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Home Office für immer?

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Home Office für immer? | Video verfügbar bis 17.06.2021 | Bild: picture alliance/Sebastian Gollnow/dpa

– Home Office nur eine Notlösung oder ist es ein Zukunftsmodell für Millionen Beschäftigte?
– Millionen Arbeitnehmer improvisieren während Corona im Homeoffice
– Vor allem Mütter machen Spagat zwischen Mehrfachansprüchen und -belastungen
– Bei Teilzeit kann Homeoffice von Vorteil sein
– Arbeitgeber sparen teure Büromieten
– Im Homeoffice wird oft mehr geleistet als verlangt

Arbeiten in den eigenen vier Wänden funktioniert zwar nicht immer und überall, aber doch häufiger, als man das vor Corona dachte. Aber war's das jetzt, bleibt Home Office nur eine Notlösung oder ist es ein  Zukunftsmodell für Millionen Beschäftigte?

Krake mit acht Armen im Homeoffice

Seit über drei Monaten war Kristina M. nicht mehr an ihrem Arbeitsplatz in Frankfurt. Seitdem arbeitet die 35-jährige Bankangestellte im Homeoffice: 20 Stunden in der Woche. Bis vor ein paar Tagen war auch die KITA geschlossen. Das war Stress pur.

Kristina M.: "Oh, ich kam mir vor wie eine Krake mit acht Armen, die ich nicht hatte, ich hatte so viele Baustellen. Kucken, ob die neuen E-Mails da sind, eigentlich Präsentationen bearbeiten, "schwups", war es schon wieder halb 12, der Erste schrie, ich habe Hunger. Also die Nerven lagen blank, und die haben es natürlich verstanden nicht, warum Mama da jetzt nicht einfach Zeit für sie hat."

Die gesparte Fahrzeit hin und zurück ist ein großes Plus. Aber gegenüber dem Büro bleibt auch manches auf der Strecke.

Kristina M.: "Es sind so ganz feine Nuancen, die man eigentlich persönlich viel besser ausmachen kann als am Telefon. Mir fehlt der Kontakt schon im Büro, man kriegt auch die Stimmung besser mit."

Chance oder Falle für berufstätige Mütter?

Millionen Beschäftigte und ihre Familien haben das erlebt. Zwischen Wäscheleine und Laptop, technisch improvisieren,erhöhter Bedarf an Nervennahrung. Vor allem für Frauen mit Kindern war das eine harte Zeit.

Home Office und Betreuung der Kinder
Home Office und Betreuung der Kinder | Bild: picture alliance/Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Prof. Dr. Tanja Bipp, Arbeits- und Organsiationspsychologin: "Da sitzt vielleicht einer im Wohnzimmer, einer im Esszimmer, ein Dritter sitzt noch irgendwo anders und arbeitet, überall liegen Arbeitssachen rum. (…) Wir wissen, dass so etwas auch zu verstärkten Konflikten führt, zwischen Privat- und Berufsleben, und eben auch zu Spannungen in der Familie führen kann."

Auf der anderen Seite kann die jetzige Situation gerade Frauen in Teilzeit auch neue Chancen bieten.

Jun.-Prof. Dr. Susanne Steffes, Personalökonomin ZEW Mannheim: "Jemand, der Teilzeit arbeitet, und das trifft natürlich vorwiegend auf Mütter mit kleinen Kindern zu, wenn die Homeoffice machen, und diese Pendelzeiten sparen können, dann können sie mehr Arbeitszeit anbieten, und dann verdienen sie auch mehr, und die profitieren auf jeden Fall vom Homeoffice." 

Arbeitgeber spart  Büromiete

Je genauer die Wissenschaft hinschaut, desto komplexer wird das Thema. Es gibt Firmen, die womöglich gar nicht mehr zum alten Status zurückkehren wollen. Vor allem in Ballungsgebieten mit teuren Büromieten.

Jun.-Prof. Dr. Susanne Steffes: "Gerade in den Unternehmen, in denen schon mobil gearbeitet wird, die da positive Erfahrungen damit haben, die setzen darauf, dass ihre Beschäftigten vielleicht weiterhin oder noch mehr im Homeoffice arbeiten, und sie können damit die Büroarbeitsplätze und damit wesentlich an Kosten sparen."

Die Koziol GmbH im Odenwald sieht das wiederum ganz anders. Das Unternehmen produziert und verkauftvor allem Haushaltswaren.

Das Werk läuft immer noch auf Sparflamme, viele Beschäftigte sind weiter in Kurzarbeit.  Aber seit Montag haben sie die Mitarbeiter aus dem Homeoffice ins Büro zurückgeholt. Auch hier waren die Erfahrungen gemischt.

Bedenken bei politisch verordnetem Recht auf Homeoffice

Ein Recht auf Homeoffice, wie es in der Politik diskutiert wird? Da ist die Chefetage hier skeptisch.

Katrin Bode, Unternehmenssprecherin Koziol GmbH: "Das muss man wirklich individuell von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz besprechen und diskutieren und auch mal ausprobieren, aber für uns – wir sind ein kreatives Team - da passiert ganz viel eben in der Zusammenarbeit, in der Teamarbeit. Und deswegen werden wir das im Moment nicht verstärkt beibehalten."

Forschung: Mehrarbeit als nötig im Homeoffice

Es gibt auch Firmen, die vor allem beijungen Müttern skeptisch sind. Statt Anerkennung eher Misstrauen.

Prof. Dr. Tanja Bipp, Psychologisches Institut Uni Heidelberg: "Was wir schon hören von Führungskräften ist, dass die schon so ein bisschen Angst haben, wenn eben Mitarbeitende im Homeoffice arbeiten. Was macht er oder sie denn da zu Hause? Waschen die nicht Wäsche, sitzen die auf dem Balkon in der Sonne? Passiert da überhaupt was? Aber da wissen wir eben aus der Forschung, es passiert sehr viel."

Tatsächlich arbeiten viele zu Hause sogar mehr und länger als im Büro. Und vor allem Teilzeitkräfte schreiben oft gar nicht alle Stunden auf. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird dann zum Nachteil.

Kristina M.: "Ich habe in Summe viel mehr gearbeitet als ich eigentlich gemusst hätte. Ganz früh morgens, den ganze Vormittag, mittags und mich abends nochmal eingeloggt, das war in Summe mehr als ich eigentlich gemusst hätte und als auch meine Vergütung war."  

Noch eine Erkenntnis: Nicht wenige arbeiten zu Hause selbst dann, wenn sie eigentlich krank sind.

Prof. Dr. Bipp, Universität Heidelberg: "Das sind wir wieder an der Grenze zur Selbstausbeutung, also wann sollte ich es auch lieber lassen, auch dann im Homeoffice noch zu arbeiten und krank im Bett zu liegen und E-Mails zu beantworten. Also da auch ganz wichtig eben: Auch hier muss die Grenze ja gezogen werden."

Klare Vorgaben für Arbeitgeber

Was viele noch gar nicht wissen: Wenn ein Job künftig nach der Corona-Zeit überwiegend zu Hause erledigt werden soll, kommen auf den Arbeitgeber klare gesetzliche Vorgaben zu:

Frau sitzt vor Laptop im Wohnzimmer
Frau sitzt vor Laptop im Wohnzimmer | Bild: picture alliance/Daniel Naupold/dpa

Beatrice Zeiger, Arbeitskammer des Saarlandes: "Er kann nicht einfach sagen, ich spare mir das Büro und dann kuck mal, wie Du zu Hause arbeitest. Sondern er muss dann eben schauen: Ist ein Fenster da, wie ist der Schreibtisch, den muss er schaffen, er muss sogar die Schränke beschaffen, er muss den Stuhl beschaffen, er muss den PC beschaffen, er muss schauen, dass alles aufeinander abgestimmt ist, spiegelt etwas. Alles das muss er einhalten, die Arbeitsschutzvorschriften eben par excellence müssen auch zu Hause eingehalten sein."

Mehr Zufriedenheit bei Mix aus Büro und Homeoffice

Und: die Mitarbeiter sollten nicht vereinzelt werden, damit sie den Anschluss an das Unternehmen nicht verlieren. Davon profitieren beide Seiten.

Beatrice Zeiger, Arbeitskammer des Saarlands: "Später muss das geregelt sein, damit ich Präsenztage einrichte, dass ich die Leute aus der Isolation heraushole, wieder integriere, und so denen auch die Möglichkeit gebe, um zu im Unternehmen selbst zu wissen, wo ist ihre Stellung, wo finden sie Fuß, und was läuft überhaupt ab im Unternehmen. Das ist ganz wichtig, diese soziale Ebene."

Auch für Kristina M. wäre Homeoffice an ein oder zwei Tagen pro Woche ideal. Laut aktuellen Studien bringt das für viele auch die größte Zufriedenheit. Der Kontakt zu den Kollegen reißt nicht ab, Familie und Beruf lassen sich besser vereinbaren. Und die Unternehmen profitieren durch bessere Leistungen und weniger Krankmeldungen. Wenigstens für diesen Praxistest hatte die Corona-Krise auch etwas Gutes.

Ein Beitrag von Nicole Würth

Stand: 23.06.2020 10:34 Uhr

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