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Die Welpen-Mafia im Corona-Boom

PlayGeschmuggelte Hundewelpen im Nürnberger Tierheim
Die Welpen-Mafia im Corona-Boom | Video verfügbar bis 09.06.2022 | Bild: picture alliance/dpa/Tierschutzverein Nürnberg

  • Der Handel mit Welpen: Ein Milliardengeschäft – vor allem in Coronazeiten
  • Die Tiere stammen oft aus „Fabriken“ in Osteuropa, kommen mit gefälschten Papieren
  • In Deutschland tauchen deshalb wieder alte Krankheiten auf
  • Viele Tiere sind verhaltensgestört und einige sogar todkrank
  • Käufer müssen mehrere tausend Euro für Tierarzt und Trainer bezahlen

Manche skrupellosen Züchter und Händler machen gerade jetzt in Corona-Zeiten das Geschäft ihres Lebens mit Hunden, vor allem mit Welpen. Die kleinen Vierbeiner sehen zwar süß aus, sind aber häufig schon todkrank oder verhaltensgestört, bevor sie mit falschen Papieren verkauft werden.

Aus Tierfabriken in Osteuropa – mit Antibiotika ‚fit‘ gespritzt

Diese Welpen, die Plusminus zeigt, sind gerade mal ein paar Wochen alt. Sie stammen aus illegalen Tiertransporten. Jetzt leben sie im Tierheim „Quellenhof Passbrunn“ in Bayern. Unseriöse Händler haben sie von Osteuropa nach Deutschland verfrachtet, um hier mit ihnen Geschäfte zu machen. Die Polizei hat sie gestoppt. Die Tiere waren tagelang eingepfercht in Kofferräumen, Käfigen und Schachteln.

Ilona Wojahn, Präsidentin Tierschutzbund Bayern, sagt: "Die kommen mit blutigen Durchfällen an, mit Erbrechen, mit Fieber und müssen dann behandelt werden, weil es für die kleinen Körper anstrengend ist und es gibt auch Krankheiten, wo uns einfach die Tiere unter den Händen wegsterben."

Wieder alte Tierkrankheiten durch gefälschte Pässe

Geboren werden sie in regelrechten Tierfabriken. Die Mütter angebunden im Dreck. Die Welpen verängstigt und schwach. In dunklen Verließen eingesperrt, oft ohne Tageslicht. Tierschützer berichten von beißenden Ammoniakgerüchen. Die Welpen werden zu früh von ihren Müttern getrennt, manche für die bevorstehende Reise mit Antibiotika fit gespritzt, damit sie den Transport überleben und das Geschäft in Deutschland abgeschlossen werden kann.

Darmerkrankungen, Staupe und im schlimmsten Fall Tollwut. Viele Krankheiten sind in Deutschland ausgerottet, in Osteuropa aber noch nicht. Deshalb dürfen die Welpen offiziell nur geimpft einreisen, mit einem europäischen Heimtierausweis. Doch die meisten Tiere kommen ohne oder mit gefälschten Papieren.

Marius Kußmaul, betreuender Tierarzt: "Die werden halt oft älter klassifiziert, damit man sie quasi als geimpft ausgeben kann, weil das eben erst ab einem bestimmten Alter möglich ist. Dann wird der Hund halt eben älter gemacht, und ihm eine falsche Tollwutimpfung eingetragen, um ihn über die Grenze zu transportieren."

Welpenhandel – ein Milliardengeschäft

Die Nachfrage nach Hundewelpen boomt seit der Pandemie mehr denn je. Der Verkauf geht vor allem über das Internet.

Unseriöse Anbieter von seriösen zu unterscheiden, ist für Tierliebhaber oft schwer möglich. Und zunehmend gibt es auch Suchanfragen, in denen Interessenten mit ihren Vorzügen werben. Ein System, das den Markt noch weiter anheizt.

"Der illegale Welpenhandel ist ein Milliardengeschäft. Während früher für einen Hund vielleicht noch 500, 600 Euro bezahlt worden sind, gehen die Preise jetzt wirklich auf 2.000/3.000/4.000 Euro.“, sagt Birgitt Thiesmann von der Tierschutzorganisation VIER PFOTEN.

Ein mieses Geschäft.

"Das ist wirklich eine organisierte Bandenkriminalität, da gibt es die einen, die die Welpen vermehren, dann gibt es die, die die Hunde da unten zusammensammeln, dann gibt es die Fahrer, dann Abnehmer, und dann die Verkäufer, die sich auch nochmal verzweigen, also wirklich mafiös strukturiert das Ganze.", so Thiesmann.

Putziger Welpe oder verstörter, kranker Kampfhund?

Auch Marie H. ist an einen solchen Händler geraten. Für ihren betagten Jack Russel wollte sie einen jungen Spielgefährten kaufen.

Welpen schauen aus ihrem Gatter
Die meisten Welpen kommen ohne oder mit gefälschten Papieren nach Deutschland. | Bild: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild / Bernd Wüstneck

Im Internet wurde sie fündig. Dort wurde ein Welpe angeboten, laut Annonce mit allerbesten Charaktereigenschaften und für sein junges Alter offenbar ganz besonders begabt, weil er schon im Welpenalter "durch seine einzigartige Vernunft auffällt". Auf einem verwahrlosten Grundstück holt sie ihn ab. Und dann? Marie H. erzählt: "Man stellt sich das so romantisch vor, da kommt ein Welpe ins Haus, und dann versucht dieser Welpe, plötzlich diesen erwachsenen Jack Russel, der nun ja schon mal da ist, totzubeißen. Das war für uns ein Ohnmachtsgefühl, wir konnten nicht begreifen, was da jetzt gerade passiert ist."

Tausende Euro an Zusatzkosten für Arzt und Tiertrainer

Marie H. erkundigt sich bei Kennern der Rasse. Sie erfährt: Die Ahnentafel ist gefälscht. Sie fühlt sich betrogen. Doch das Schlimmste: Der kleine Hund ist nicht nur verhaltensauffällig, sondern zudem krank.

Marie H.: "Über einen langen Zeitraum hatte ich Tierarztkosten natürlich, dann noch die Trainerkosten, Einzelstunden, das sind alles Kosten, die ich so nicht einkalkuliert hatte. Und da reden wir über ein paar Tausend Euro, wenn man das Ganze zusammenrechnet."

Heute sind sie ein gutes Team. Der Hund ist nicht mehr aggressiv. Für unsere Dreharbeiten trägt er trotzdem einen Maulkorb. Den Händler hätte sie gerne belangt, doch aus Furcht vor mafiösen Strukturen hat sie es gelassen.

Typische Tricks der Verkäufer

Wie leicht das Geschäft mit illegalen Welpen funktioniert, zeigt uns Birgitt T.. Im Internet hat sie einen Welpen entdeckt: Vier Monate alt soll er sein, ein Rüde. Der Anbieter hat eine Telefonnummer mit osteuropäischer Vorwahl, identisch mit der eines "Wunderheilers". Der Hund soll ihr auf einem Parkplatz übergeben werden.    

Gespräch Birgitt T. am Telefon:

"Warum ein Parkplatz, warum nicht zu Hause?"

"Wissen Sie, das mit den Kindern ist nicht so gut. Die kennen den Hund, die mögen den Hund und das ist aufregend und dann sind die traurig. Besser draußen, besser."

Typische Ausreden.

Mit der Unterstützung einer Tierärztin und versteckter Kamera macht sich Birgitt T. auf den Weg. Auf dem Parkplatz warten zwei Frauen, auf dem Arm ein Kind. Mit dabei kein Rüde, dafür eine Hündin. Im Pass ist die Rasse überpinselt, wichtige Impfungen fehlen.  

Die Tierschützer verständigen die Polizei.

Dr. Kirsten Tönnies, Tierärztin, erzählt: "In dem Moment, als die Polizei eintraf, hat sie erst einmal vehement bestritten, dass sie uns den Hund verkaufen wollte, sondern sie hat behauptet vor der Polizei, sie sei ja mit dem Hund nur spazieren gegangen."

Birgitt Thiesmann, Tierschutzorganisation VIER PFOTEN: "Sie nennt sich Maria, sie nennt sich Verona, mir hat sie gesagt, sie heißt Sabine, sie hat natürlich auch noch verschiedene Rassen im Angebot, was ja auch nicht normal ist."

Die Polizei nimmt die Personalien der Händlerin auf, die kleine Hündin wird von den Beamten mitgenommen, sie wird in einem Tierheim untergebracht. 

Tiergerechte Aufzucht und Vermittlung

Die Welpen bei der Züchterfamilie Schadegg sollen es gut haben. Ihre Dalmatiner-Hündin Mascha hat 12 Junge zur Welt gebracht. Sie werden an Familien abgegeben, die sie vorher persönlich kennen gelernt haben. Wie viel Zeit hat der künftige Besitzer und hat er sich mit der Anschaffung wirklich intensiv auseinandergesetzt?

Züchterin Sabine Schadegg: "Also kein seriöser Züchter sagt, kommen sie vorbei, sie können sich den Hund anschauen und sie können den Hund mitnehmen. Sie legen das Geld auf den Tisch und packen den Hund ein. (…) So ein Hund begleitet einen zehn bis 18 Jahre, das ist eine lange Zeit, da kann viel passieren und dessen muss man sich einfach bewusst sein."

Gewinnoptimierter Handel contra Tierwohl

Über 900 Anfragen haben sie schon bekommen: per Brief, WhatsApp, Facebook, richtige Bewerbungsschreiben. Sie stecken viel Herzblut in die Zucht, und sie investieren viel Geld. Für artgerechtes Futter, die Zuchtstätte, Deckgebühren, behördliche Genehmigungen. Und sie nehmen sich viel Zeit. Nur so wird man den Tieren und den künftigen Haltern gerecht.

Züchter Marco Schadegg: "Jeder, der Gewinn optimiert arbeitet, ist eigentlich schlecht, denn da leidet das Tier. Man muss nicht sich eine goldene Nase verdienen wollen, das ist nicht die Idee. Das soll man auch nicht, das ist ja ein Hobby."

Schon vor fast zehn Jahren haben wir in Plusminus (ARD Plusminus vom 12.12.2012) auf die Missstände des illegalen Welpenhandels hingewiesen. Seitdem ist der Markt rasant gewachsen.

Tierschützer fordern klare Rechtsvorgaben statt leerer Worte

Auch Julia Klöckner hat das Thema für sich entdeckt und eine Informationskampagne gestartet.

Julia Klöckner auf Facebook: "Wir wollen alle diesen Welpenhandel beenden, wir müssen aber alle an einem Strang ziehen."

Für Tierschützer leere Worte. Denn die Onlinehändler müssen sich bis heute nicht registrieren und verifizieren.

Dr. Kirsten Tönnies, Tierärztin: "Einige Monate bevor wir Wahl haben tritt plötzlich die Landwirtschaftsministerin mit süßen Welpen an. Das zieht natürlich die Wähler an… Anstatt sich mit Welpen zu schmücken, sollte sie lieber handeln und entsprechende Rechtsvorgaben erlassen."

Tipps für seriösen Welpenkauf

Und wie kann man selbst darauf achten, nicht auf unseriöse Tierquäler hereinzufallen? Experten raten: Beweise sichern. Und:

"Wenn man die die Elterntiere nicht zu Gesicht bekommt, wenn man Angebote bekommt, wir liefern Ihnen das Tier nach Hause, oder wenn man sagt, wir treffen uns auf dem Parkplatz, ich bringen Ihnen den Welpen dahin, dann sollte man sehr, sehr vorsichtig sein.", sagt Ilona Wojahn, Präsidentin Tierschutzbund Bayern.

Die Tierheime erwarten schon jetzt einen Ansturm, weil viele Halter nach der Home-Office-Zeit mit kranken oder verhaltensgestörten Tieren überfordert sein werden. Die skrupellosen Händler erweitern unterdessen ihr Geschäft — auf Rassekätzchen.

Ein Beitrag von Nicole Würth

Onlinebearbeitung: Ute Kunsmann

Der Beitrag wurde produziert vom Saarländischen Rundfunk (SR) für "Das Erste".

Stand: 09.06.2021 22:23 Uhr

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