Weniger Kosten

Bundesweit würden viele Einrichtungen das Modell gerne übernehmen – wenn nur die bürokratischen Hürden nicht so hoch wären. Denn auch finanziell ist die quartiernahe Versorgung interessant. "Weil wir günstiger anbieten als andere – aufgrund der Struktur, die wir haben – und das heißt für die Kassen, wenn sie die Leistung übernehmen, sparen die zwischen 22 und 25 Prozent", so Jörg Schmidt.

Entlastung für die Angehörigen

Bei Elisabeth H. ist es soweit. Tochter und Schwiegersohn bringen die 83-jährige zur Kurzeitpflege. Für beide ist es beruhigend, sie in vertrauten Händen zu wissen, solange sie in Urlaub sind: "Wir hatten vorher schon mal eine andere Situation, wo wir einen anderen Dienstleister hatten, der hat die Kurzzeitpflege nicht mit angeboten und ich finde es jetzt natürlich tausendfach besser, dass man alles an einer Stelle hat, dass man wirklich immer mit den gleichen Menschen zu tun hat, egal, in welcher Situation man ist."

Dorit J. ist erleichtert und ihre Mutter Elisabeth H.? "Naja, hoffen wir mal, dass es klappt."

Ein Beitrag von Ingo Blank

Stand: 06.09.2018 08:56 Uhr

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Mi, 05.09.18 | 21:45 Uhr
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Produktion

Saarländischer Rundfunk
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