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Materialmangel und Lieferketten

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Materialmangel und Lieferketten | Video verfügbar bis 18.08.2022 | Bild: picture alliance/dpa / Daniel Reinhardt

  • Materialmangel ist in vielen Branchen bereits ein Dauerproblem
  • Preise steigen in zweistelliger Höhe in nur wenigen Tagen
  • Wetterextreme lassen globale Lieferketten oft  zusammenbrechen
  • Mittelständler warnen: Lieferanten oft weit weg, Abhängigkeiten zu groß / breitere Streuung sei nötig
  • Öffentliche Auftraggeber lassen CO2-Abdruck oft außer Acht, Hauptsache günstig

Dass es kurz nach den Corona-Lockdowns Materialmangel geben würde, war klar. Denn viele Produktionsanlagen mussten erst wieder hochgefahren werden. Doch jetzt zeigt sich: Das Problem entwickelt sich in vielen Branchen zu einem Dauerthema.

Preisexplosionen in wenigen Tagen

Holz — neuerdings ein Luxusgut. Und immer schwerer zu bekommen, für Tischler, Dachdecker, Küchenbauer und alle anderen, die es dringend brauchen.

Zweistellige Preissprünge, manchmal innerhalb weniger Tage. Auch erfahrene Profis haben sowas noch nicht erlebt.

Klemens Hantsch, Möbeltischlerei Lüdke: "Letztendlich haben wir das Problem, wenn die Preise unserer Zulieferer steigen, dass wir in Preisverhandlungen gehen müssen mit unseren Kunden. Oder Preissteigerungen aus unserer Marge decken müssen. Das sind schon deutliche Herausforderungen."

Keine verbindlichen Preise mehr

Damit kämpft auch Dachdeckermeister Karsten Kirchhoff aus Brandenburg. Das Konstruktionsholz ist inzwischen viermal so teuer wie noch vor einem Jahr. Und er braucht große Mengen davon.

Karsten Kirchhoff, Obermeister Dachdeckerinnung Ostprignitz-Ruppin: "Wir haben hier die berüchtigte Dachlatte. Da ist es sehr extrem geworden. Da ist der Preisunterschied 70 Cent zu 2,80 bis 3,20 — je nach Länge der Verfügbarkeit. Und wir bekommen keine verbindlichen Preise mehr. Der Handel ist stark umgeswitched und sagt, wir machen unverbindliche. Das heißt, wenn ich heute kalkuliere, weiß ich noch nicht, was das Material wirklich in vier Wochen kostet."

Versorgung breiter aufstellen

Rohstoffe und Lieferketten — das Metier von Einkaufsexperten. Seit mehr als 20 Jahren ist Gerd Kerkhoff mit seiner Beratungsgesellschaft weltweit im Einkauf und der Logistik aktiv. Vor allem für den Mittelstand. Das ist kein Anlaufproblem nach Corona, sagt er. Die ganze weltweite Arbeitsteilung steht auf dem Prüfstand.

Gerd Kerkhoff, Einkaufsberater Kerkhoff Consulting: "Ich nehme mal das Beispiel auf, das jeder mitbekommen hat. Der querstehende Tanker im Suezkanal. Wenn ich das erlebt habe, dann muss ich mir die Frage stellen, wie lange braucht das, bis sich die Lieferkette normalisiert? Und für diesen Zeitraum muss ich ein Notlager einrichten, um sowas überstehen zu können. Alternativ wäre es, in Osteuropa einen entsprechenden Lieferanten parallel aufzubauen. Um eben auf zwei verschiedenen Lieferketten eine Versorgung sicherzustellen."

Viel zu lange hatten wir uns an Dumpinglöhne bei Lieferanten gewöhnt. Und an Billig-Transporte per Schiff und LKW. Das fällt uns jetzt auf die Füße. Weltweite Lieferketten, weltweite Abhängigkeit. Fahrradfans müssen ewig auf E-Bikes oder Ersatzteile warten. Es gibt Engpässe bei Unterhaltungselektronik. Autohersteller haben seit Monaten die Produktion gedrosselt, weil Halbleiter fehlen. Und der Wiederaufbau in den Flutgebieten wird Personal und Material in der Bauwirtschaft weiter verknappen.

Grenzen des Marktes realisieren

Auch im Straßenbau schlagen die Engpässe und steigenden Preise schon jetzt voll durch. Für Firmenchefin Ruth Baumann sind die Ursachen dafür auch hausgemacht. Denn viele Materialien wurden früher mal regional produziert. Zum Beispiel solches Granitpflaster. Selbst das kommt inzwischen oft aus China. Und wenn dort der Bedarf steigt, herrscht bei uns Mangel.

Ruth Baumann, Baumann & Co Straßenbaugesellschaft: "Warum sind verschiedene Lieferanten nicht mehr da? Können wir uns auf Dauer leisten, dass sie Tausende von Kilometern weg sind? Was muss getan werden, um sie zurückzuholen oder auch Neugründungen. Der Markt zeigt uns momentan, wo Grenzen sind. Und die sollten wir mal reflektieren."

CO2-Abdruck gilt auch für öffentliche Auftraggeber

Da sieht sie auch öffentliche Auftraggeber in der Pflicht. Das billigste Angebot zieht, nicht das günstigste. Der CO2-Abdruck des Materials spielt bei Ausschreibungen nur selten eine Rolle. 

Ruth Baumann, Präsidentin Unternehmerfrauen im Handwerk Baden-Württemberg: "Wenn die Klimadiskussion realistisch umgesetzt werden soll und auch den Praxistest bestehen soll, müssen wir überlegen, ob der ein oder andere Lieferant nicht wieder hier — ob in der Bundesrepublik oder in Europa — seinen Wirtschaftsstandort entdecken kann. Und dann sind wir natürlich auch bei verschiedenen Kostenfaktoren. Stichwort Umweltauflagen, Lohnnebenkosten und so weiter. Wenn man Klima ehrlich diskutiert, dann muss man das bepreisen. Und dann überlegt man, ob es einem das wert ist."

Klimawandel beeinflusst Lieferketten

Tatsache ist: Wetterextreme lassen globale Lieferketten zusammenbrechen. So hat eine überraschende Kältewelle in Texas im Winter die weltweite Kunststoff-Produktion verknappt. Und deshalb fehlen heute bei uns PVC-Rohre.

Und die Preisexplosion beim Holz hat etwas auch etwas mit Schädlingen zu tun, die sich bei wärmeren Temperaturen noch mehr ausbreiten. Dazu kommt ein Handelskonflikt zwischen Kanada und den USA, der die Nachfrage nach europäischem Holz nach oben treibt. Für diejenigen am Ende der Lieferkette eine manchmal groteske Situation.

Karsten Kirchhoff, Obermeister Dachdeckerinnung Ostprignitz-Ruppin: "Hier vorne zum Beispiel haben wir Traufbohlen. Die sind nur unter der Hand zu kriegen. Über Beziehungen. Wir haben hier eine Preissteigerung von circa 120 Prozent. Aber sie sind nicht lieferbar. Wir weichen dann zum Teil aus auf Vergleichsmaterial. Bohlen, die wir dann entsprechend zuarbeiten, dass sie passen. Aber: Normal ist was anderes. Ich bin zufrieden, dass ich in der DDR aufgewachsen bin und dort gelernt habe. Von daher wissen uns schon zu helfen."

Klemens Hantsch, Möbeltischlerei Lüdke Berlin: "Irgendwann ist das Ende der Fahnenstange erreicht, dass die Kunden sagen: Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr. Und dann sieht es für uns natürlich schlecht aus."

Sichere Lieferketten schaffen

Kurzfristig keine guten Aussichten für Tischler, Dachdecker und viele andere Gewerke. Um sichere Lieferketten zu schaffen, plädiert der Einkaufsexperte für eine neue Beziehung zwischen Lieferanten und Kunden. 

Gerd Kerkhoff, Beschaffungs-Experte: "Ich glaube, dass wir das Verhältnis zu dem Lieferanten überdenken müssen, um eben nicht als erster vom Tisch zu fallen, wenn das Produkt mal knapp wird. Und das dann im Sinne von gerechter, bzw. gemeinschaftlicher, partnerschaftlicher. Lieferkettenmäßiger, familiärer."

Höchste Zeit zu handeln und Strukturen zu verändern — auch für eine künftige Bundesregierung.

Ein Beitrag von Jörn Kersten

Onlinebearbeitung: Ute Kunsmann

Der Beitrag wurde produziert vom Saarländischen Rundfunk (SR) für "Das Erste".

Stand: 19.08.2021 08:33 Uhr

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