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Elektronische Patientenakte – die ewige Leidensgeschichte

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Elektronische Patientenakte – die ewige Leidensgeschichte | Video verfügbar bis 18.08.2022 | Bild: picture alliance/FotoMedienService / Ulrich Zillmann

  • Zum 1. Januar sollten alle gesetzlichen Kassen die elektronische Patientenakte (ePA ) anbieten
  • Projekt kommt aber nur schleppend voran
  • Versprochene Software fehlt immer noch in Arztpraxen
  • Sachverständigenrat: Deutsche "Gründlichkeit" verzögert Digitalisierung seit Jahrzehnten
  • Verbraucherschützer bestätigen inzwischen hohe Datensicherheit
  • Sie raten Patienten dennoch, bis 2022 zu warten: Selbstbestimmung sei wichtig

Auf der elektronischen Patientenakte ruhen seit Jahren viele Hoffnungen: weniger Bürokratie, mehr Effizienz und mehr Übersicht. Während andere Länder ihr Gesundheitswesen längst digitalisiert haben, lief das Projekt in Deutschland bislang recht schleppend.

Anna M. beim HNO-Arzt. Von der elektronischen Patientenakte hat sie schon gehört. Aber von ihrer Krankenkasse hat sie bisher noch keine Informationen bekommen. Dabei ist sie für neue Technik sehr aufgeschlossen.

Ärzte warten auf versprochene Software

Eigentlich sollten alle gesetzlichen Kassen zum 1. Januar die elektronische Patientenakte anbieten – kurz ePA. Darauf kann man alle Daten, Medikamente und Behandlungen speichern – wenn der Patient das will. Das soll Doppeluntersuchungen, Unverträglichkeiten, aber auch Bürokratie ersparen. Eigentlich eine gute Idee, findet auch Matthias Heinze. Der Arzt ist in seiner Praxis EDV-technisch gut ausgerüstet. Doch aus dem erhofften Start wurde bisher nichts, denn die versprochene Software ist immer noch nicht da.

Dr. Matthias Heinze, HNO-Arzt: "Aus meiner Sicht ist es etwas unbefriedigend, weil ich schon viel, viel Zeit investiere, um die Hardwarelösungen zu implementieren. Ich muss mich damit beschäftigen, muss die Voraussetzungen schaffen und ich kann das in der Praxis gar nicht nutzen, und das ist eine unbefriedigende Situation, zumal auch noch nicht absehbar ist, wann die entsprechenden Softwarelösungen kommen."

Die Patientenakte soll einfach zu bedienen sein, am Smartphone wie am Computer. Was neben Arztbefunden, Blutwerten und Medikamentenplan gespeichert werden kann, entscheidet die Krankenkasse. Seit vielen Jahren wird an der Digitalisierung des Papierkrams herumgedoktert. Schon die frühere Gesundheitsministerin Ulla Schmidt versuchte sich daran.

Ulla Schmidt: "Das Projekt startet. Die Karte wird eingeführt. Wir wollen sie ausbauen zu einer europäischen oder einer Patientenakte, mit Patientenkarte, mit Röntgenbildern die übermittelt wird, all dies, was notwendig ist."

Experte: Deutsche "Gründlichkeit" verzögert Digitalisierung

Erst 2011 kam das Projekt langsam ins Rollen – mit Betonung auf "langsam". Von Anfang an stritten Kassen, Kliniken und Ärztevertreter über die Kosten und den Datenschutz. Für Professor Ferdinand Gerlach, Top-Berater der Bundesregierung, ein enormes Hindernis bei der Modernisierung. 

Prof. Dr. Ferdinand Gerlach, Vors. Sachverständigenrat Entwicklung im Gesundheitswesen: "Die diskutieren seit 10, 15 Jahren darüber wer wann, wo welche Daten speichern darf und vor allem wer die Kontrolle hat, also um die Machtfrage und gleichzeitig wollen wir, typisch deutsch, erst die hundertprozentige perfekte Lösung entwickeln und dann beginnen. Das funktioniert im Zeitalter der digitalen Lösung, wo sich Dinge schnell verändern, nicht."

2022 soll’s endlich klappen

Schon 2005 wurde dafür sogar ein eigenes Unternehmen gegründet. Doch die gematik GmbH kam im Streit der unterschiedlichen Interessen kaum voran. Vor zwei Jahren hat der Bund die Führung der gematik übernommen. Noch dieses Jahr wird es klappen, verspricht ihr Chef.

Dr. Markus Leyck Dieken, Geschäftsführer gematik GmbH: "Die Software für die Verwendung der elektronischen Patientenakte wird gerade überall in Deutschland ausgerollt und wir sind sehr, sehr sicher, dass wir noch innerhalb dieses Quartals eine fast bundesweite Abdeckung erzielen werden."

2022 soll endlich der Durchbruch kommen, auch mit neuen Anwendungen. Doch der Zeitplan wackelt — schon wieder.

Dr. Markus Leyck Dieken, Geschäftsführer gematik: "Natürlich brauchen wir die Kooperation aller im Gesundheitswesen und vieler anderer Partner, damit wir Deutschland auf das Niveau bringen, was viele andere europäische Bürger schon längst genießen."

Deutschland europaweit abgehängt

Symbolbild: Elektronische Patientenakte
Von Anfang an stritten Kassen, Kliniken und Ärztevertreter über die Kosten und den Datenschutz. | Bild: dpa/dpa-Zentralbild / Jens Kalaene

In Dänemark, Schweden oder Estland ist die elektronische Patientenakte schon längst Standard. Über gelbe Impfpässe, Überweisungsformulare oder Krankmeldungen auf Papier kann man hier nur müde lächeln. Testergebnisse, Impfdaten, Warn-Apps: Alles ohne Bürokratie sofort auf den Gesundheits-Portalen integriert. In Deutschland haben sich bisher erst 260.000 Versicherte für die neue Patientenakte angemeldet. Warum so wenige? Von den Krankenkassen gibt es bisher kaum Werbung dafür. Deutschland wird abgehängt.

Prof. Dr. Ferdinand Gerlach: "Wenn man auf das Gesundheitswesen und seine Digitalisierung in Deutschland schaut, dann denkt man nicht an eine Hightech-Nation, sondern dann sieht man ein Entwicklungsland. Wir sind inzwischen in Europa abgeschlagen. Es gibt viele Nationen, die uns weit enteilt sind, und insbesondere bei der elektronischen Patientenakte haben wir einen Rückstand von ungefähr 15 Jahren."

Verbraucherschützer: Selbstbestimmung der Patienten wichtig

Immerhin: Verbraucherschützer bestätigen eine inzwischen hohe Datensicherheit. Sie raten aber trotzdem, bis zum nächsten Jahr abzuwarten.

Sabine Strüder, Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz: "Es erhöht auch die Selbstbestimmung. Es spart Zeit und auch Wege und auch Doppeluntersuchungen. Hinsichtlich des Datenschutzes muss man sagen, dass eine wichtige Voraussetzung weiterhin ist, dass die Patientinnen jedes einzelne Dokument auswählen müssen und die Möglichkeit haben selber zu bestimmen, ob der jeweilige Arzt dies sieht oder auch nicht."

Anna M. will mitmachen, wenn ihre Kasse auf sie zukommt. Ob die elektronische Patientenakte aber auch für ältere Patienten beherrschbar ist? Das wird eine entscheidende Frage — wenn sie denn tatsächlich kommt.

Ein Beitrag von Lars Ohlinger

Onlinebearbeitung: Ute Kunsmann

Der Beitrag wurde produziert vom Saarländischen Rundfunk (SR) für "Das Erste".

Stand: 19.08.2021 08:20 Uhr

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