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Saubere Luft im Klassenzimmer

PlayLuftfilter in einem Klassenraum

  • In immer mehr Schulen wird Maskenpflicht gestrichen
  • Luftfilter sollen neben dem üblichem Lüften zusätzliche Sicherheit vor Viren bieten
  • Experten sind aber über Nutzen geteilter Meinung
  • Umweltbundesamt redet Luftfilter klein
  • Ökonomischer als Luftfilter soll die sog. Verdrängungslüftung sein – auch bei den Folgekosten
  • Dazu einfach Industrieventilator ins Fenster einbauen
  • Schulen, Schüler*innen und Eltern bleiben dennoch weiter rat- und schutzlos

Seit Anfang Oktober gibt es in vielen Schulen keine Maskenpflicht mehr, an manchen auch keine Tests mehr. Dabei ist in vielen Klassenzimmern ohne ausreichend Frischluft von draußen nach wie vor dicke Luft. Eltern und Lehrkräfte sorgen sich um die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen – und ihre eigene. Für mobile Luftfilter gibt es inzwischen zwar Millionen-Zuschüsse von der Bundesregierung, doch Experten sind geteilter Meinung, was den Nutzen der Geräte betrifft. Und in einigen Schulen setzt man inzwischen auf Alternativen.

Subjektive Sicherheit

Deutschstunde an der Walter-Gropius-Schule in Berlin.

Seit wenigen Tagen sind Kinder und Lehrkräfte hier von der Maskenpflicht befreit. Noch sind die Fenster dauerhaft gekippt. Zusätzlich soll ein mobiler Luftfilter für Sicherheit sorgen.

Duygu Kocatürk , Lehrerin: „Einfach nur der Gedanke, dass die Luft gereinigt wird. Man fühlt sich einfach besser damit."

21 mobile Luftfilter sind jetzt in der Schule im Einsatz. Zunächst nur bei den Grundschulklassen und in bestimmten Räumen.

Lars Neumann, Leiter Walter-Gropius-Schule: „Wobei man schon sagen muss, dass unsere Schule insgesamt gut zu belüften ist. Aber wir haben eben Klassenräume, wo es nur auf der einen Seite Fensterfronten gibt, und dort haben wir bisher schwerpunktmäßig die Luftfilter aufgestellt."

Keine einheitliche Linie in Deutschland

Weitere Geräte für die übrigen Klassenräume sind bereits bestellt. Aber in Deutschland wird das ganz unterschiedlich gehandhabt, beklagt die Lehrergewerkschaft.

Ein Klassenzimmer mit Schülern.
Auch nach fast zwei Jahren Corona-Pandemie hat sich an der Aerosol-Problematik in vielen Klasszimmern noch nichts geändert. | Bild: picture alliance/dpa / Uli Deck

Maike Finnern, Vorsitzende Gewerkschaft Erziehung u. Wissenschaft (GEW): „Wir haben auch schon erste Rückmeldungen, dass eben Kommunen sich sehr unterschiedlich entscheiden, als zuständige Schulträger. Einige sagen, wir machen nur die Räume nach der Empfehlung des Umweltbundesamtes, wirklich nur die Räume die schlecht gelüftet werden können. Andere  sagen, alle Grundschulen statten wir aus, und zwar alle Räume in Grundschulen. Also da haben wir schon wieder eine ganz große Bandbreite."

Umweltbundesamt wertet Luftfilter ab

Das Umweltbundesamt empfiehlt mobile Filter nur für schlecht  belüftbare Räume -  Geräte in allen Klassenzimmern, auch denen mit vielen Fenstern, halten Experten des Amtes für nicht notwendig.

Dr. Heinz-Jörn Moriske, Umweltbundesamt: „Das lohnt sich nicht, Luftreiniger flächendeckend einzusetzen. Das ist schlichtweg rausgeworfenes Geld, muss ich sagen. Und es erhöht auch nicht den Infektionsschutz. Warum nicht? Weil, wenn ich ausreichend über Fenster lüften kann, dann ist das immer noch das beste und einfachste Mittel, um Viren, die an Partikeln haften, nach draußen abzutransportieren."

So lohnen sich Luftreiniger laut Umweltbundesamt nur in rund 20 Prozent der Klassenräume - je nach Bauart und Fensterfläche.

Physiker plädiert für Luftfilter

Der Münchner Physikprofessor Christian Kähler fordert dagegen Geräte für alle Klassenräume. Auf ihn und seine Studienergebnisse berufen sich viele Befürworter der mobilen Luftreiniger. Die Fensterlüftung, sagt er, sei ineffizient, weil abhängig vom Wetter.

Prof. Dr. Christian J. Kähler, Universität der Bundeswehr München: „Ist ein Temperatur-Unterschied vorhanden zwischen drinnen und draußen, gibt es Wind draußen? All diese Dinge sind immer sehr, sehr unsicher. Und auch das Lüften wird oft nicht durchgeführt. Und deshalb ist es klar, dass im Vergleich zu den Raumluftreinigern die Fensterlüftung viel, viel schlechter funktioniert."

Das Umweltbundesamt teilt diese Einschätzung nicht. Dr. Heinz-Jörn Moriske, Leiter Innenraumlufthygiene UBA: „Sie haben immer, wenn Sie die Fenster öffnen, einen Luftaustausch. Im Winter reichen ganz kurze Stoßzeiten, die Fenster weit aufzumachen, um die Luft von innen nach außen abzutransportieren."

Studien belegen Nutzen

Professor Kähler und sein Team haben dagegen zahlreiche Studien zur Wirksamkeit mobiler Luftreiniger durchgeführt. Sie sind überzeugt, dass die Geräte geeignet sind, belastete Aerosole aus Klassenräumen zu entfernen und damit das Infektionsrisiko zu senken.

Prof. Dr. Christian J. Kähler, Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik München: "Wenn Sie Raumluftreiniger reinsetzen in diese Klassenräume, die entsprechend leistungsstark sind, haben Sie diese Gefahr ja gar nicht. Weil die Virenlast immer auf einem sehr niedrigen und auch konstanten Niveau gehalten wird. Die Raumluftreiniger arbeiten ja kontinuierlich"

Mehrere Studien dazu wurden von den Herstellerfirmen in Auftrag gegeben. Die stellen die Geräte zur Verfügung. Und finanzieren auch alles andere.

Prof. Dr. Christian J. Kähler, Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik München: „Das muss man genauso wie beim Handwerker natürlich dann auch in Rechnung stellen. Die Universität hat ja auch Verwaltungsaufwand, indem sie so ein Projekt verwaltungstechnisch abwickelt, indem sie das genehmigt und dergleichen."

Verwirrende Öffentlichkeitsarbeit

Mit den wissenschaftlich testierten Studienergebnissen werben die Auftraggeber für Ihre Produkte. Omnipräsent dabei auch der Wissenschaftler selbst. Auf Webseiten und in "Lehrfilmen", hier "auf Anregung" einer Herstellerfirma, heißt es: „Wichtig ist bei den Raumluftreinigern, dass man die richtigen Einstellungen vornimmt."

Prof. Dr. Christian J. Kähler, Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik München: „Dafür werde ich nicht bezahlt für diese Öffentlichkeitsarbeit … Also ich meine, Sie bezahlen mich ja auch nicht für dieses Interview. Das ist ganz normale Öffentlichkeitsarbeit. Es gibt ja zahlreiche Firmen, die mit mir werben, aber ich habe nie mit denen telefoniert, da gibt es auch keine Geschäftsbeziehungen in diesem Fall."

Zudem seien die Messungen und Studienergebnisse vollkommen unabhängig von den Auftraggebern.

Prof. Dr. Christian J. Kähler, Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik München: „Es ist immer so, dass wir uns entsprechend der Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis dann diesen Fragestellungen wissenschaftlich nähern, mit den besten Methoden, die wir haben."

Aerosolforschung im OP-Saal

Auch an der Technischen Hochschule in Gießen forscht man zur Verbreitung von Aerosolen. Insbesondere zum Luftaustausch in Operationssälen. Auch  die Wirkung mobiler Luftreiniger wurde hier untersucht. Mit sehr differenzierten Ergebnissen, je nach Abstand zwischen Luftreiniger und Virusträger.

Prof. Dr. Hans-Martin Seipp, TH Mittelhessen: „Grundsätzlich entsteht um die Virusquelle herum eine sehr hohe Konzentration. Die muss sich erst im Raum verteilen, bis sie dann zeitlich verzögert am mobilen Luftreiniger ankommt - und dort anfangs nur mit sehr niedrigen Konzentrationen abgereinigt werden kann. Und erst wenn die Konzentration sehr viel höher ist, dann kann der mobile Luftreiniger überhaupt erst eine erträgliche Abreinigung erreichen."

Kein Problem, sagen die Befürworter.  Lässt sich alles lösen.

Prof. Dr. Christian J. Kähler, Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik München: „Sie können letztendlich immer das erreichen, was Sie erreichen wollen. Wenn sie sagen, sie wollen, dass die Viren um 50% reduziert sind in fünf Minuten, dann können Sie das durch die Einstellungen erreichen."

Weitere Aerosole infolge von Lärmbelästigung

Alles nur eine Frage der Einstellungen? Je höher die Leistung, desto mehr Luft wird pro Stunde gefiltert. Damit werden die Geräte aber auch lauter. Und auch das haben die Krankenhaustechniker untersucht.

Prof. Dr. Thomas Steffens, TH Mittelhessen: „Wenn ich gegen eine Schallquelle in dieser Form anreden muss, dann muss ich lauter sprechen. Und dann wird sich mein Partikelausstoß die feinen Tröpfchen erhöhen und wenn ich virenbelastet bin, dann gebe ich natürlich auch mehr Viren automatisch damit ab. Und dadurch erhöht sich die Virenlast im Raum, die dann unter Umständen höher ist als im Vergleich zu einer Situation, wo der mobile Luftreiniger nicht im Raum ist."

Zu laute Luftfilter? Einfach die Leistung drosseln und noch mehr Geräte  aufstellen - so die Lösung der Geräte-Fans.

Prof. Dr. Christian J. Kähler, Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik München: „Wenn ich das jetzt weiter reduzieren möchte, dann kann ich ja zwei Geräte reinstellen um die bei 600 Kubikmeter pro Stunde laufen lassen.  Wenn ich noch weiter reduzieren möchte, kann ich auch weitere Geräte reinstellen. Das heißt, die Lärm-Anforderung kann man immer erfüllen. Das kostet halt mehr."

Prinzip „Verdrängungslüftung“

Oder geht es vielleicht doch ganz anders? Wir fahren zur Struth-Schule im hessischen Eschwege.

Hier hat man sich für eine kostengünstigere und wirkungsvolle Variante entschieden. Statt mobiler Geräte wurde einfach ein Industrieventilator ins Fenster eingebaut.

Ein Kind hat Lüftungsdienst. Alle 20 Minuten schaltet es den Ventilator ein, und am anderen Ende der Wand wird ein Fenster gekippt, nur für drei bis vier Minuten.

Rolf Tinnefeld, Leiter Struthschule Eschwege: „Also zu Beginn haben die Kinder das gemerkt, dass ein Lufthauch durch die Klasse geht. Mittlerweile haben sie sich daran gewöhnt. Und bei mir ist es so, ich habe es in den ersten Wochen quasi genossen, weil man richtig merkte, dass der Luftaustausch zügig von statten geht. Und man wieder befreit durchatmen kann.“

An der Gießener Technikhochschule wurde dieser Luftaustausch per Ventilator zwar nicht erfunden, aber weiterentwickelt. Das Prinzip heißt „Verdrängungslüftung“.

Prof. Dr. Hans-Martin Seipp, TH Mittelhessen: „Diese Luft wird dann auf der einen Seite, wo das Kippfenster ist, verteilt in der ganzen Breite der Klasse. Und kann dann von hinten nach vorne die Luft verdrängen. Primär wird über zwei von den drei Minuten vom Ventilator nur die kontaminierte Luft entfernt und erst in der dritten Minute erreicht sozusagen die Frischluft den Ventilator."

Vorteile auch bei Folgekosten

Vorteil zum Luftreiniger: So sollen die Räume in wenigen Minuten mit Frischluft von draußen gefüllt sein. Der Kreis will nun alle Schulen mit diesem System ausstatten. Auch weil die Ventilatoren nicht nur in der Anschaffung günstiger seien, sondern erst recht bei den Folgekosten. Denn die mit Viren belasteten Filter der Luftreiniger müssen regelmäßig ausgetauscht werden.

Dr. Rainer Wallmann, Dezernent Werra-Meißner Kreis: „Wenn wir in diesen 890 Klassenräumen mit Luftfiltern arbeiten würden und nur einen Luftfilter pro Klassenraum hätten, dann wären das in der Größenordnung von knapp 150.000 € mindestens an Filter-Kosten, die wir jährlich haben. Sie würden einen deutlich höheren Stromverbrauch haben und damit deutlich höhere Energiekosten auch: Das Ganze dann vor dem Hintergrund, dass die Effizienz deutlich geringer ist. Aus unserer Sicht hat dazu geführt, dass wir uns für diese Fensterlüfter-Systeme entschieden haben.“

Bessere Luft in Deutschlands Klassenzimmern? Die Experten sind sich nicht einig. Und die Schulträger, Lehrkräfte, Eltern und Kinder müssen selbst schauen, wie sie durch Herbst und Winter kommen.

Autor: Jörn Kersten  Stand Oktober 2021

Der Beitrag wurde produziert vom Saarländischen Rundfunk (SR) für "Das Erste".

 

Stand: 14.10.2021 03:16 Uhr

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