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Werbung im Briefkasten

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Werbung im Briefkasten | Video verfügbar bis 14.10.2022 | Bild: picture aliance /dpa / Falco Siewert

  • Rund 44 Kilo Werbeblätter landen pro Jahr im Briefkasten
  • Danach wandern sie meistens ungelesen in den Müll
  • ‚Werbung nein danke‘ wird oft ignoriert
  • Werbeblätter verbrauchen 42 Milliarden Liter Wasser , 4,3 Milliarden Kilowattstunden Strom und über eine Million Bäume
  • Sie bedeuten aber auch Milliarden Umsätze für die Händler und die Deutsche Post
  • Und schaffen zudem Hunderttausende Arbeitsplätze – vor allem für Geringqualifizierte
  • Soziale Verantwortung und Umweltschutz stehen in krassem Gegensatz

Werbeprospekte in allen Varianten: vor allem von Lebensmittelketten, Baumärkten und Möbelhäusern. Rund 44 Kilo Prospekte und Anzeigenblätter landen nach einer Untersuchung der Uni Gießen jährlich in jedem Briefkasten. Für Verlage und Händler sind sie ein gutes Geschäft, für Umweltaktivisten dagegen Müll und Ressourcen-Verschwendung. Inzwischen wird der Kampf um und gegen Werbung immer häufiger zum Rechtsstreit. Wie wird das Problem woanders in Europa gelöst?

Werbung: Alles oder nichts

Bei den Verbraucherzentralen häufen sich die Beschwerden. Viele Bürger empfinden die unerbetenen Prospekte als echte Zumutung. Nur gezielt Werbung für Lebensmittel oder Bekleidung? Nicht möglich! Entweder alles oder nichts, so das Prinzip. Mit den Mengen sind selbst manche Zusteller überfordert.      

Philip Heldt, Verbraucherzentrale NRW: „Bei uns melden sich relativ viele Verbraucher, die einfach gefrustet sind. Weil sie so viel Werbung im Briefkasten haben, weil die Aufkleber „bitte keine Werbung“ ignoriert worden sind. Teilweise haben die Verbraucher auch die Werbetreibenden direkt angesprochen oder angeschrieben. Darauf gab es in der Regel dann keine Reaktion. Und es hat nur in den wenigsten Fällen auch dazu geführt, dass die Werbetreibenden dann gesagt haben, „okay“, dann senden wir Ihnen wirklich keine Werbung mehr zu.“    

Drei Viertel der Deutschen lehnen Werbepost ab

Die Deutsche Umwelthilfe in Berlin. Nach ihren Berechnungen werden pro Jahr rund 28 Milliarden Werbeprospekte in Deutschland verteilt. Oft noch in Plastik eingeschweißt. Ein großer Teil landet ungelesen in der Tonne. Weil die Hausbewohner kein „Nein, danke-Schild“ anbringen. Weil das Schild nicht beachtet wird oder weil sich die Prospekte irgendwo im Treppenhaus stapeln.    

Thomas Fischer, Deutsche Umwelthilfe e.V.: „Eine repräsentative Umfrage unter deutschen Bürgerinnen und Bürgern hat ergeben, dass rund drei Viertel der Leute unadressierte Werbepost gar nicht wünschen. Die wollen das einfach nicht. Und trotzdem wird ihnen das Zeug überwiegend in die Briefkästen gestopft. Das können wir uns aus Umweltschutz- und Klimaschutzgründen nicht länger erlauben, und das muss sofort aufhören.“

42 Milliarden Liter Wasser allein für Werbung   

Werbeprospekte werden überwiegend aus Altpapier hergestellt. Doch beliebig oft lässt sich das nicht recyclen. Nach ein paar Runden müssen Neufasern hinzugegeben werden. Die Herstellung kostet Ressourcen: Wasser, Energie, und Holz. Und es entsteht CO2.

Thomas Fischer, Deutsche Umwelthilfe e.V.: „Insgesamt werden dafür 42 Milliarden Liter Wasser eingesetzt, 4,3 Milliarden Kilowattstunden Strom, und 1,1 Million Bäume abgeholzt. Das sind unglaubliche Mengen, über die wir reden. Und das meiste völlig nutzlos.“

Werbung nur noch auf Wunsch

Sebastian Sielmann vom Verein „Letzte Werbung.“ Auch er hat der Briefkastenreklame den Kampf angesagt. Seit Jahren setzt er sich dafür ein, dass prinzipiell gar keine Prospekte mehr frei verteilt werden sollen, sondern nur noch auf ausdrücklichem Wunsch.

Sebastian Sielmann, Verein „Letzte Werbung“: „Die ideale Lösung wäre, wenn es Standard wäre, dass erst einmal keiner Werbung erhält.  Und die, die möchten, stimmen mit einem Aufkleber auf dem Briefkasten aktiv zu, der z. B. heißt: ‚Werbung, ja bitte!‘ “

Werbung in einem Briefkasten
Verbraucherschützer starten Petitionen gegen unerwünschte Briefkastenwerbung. | Bild: picture alliance/dpa / Oliver Berg

Werbung, ja bitte! – also nur noch auf Wunsch? So funktioniert es jetzt schon in niederländischen Städten, etwa in Amsterdam. Mit dem System konnte man dort den Papierabfall drastisch reduzieren. Auch deutschen Verbrauchern gefällt diese Idee.

Prospekte sind Hauptwerbeanteil

Wir fragen beim HDE, dem Handelsverband Deutschland nach: Warum halten die Unternehmen an der Werbung fest, und wie stehen die deutschen Handelsketten zum niederländischen Modell? Ein Interview will man uns nicht geben. Und auch von Aldi, Rewe, Lidl und Bauhaus kommen nur Absagen.  

Der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft geht davon aus, dass sich zwei Drittel der Bevölkerung ganz bewusst für die Werbung entscheiden. Und deshalb lohne es sich auch für die Unternehmen. Manche investieren bis zu 60 Prozent ihres Marketingbudgets in die Prospekte.  

Dr. Bernd Nauen, Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft: „Unternehmen nehmen nachprüfbar wahr, dass wenn Werbepost, wenn Prospekte ausgeliefert werden, dass danach Verbraucher in Geschäfte kommen, sie aufsuchen und dasjenige Sortiment, was dort beworben wurde, auch nachfragen und erwerben. Das ist ein ganz realer lebenswirklicher Vorgang, in denen die Unternehmen dann in Kundenzahlen, in auch Umsätzen spüren. Und deshalb ist das für die von hoher Bedeutung.“

Milliarden Umsätze – Hundertausende Arbeitsplätze

Prospekte sind auch im digitalen Zeitalter immer noch einprägsamer als Online-Werbung. Dr. Bernd Nauen, Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft: „Die Markenbindung, die dadurch ausgelöst wird, die ist außerordentlich hoch, denn sie ziehen diese Werbung aus dem Briefkasten, sie können sie mit hochnehmen, in ihre Wohnung nehmen, sie können sich in Ruhe zu dem Zeitpunkt damit befassen, wann ihnen das passt, wann sie wirklich ein Einkaufsbedürfnis haben, ihren Einkaufzettel zusammenstellen wollen. Das ist regelrechter Lesestoff aufgrund dieser besonderen Wahrnehmungssituation, die dieser Kanal innehat.“

Milliarden Umsätze für die Händler, aber auch für die Deutsche Post.

Soziale Verantwortung für Geringqualifizierte

An der Wertschöpfungskette der Druckerzeugnisse hängen Hunderttausende Arbeitsplätze. Für Zusteller, Fahrer oder Beschäftigte in der Druckindustrie, auch in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Wenn weniger gedruckt und verteilt würde, könnten ihre Jobs auf dem Spiel stehen. Tatsächlich auch eine soziale Frage.

Dr. Paul Albert Deimel, Bundesverband Druck und Medien e.V.: „Das reicht von qualifizierten Tätigkeiten bis hin natürlich zu Menschen, die eine einfache Ausbildung haben oder gar keine Ausbildung haben, und die sowieso am Arbeitsmarkt die schlechteren Karten haben und die natürlich besonders betroffen sind. Wenn eine solche Systemumstellung mit all den Folgen käme, wären sie die Betroffenen, und das wäre sicher nicht eine gute sozialpolitische Tat.“

Industrie bestreitet  Umweltschaden

Ökologie und Nachhaltigkeit seien auch für sie wichtig, sagen Vertreter der Industrie. Und sie bestreiten, dass die Umweltschäden tatsächlich nennenswert hoch seien.

Dr. Paul Albert Deimel, Bundesverband Druck und Medien e.V.: „Es werden bei Weitem nicht diese Ressourcen an Holz oder auch an Strom, an Wasser und an anderen Ressourcen verbraucht, wie von so genannten selbsternannten Aktivisten, Umweltschützern und auch solchen Verbänden, wie der Deutschen Umwelthilfe behauptet wird. Leider werden wir immer wieder damit konfrontiert, dass solche Behauptungen aufgestellt werden, aber sie werden dadurch nicht richtiger.“

Bei den Grünen steht die Vermeidung der Briefkastenwerbung im Wahlprogramm. Doch dafür müssten rechtliche Grundlagen geschaffen werden, vom Bundesjustizministerium. Das antwortet auf unsere Anfrage Zitat:  „… Über die Schaffung einer gesetzlichen Regelung muss politisch in der kommenden Legislaturperiode entschieden werden. Mögliche Regelungsoptionen werden (…) derzeit geprüft …“    BMJV, 23.09.2021

Werbeverstöße per App melden

Bis dahin bleibt weiter nur der Hinweis am Briefkasten: Keine Werbung!

Philip Heldt, Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen: „Wenn ich zusätzlich die Gratiszeitungen vermeiden will, dann muss ich das auch noch einmal extra drauf schreiben, also auch bitte keine Gratiszeitungen, dann hat man wirklich beides ausgeschlossen, und ist dann auch der sicheren Seite, auch wenn die Aufkleber manchmal ignoriert werden.“

Verstöße kann man dem Verein „Letzte Werbung“ mittels App melden. Sebastian Sielmann mahnt die werbetreibenden Unternehmen ab und unterstütz die Verbraucher gegen unerwünschte Prospekte.

Unser Fazit: Die Bevölkerung gespalten, Umweltschutz gegen Arbeitsplätze. „Nein danke“ gegen „ja bitte“: Da kann sich eine künftige Regierung noch viel Ärger einhandeln, egal, ob sie das Thema anpackt oder liegen lässt.

Autorin:  Nicole Würth Stand Oktober 2021

Der Beitrag wurde produziert vom Saarländischen Rundfunk (SR) für "Das Erste".

Stand: 15.10.2021 11:23 Uhr

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