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Leistungsträger – eine Frage der Wertschätzung…

PlayMitarbeiter im Supermarkt füllt Ware auf
Leistungsträger – eine Frage der Wertschätzung… | Video verfügbar bis 17.06.2021 | Bild: dpa Bildfunk/Tobias Hase

– "Systemrelevante" fordern mehr Geld statt Applaus in Coronazeiten
– Schlagkräftige Kontrollbehörden gegen Billigkonkurrenz aus Ausland fehlen
– Experte kritisiert Stellenabbau in Pflege vor Corona
– Fehlender Arbeitsschutz und Überforderung schreckt Berufseinsteiger ab

Sie gelten als Helden der Krise. LKW-Fahrer, Beschäftigte im Einzelhandel oder im Reinigungsdienst. Und natürlich Pflegekräfte. Trotzdem werden sie weiter schlecht bezahlt, Vom Bundestag wurden sie plötzlich mit Applaus bedacht. Aber dafür kaufen können sie sich nichts.

Prof. Dr. Stefan Sell, Hochschule Koblenz: "Viele der Berufe, die jetzt auf einmal ins Bewusstsein vieler Menschen geraten, gehören zu diesen niedrig, schlecht vergüteten  Berufen. Und es sind Dienstleistungsjobs. Und die waren vorher unsichtbar, die haben den Alltag gemanagt."

Wenig Lohn für doppelte Arbeit

Einer dieser „Alltagsmanager“ ist Dirk T. Er fährt für eine Berliner Spedition Medikamente quer durch die ganze Republik. Dafür bekommt er  gerade mal 2.400 Euro. Brutto. Mehr ist nicht drin. Obwohl der Job immer anstrengender geworden ist.

Dirk T.: "Du bist ja als LKW-Fahrer mittlerweile Transportbelader, du bist Entlader, du bist ja ein halber Lagerarbeiter, noch zusätzlich. Eigentlich machst du hier ja fast zwei Jobs. Und dafür ist das zu wenig Geld."

Zynischer Applaus für Pflegekräfte

Schuften für zwei und wenig Geld - das gilt auch für die Beschäftigten in Kliniken und Pflegeheimen. Resultat: Zehntausende Pflegekräfte fehlen. Ein Problem, das der Politik seit Jahren bekannt ist. Monika S. arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Krankenschwester, der Applaus im Bundestag hat für sie einen schrägen Beiklang.

Monika S.: "Genau diese Politik war es ja, die die Rahmenbedingungen, die schon vor Corona waren, erst einmal geschaffen hat, dass Pflegekräfte abgebaut wurden, dass wir zu wenig Personal hatten. Und dann wird im Bundestag geklatscht, also ich habe das als zynisch empfunden, ja."

Personalkosten durch Bürgerversicherung decken

Warum ist das so? In der Industrie lässt sich die Produktivität durch bessere Technik steigern. Im Gesundheitswesen ist das anders. In den auf Rendite getrimmten Krankenhäusern werden die Beschäftigten vor allem als Kostenfaktor wahrgenommen, den man drücken muss. Und in der Pflege bedeutet mehr Geld für das Personal automatisch höhere Zuzahlungen für die Patienten. Gleichzeitig können sich viele Gutverdiener in den privaten Kassen dem Solidarausgleich entziehen. Das muss sich ändern.

Gabriele Schlimper, Paritätischer Wolhfahrtsverband Berlin: "Wir brauchen keine elitären Gruppen mehr, die für sich sagen: Wir haben eigenen Berufskassen. Alle müssen in die gesetzliche einzahlen. Alle Beamten, alle Polizisten, alle Lehrer. Und alle Architekten, alle Anwälte und wen es da sonst noch gibt, die da freiberuflich unterwegs sind. Wenn alle in eine ordentliche Kasse einzahlen, ist so viel Geld drin, dass wir die Leute, die im sozialen System tätig sind, auch anständig refinanzieren können."

Harte Tarifverhandlungen gefordert

Reinigungskraft bei der Arbeit
Reinigungskraft bei der Arbeit | Bild: dpa Bildfunk/Jens Büttner

Ob dem Applaus wirklich Taten folgen für die „System-Relevanten“? In vielen Branchen sind Konkurrenzdruck und Preiskampf immer härter geworden. In der Pflege, bei  Reinigungsdiensten, Kurierfahrern– oder im Einzelhandel. Betriebsräte werden oft massiv bekämpft, die Gewerkschaften sind machtlos. Resultat: Viele Beschäftigte werden schon lange nicht mehr nach Tarif bezahlt. Von prekären Werkverträgen ganz abgesehen. Für den Sozialwissenschaftler Stefan Sell ist es höchste Zeit, zu handeln. Wann, wenn nicht jetzt?

Prof. Stefan Sell, Hochschule Koblenz: "Das bedeutet nicht nur eine Prämie einmal für den heldenhaften Einsatz an der Corona-Front. Sondern im Herbst muss auf die politische Tagesordnung, wie schaffen wir es wirklich deutliche Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen in diesem für unsere Versorgung so wichtigen Bereich durchzusetzen."

Zu viel ausländische Billig-Konkurrenz ohne Strafe

Zurück zu unserer Berliner Spedition. Wegen des weltweiten Lockdowns wurde über Wochen erheblich weniger Ware transportiert. An der Logistikbörse gibt es immer noch viel zu wenig Fracht für zu viel Ladefläche. Lebensmittel- und Medikamententransporte reichen bei weitem nicht aus, um die LKW-Flotte zu bestücken.

Michael Sünkler, Geschäftsführer Spedition Sünkler: "Es gibt Angebote in den Börsen, die sind wirtschaftlich ruinös. Da ist es für uns der Fall, dass man das Fahrzeug doch lieber stehen lässt, den Fahrer zu Hause lässt, bevor man ruinöse Frachtpreise in Kauf nimmt."

Schon vor Corona war die Konkurrenz ruinös - durch den so genannten Kabotage-Betrug. Eigentlich dürfen ausländische LKW nur begrenzt Transporte im Inland fahren – damit sich Speditionen mit Sitz in Billiglohnländern keinen Marktvorteil verschaffen können. Aber das wird viel zu wenig kontrolliert.

Michael Sünkler, Geschäftsführer Spedition Sünkler: "Im Ergebnis bedeutet das einfach, dass die Kabotage umgangen wird von vielen Unternehmen aus dem Ausland und uns Konkurrenz machen, ohne dass es sanktioniert wird."

Schlagkräftige Kontrollbehörden - Fehlanzeige

Die Kontrollbehörden wurden fast überall ausgedünnt. Der Staat sollte ja möglichst schlank werden - zulasten der Arbeitnehmer. Und es gibt noch ein weiteres strukturelles Problem.

Prof. Stefan Sell, Hochschule Koblenz: "Die notwendigen Arbeitsschutzkontrollen, die Kontrollen des Arbeitszeitgesetzes, ob die Mindestlöhne gezahlt werden, das ist in Deutschland auf zahlreiche unterschiedliche Behörden aufgesplittert, Da ist der Zoll dabei, da sind die Gewerbeaufsichtsämter. Das ist eine ganz große Aufgabe für die Politik, endlich eine einheitliche, schlagkräftige Arbeitsschutzorganisation zu schaffen."

Überforderung in Pflege schreckt Berufseinsteiger ab

In Krankenhäusern sind wegen Corona 12-Stunden-Schichten noch bis Ende Juli möglich, Die gerade erst beschlossenen Personaluntergrenzen gelten nicht mehr. Und dabei soll es offenbar auch erst mal bleiben – trotz Normalbetriebs. So steht es in einem Antwortschreiben des Gesundheitsministeriums auf die Anfrage von Monika S.

Monika S: "Für die jungen Leute, die ja noch nachkommen müssen, muss dieser Beruf mindestens so sein, dass ich nicht noch ein drittes Wochenende arbeiten muss, wenn Personalmangel ist. Und dass ich im Dienstplan nicht drei verschiedene Dienste in der Woche habe. Das kann man auf Dauer nicht leisten. Und das macht den Beruf auch völlig unattraktiv, obwohl er eigentlich schön ist."

Der neue Lohn: Gratis-WC und Dusche

Um die versprochenen 1.000 Euro Sonderzahlung für Altenpfleger gab es einen peinlichen Streit. Ausgezahlt wird frühestens im Juli. Und LKW- Fahrer Dirk T. war im Shutdown schon für kleinste Erleichterungen dankbar.

Lkw-Fahrer
Lkw-Fahrer | Bild: dpa Bildfunk/Uwe Anspach

Dirk T.: "Die Toiletten sind für alle momentan kostenlos. Aber was die auch gemacht haben, dass die LKW Fahrer dort kostenlos duschen können. Das, finde ich, ist eine große Geste. Finde ich klasse." Applaus, Gratis-Toiletten und umsonst duschen. Das ist bisher die große gesellschaftliche Geste für diejenigen, die den Laden in der Not am Laufen gehalten haben. Danke, Deutschland!

Ein Beitrag von Jörn Kersten

Stand: 18.06.2020 11:26 Uhr

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