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Geldanlage und Altersvorsorge in Corona-Zeiten

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Geldanlage und Altersvorsorge in Corona-Zeiten | Video verfügbar bis 17.06.2021 | Bild: dpa Bildfunk/Oliver Berg

– DIW-Wirtschaftsexperte: durch Corona noch Jahre schwache Preise, wenig Investitionen, kaum Kapitalbedarf der Unternehmen und niedrige Zinsen
– Verbraucherschützer raten bei Geldanlage zu breiter Streuung
– Für Aktienmärkte braucht man aktuell starke Nerven
– Lebensversicherungen bedienen Aktionäre, für Altersvorsorge aber kaum geeignet
– DIW fordert Deutschlandfonds vor allem für Kleinsparer

Was wird die Zukunft bringen? Das fragen sich Max und Julia seit einigen Wochen noch intensiver als vorher. Denn in unsicheren Zeiten wird Sparen und Vorsorgen zu einem echten Glücksspiel. Klar ist nur: Die Folgen des Konjunktur-Einbruchs und die vielen Milliarden an neuen Staatsschulden werden lange nachwirken. Und irgendjemand muss das bezahlen.

Prof. Marcel Fratzscher, Präsident Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung( DIW):  "Die Coronakrise führt zu einem massiven Einbruch der Wirtschaft. Das heißt konkret, dass wir uns auf Jahre hinaus auf eine schwächere Preisentwicklung und auf niedrigere Zinsen einstellen müssen, denn wenn die Menschen weniger nachfragen, Unternehmen weniger investieren, dann ist auch weniger Bedarf an Kapital da, d. h. die Zinsen sinken."

Verbraucherschützer raten zu Vermögensstreuung

Die Einlagen auf dem Sparbuch sind immer noch sicher. Aber jetzt erst recht mit sehr niedrigen Zinsen verbunden. Die Europäische Zentralbank hat den Referenzzinssatz in den letzten 20 Jahren bis auf Null gesenkt. Und dort wird er jetzt wohl noch länger bleiben. Verbraucherschützer raten zu Sparplänen -und zur genauen Selbsteinschätzung.

Thomas Beutler, Verbraucherzentrale des Saarlandes: "Wir wissen nicht was zukünftig kommt, aber es kommen wohl keine steigenden Zinsen, von daher bleibt die Devise eine Vermögensstreuung vorzunehmen. Idealerweise sollte man sich mit den verschiedenen Anlageformen beschäftigen, um auch zu wissen wo das Risiko ist, wo die Chance ist, also Chance-Risiko, das ist das Entscheidende."

Aktienmärkte nur für starke Nerven

Mann sitzt vor zahlreichen Monitoren an der Börse
Mann sitzt vor zahlreichen Monitoren an der Börse | Bild: dpa Bildfunk/Arne Dedert

Aber was heißt das jetzt konkret? Wer risikofreudig ist, wie Julia, kann natürlich in Aktien investieren. Allerdings braucht man da im Moment besonders starke Nerven. Hätte sie kurz vor Corona zehntausend Euro auf den Deutschen Aktienindex gesetzt, wären Mitte März nur noch rund sechstausend übrig gewesen. Dann die Corona-Rallye. Jetzt wären es wieder knapp neuntausend Euro. Die Hälfte des Kapitals weg. Aber wie geht es weiter? Da sind auch Experten unsicher.

Marc Tüngler, Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW): "Wir haben extreme Übertreibungen zu Anfang von Corona, weil niemand wusste was macht das mit der Wirtschaft, was macht das eigentlich mit den Unternehmen. Jetzt kam wieder Hoffnung auf, die Lockerung, die reduzierten Zahlen, die Corona-Fälle lassen ja hoffen, dass es wieder in einen Normalmodus zurückkommt und gleich sind die Kurse wieder nach oben gegangen. Die Aktienmärkte werden auch weiterhin sehr volatil bleiben und die Aktienkurse werden stark steigen und stark fallen."

Immobilienpreise trotz Corona weiter hoch

Also doch eher sicher anlegen? Max und Julia interessieren sich auch für den Kauf einer Immobilie. Die Preise sind in den letzten Jahren in den Ballungsgebieten extrem gestiegen. Das können auch die niedrigen Zinsen kaum ausgleichen. Und trotz Corona bleiben die Preise hoch. Es fehlt am Angebot.

Prof. Marcel Fratzscher, Präsident DIW – Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung: "Weniger als jeder zweite Deutsche hat ein Eigenheim. In Südeuropa sind es zum Teil 70 oder 80 Prozent. Deshalb ist es durchaus sinnvoll, ein Eigenheim zu haben. Es muss uns aber bewusst sein, dass dies nicht Menschen sind mit geringem Einkommen, die einen besonders großen Bedarf an Vorsorge haben, sondern eher von der Mittelschicht oder der Oberschicht, die von einem Eigenheim profitieren würden."

Lebensversicherung keine geeignete Altersvorsorge

Und Lebensversicherungen? Zum Schutz des Partners oder der Kinder sicher sinnvoll, aber kaum noch als Anlage fürs Alter. Das war schon vor Corona so, kritisiert der Bund der Versicherten.

Taschenrechner und Stift
Taschenrechner und Stift | Bild: dpa Bildfunk/Michael Rosenfeld

Axel Kleinlein, Bund der Versicherten: "Wir mussten feststellen in den letzten Jahren, dass die deutschen Lebensversicherer sich immer schlechter dargestellt haben aus Sicht der Kunden. Knapp 100 Milliarden, die eigentlich in die Überschussbeteiligung fließen hätten müssen, sind den Kunden vorenthalten worden. Die Verträge laufen immer schlechter. Stattdessen werden die Aktionäre mit hohen Dividenden bedient, die so hoch sind wie noch nie in der Geschichte vorher bei diesen Lebensversicherungsunternehmen."

Corona und niedrige Zinsen sind weitere Belastungen für die Branche. Die Garantieversprechungen an die Kunden dürften noch geringer werden.

Axel Kleinlein, Bund der Versicherten: "Corona ist eine großartige Ausrede für die Versicherungsbosse, die keine Verantwortung übernehmen wollen und wieder einmal bei der Politik vorstellig werden wollen, um mit neuen Gesetzen an die Gelder der Kunden heranzukommen oder gar Steuermittel einzukassieren."

Deutschlandfonds nach skandinavischem Vorbild gefordert

Und Gold? Das ist ein Gewinner der Krise, aktuell mit einem Plus von 20 Prozent. Allerdings sind Rückschläge nie ausgeschlossen, also auch nichts für schwache Nerven. Wir brauchen jetzt einen großen Wurf, sagt das DIW.

Prof. Dr. Marcel Fratzscher, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung: "Private Vorsorge ist wichtig und wird immer wichtiger. Und der Staat hat eine Aufgaben, auch denen, die wenig sparen können, wenig Vermögen haben, bessere Möglichkeiten zu geben zu sparen, beispielsweise über einen Deutschlandfonds, wo der Staat Produkte vorgibt und auch ein Garantie übernimmt, so dass die Kosten gering sind und dass der private Sparer oder Sparerin auch eine ordentliche Rendite bekommt."

So etwas gibt es übrigens schon in Schweden oder Norwegen. Aber bis dahin gilt für normale Sparer: Entweder Rendite oder ruhig schlafen. Beides zusammen wird es wohl für lange Zeit nicht mehr geben.

Ein Beitrag von Lars Ohlinger

Stand: 23.06.2020 10:34 Uhr

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