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Abzocke mit "Schrottbüchern"?

PlayKiste mit Büchern.
Abzocke mit "Schrottbüchern"? | Video verfügbar bis 15.12.2022 | Bild: picture alliance/dpa / Boris Roessler

  • Angebliche Experten schreiben Fachbücher mit Fehlern
  • Fotos der Autoren sind Fake
  • Rezensionen bei Amazon können gekauft werden
  • Ein neues Gesetz soll das im nächsten Jahr ändern

Gerade zu Weihnachten werden viele Bücher verschenkt. Wer im
Internet ein Buch kaufen möchte und noch unentschieden ist, orientiert
sich bei der Auswahl auch gerne an Kundenbewertungen. Doch
besonders bei Ratgebern findet sich eine Flut von Büchern, die gut
bewertet sind, oft aber kaum Informationen enthalten, die man nicht auch
sonst im Netz findet.

Abzocke mit Schrottbüchern?

Zum Beispiel: „Aktien für Einsteiger“ von William Lakefield. Das
angebliche Foto des Autors im Buch zeigt Michael W. aus Wuppertal.
Die Verleger des dünnen Werks haben sein Bild online bei einer
Fotodatenbank gekauft. Aber nicht nur das. Auch der Inhalt ist
enttäuschend, so Aktienexperte Hendrik Buhrs von Finanztip.de.
Insgesamt, so sein Urteil, bekomme man für den Kaufpreis andere
Bücher, die deutlich hilfreicher seien. Es gebe sogar Fehler darin, die
zumindest bei einem Fachbuch im Lektorat auffallen müssten.
Ein Lektorat, wenn es das denn gäbe - das müsste bei der Marke
„Empire of Books“ in Hamburg sitzen.
Die wird von den Geschäftsleuten Malik und Mähleke betrieben. Ihr
Werbevideo quillt über von Versprechungen. Von „mehrphasigem
Assessment“ ist die Rede, von „kontinuierlicher Qualitätsprüfung aller
eingereichten Texte“. Man vertrete nur absolute Fachexperten.

Niedriglohn für Ghostwriter


Wir finden übers Internet Ghostwriter, die solche Bücher schreiben.
Eine schickt uns ihre Manuskripte: Franziska D. : „Was daraus wurde, weiß sie nicht. Denn das haben ihr die Auftraggeber
verschwiegen". Dass ihre Manuskripte auch bei „Empire of Books“
veröffentlicht wurden, erfährt sie erst von uns. Gerade mal 300 Euro hat
sie nach eigener Aussage pro Buch bekommen.

Fehlende Expertise


Bei Amazon finden wir vier Bücher mit ihren Manuskripten.
Über Stoizismus, über Bern, über Projektmanagement.
Und „Camping für Anfänger“. Da schreibt Franziska:
„Die meisten Camper sind in der sommerlichen Hochsaison unterwegs.
Jedoch ist es auch in der Nebensaison möglich, günstig zu reisen.“
Solche Tipps haben einen stolzen Preis. 110 Seiten kosten 13,90 Euro.
Dabei sei sie noch niemals campen gewesen, sagt Franziska D.

Zweifelhafte Methoden


Aus der Camping-unerfahrenen Franziska machte der Verlag einen
Outdoor-Freak mit angeblich zwei Jahren Amazonas-Erfahrung.
Bedenkliche Versprechen, sagen Experten, wie der Rechtsanwalt für E-
Commerce Sascha Greier. Wenn vorgegaukelt werde, dass jemand
bestimmte Erfahrungen und Kenntnisse habe, dann sei das rechtlich ein
sogenannter Mangel.
Sascha Greier: „ Das Buch weicht in seiner Ist-Beschaffenheit von der
Soll-Beschaffenheit ab“. Wie bei einem PKW könne der Käufer rechtlich
den Rücktritt von diesem Kaufvertrag erklären.

Abmahnungen für Kritiker


In der Nähe von Stuttgart treffen wir einen Mann, der die Szene schon
länger beobachtet. Der Autor Jan Höpker nennt solche Werke „Schrottbücher.“ Seine Recherchen dazu hat er auf seinem eigenen Blog
veröffentlicht. Dafür erntet er Drohungen. Und bisher drei Anwaltsbriefe
von zwei Verlagen. Allein für ihre Schreiben verlangen die Anwälte
insgesamt rund 10.000 Euro Gebühren von Höpker.
Stefan Mähleke, einer der Abmahner, offenbart in den sozialen Medien,
wofür er brennt. Es scheint nicht das gute Buch zu sein, sondern das,
was es einbringt: „Passives Einkommen“ mag er. Das heißt wohl „Geld
ohne Arbeit“.

Autoren mit erfundenen Namen


Ein Autor bei Löwenstein heißt - wie der Schauspieler - Matthias Brandt.
Er bekam nacheinander drei Lebensläufe und drei Fotos spendiert. Das
aktuelle Foto ist womöglich computergeneriert, die Augen seien immer
an den exakt gleichen Koordinaten im Bild, so Jan Höpker.
Eine aktuelle Software erstellt solche Gesichter in Serie. Es sind
künstliche Identitäten für wenig Geld.

Nur Best-Rezensionen


Erstaunlicherweise hagelt es bei vielen Billig-Büchern Fünfsterne-
Rezensionen. Und komisch: Die Bewerter*innen rezensieren dieselben
Bücher derselben Verleger, ob nun über Heißluftfritteusen oder über
Muskelaufbau.

Positive Bewertungen kann man sich tatsächlich kaufen. Wir finden
online einen Agenten dafür. Er schickt uns eine Preisliste. Eine positive
Bewertung mit Text: 4 Euro. Andere Bewertungen als „nützlich“
markieren: 2 Euro.
Es sei einfach unfair, so Jan Höpker, dass damit echte Bücher von
echten Autoren verdrängt würden. Zu bestimmten Suchbegriffen, finde
man „einfach nur noch schlechte Bücher von erfundenen Autoren und
Fake-Rezensionen bei Amazon“

Was sagt Amazon?


Auf Anfrage schreibt uns Amazon, dass man viel gegen unfaire Bücher
und Fake-Bewertungen unternehme. Aber der Konzern greift auch die
Analysewerkzeuge an, die Jan Höpker benutzt. Wegen ...
„Voreingenommenheit“... Es handele sich um „Geschäftsmodelle, die
darauf ausgerichtet sind, Misstrauen gegenüber Rezensionen in
Onlineshops ... zu wecken.“

Neue Rechtslage im nächsten Jahr


Immerhin: Bald könnte es für Wettbewerber leichter werden, gegen
Amazon vorzugehen, so Rechtsanwalt Sascha Greier. Er spricht von
einem ganz klaren Wettbewerbsverstoß. Ab Mai soll ein Gesetzesentwurf
in Kraft treten, der ausdrücklich untersagt, Bewertungen zu kaufen oder
unechte Bewertungen zu verwenden. (§3 Gesetz gegen den unlauteren
Wettbewerb)
Sascha Greier, Rechtsanwalt für E-Commerce: „Je nachdem, wenn der Händler verschwindet oder nicht greifbar ist, kann es interessanter sein, gegen Amazon direkt vorzugehen, die aber natürlich auch etwas träge sind, da sie ein gewisses Eigeninteresse haben, Produkte eben nicht rauszunehmen.“


Erst einmal geht das Geschäft weiter. Eines der Lakefield-Bücher ist
soeben auf Italienisch und Französisch erschienen. Das Foto von
Michael W. aus Wuppertal aber ist online verschwunden und durch ein
neues Bild ersetzt worden.

Ein Beitrag von: Irene Gronegger und Ulli Schauen

Onlinebearbeitung: Annette Bak

Der Beitrag wurde produziert vom Saarländischen Rundfunk (SR) für "Das Erste".

Stand: 16.12.2021 07:02 Uhr

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Saarländischer Rundfunk
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