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Streit um Saatgut – Wie Agrarkonzerne Bauern und Hobbygärtner entmündigen

PlayTomaten am Strauch
Streit um Saatgut – Wie Agrarkonzerne Bauern und Hobbygärtner entmündigen | Video verfügbar bis 26.08.2021 | Bild: SR Fernsehen

– Vier Konzerne bestimmen über Welternährung
– Bauern und Hobbygärtner müssen für ihre Saat Lizenzgebühren an Agrarkonzerne zahlen und brauchen amtliche Zulassung
– Saatgut - Vom allgemeinen Kulturgut zum Lizenz- und Patenhandel von Großkonzernen degradiert
– Sortenvielfalt kaum noch möglich / Rund 94 Prozent der Gemüsesorten im 20. Jahrhundert verschwunden
– Saatgut-Konzerne sind auch Chemiekonzerne, d. h. Saatgut, Pestizide und Dünger im gleichen Aktienpaket
– Auch Biobauern und ‚Globaler Süden‘ von Agrarriesen dominiert

Der Streit um Saatgut betrifft Bauern und Hobbygärtner gleichermaßen. Sie brauchen eine amtliche Zulassung oder müssen Lizenzgebühren an Agrokonzerne zahlen, wenn sie zum Beispiel ihre Tomaten verkaufen wollen. Ihre Aktivitäten, die Artenvielfalt zu erhalten, werden so häufig schon im Keim erstickt:

Kein Sortenerhalt aus Hobbygarten

Kein Kraut und kein Gemüse, das Nicole S. nicht kennt. Die Hobbygärtnerin liebt es bunt: Paprika, Bohnen, Tomaten. Auch alte Sorten züchtet sie, die man heute kaum noch kaufen kann.

Nicole S., Sorten-Erhalterin: "Ich baue verschiedene Tomatensorten an, weil ich die Vielfalt erhalten möchte. Denn im Supermarkt finde ich ja nur drei Sorten Tomaten: Fleischtomaten, Cocktailtomaten und Salattomaten - und das war´s."

Gerne würde sie ihre mühevoll gezüchtete Saat weiterverkaufen. Doch dafür müsste sie ihre Sorten behördlich zulassen. Der bürokratische Aufwand dafür wäre immens, und die Kosten beliefen sich bei ihrer Sammlung auf mehrere Tausende Euro. Im Moment tauscht sie ihr Saatgut deshalb nur - mit Gleichgesinnten.

Nicole S., Sortenerhalterin: "Das Saatgut darf nicht verkauft werden, das ist illegal. Und die Setzlinge darf ich nur als Zierpflanzen verkaufen, auf keinen Fall als Lebensmittel. Das ist eigentlich eine Lachnummer – wenn es nicht so traurig wäre."

Saatgut – Patent- und Lizenzspiel unter Großkonzernen

Denn Saatgut ist heute das Geschäft globaler Großkonzerne. 2018 kaufte der Chemiegigant Bayer den amerikanischen Agrar-Riesen Monsanto, ein 60 Milliarden Euro – Deal, bis dahin die größte Übernahme eines deutschen Konzerns im Ausland. Ein gigantischer Markt.

Und es gibt noch mehr Fusionen und Konzentrationen: Große Konzerne schließen sich zusammen zu noch größeren.

Schwarze Tomaten am Strauch
Schwarze Tomaten am Strauch | Bild: SR Fernsehen

Jürgen Stellpflug, Testwatch - Die VerbraucherNützer e.V.: "Das Saatgut ist von einem allgemein verfügbaren Kulturgut zu einer künstlich verknappten und hochprofitablen Handelsware geworden. Man muss sich vorstellen: Ein Kilo Tomatensamen kostet ein Vielfaches mehr als ein Kilo Gold. Die großen Konzerne, die sichern sich dieses Geschäft durch Patente, durch Lizenzen oder indem sie kleinere Firmen einfach aufkaufen."

Von Gemüsearten existieren nur noch 6 Prozent

Rund 94 Prozent aller Gemüsearten sind im 20. Jahrhundert verschwunden. Zum Beispiel gab es mal 158 Blumenkohlsorten, heute sind es noch 9, weltweit. Gerade mal 10 Prozent aller Paprikaarten existieren noch, und 6 Prozent der ursprünglichen Mais-Varianten.

Statt viele natürliche Sorten werden heute vor allem so genannte "Hybride" gezüchtet und verkauft: auf Verpackungen sind sie mit "F1" deklariert. Und das funktioniert so:

Man nimmt die Samen einer Tomatenpflanze mit großen, aber blassen Früchten.

Und die kreuzt man mit einer Sorte, deren Früchte rot, aber viel zu klein sind.

Am Ende entsteht ein Hybrid: Eine neue Pflanze, mit großen und roten Früchten.

Saatgut-Konzerne sind auch Chemiekonzerne

Hybrid-Samen bringen hohe Erträge, sie sind lange haltbar und meist gut transportfähig. Aber sie haben auch Nachteile.

Während Bauern früher einen Teil ihrer Ernte zurückbehielten als Saat für das kommende Jahr, ist das bei Hybriden nicht möglich.   

Jürgen Stellpflug, Testwatch - Die VerbraucherNützer e.V.: "Das heißt, die Bauern müssen jedes Jahr das Saatgut neu kaufen. Dazu kommt: Die großen Saatgut-Konzerne sind auch Chemiekonzerne. Die bieten gleichzeitig passende Pestizide dazu an und manchmal auch noch die Dünger. Also alles in einem Paket, und alles für die Dividende der Aktionäre."  

Bauern werden jährlich zur Kasse gebeten

Selbst wenn Landwirte ausgewählte Sorten kaufen, die sie in der nächsten Saison wieder anbauen können, greifen ihnen die industriellen Züchter weiter in die Tasche. Denn die Bauern bezahlen nicht nur einen einmaligen Kaufpreis, sondern jährliche Lizenzgebühren.  

Eine Handvoll Saatgut
Eine Handvoll Saatgut | Bild: picture alliance/Danny Gohlke/ZB/dpa

Georg Janßen, Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft: "Der Kostendruck der Betriebe ist enorm, wir haben ein Höfesterben sondergleichen. Deshalb sagen wir, wer tut denn die Arbeit?  Wer bringt das Saatgut und das Pflanzgut in den Boden? Wer muss die Erntearbeit unter solch schweren Klimabedingungen machen? Wer bringt die Früchte auf den Markt, damit Lebensmittel erzeugt werden können. Deshalb sagen wir, keine Nachbaugebühren, einen gesellschaftlichen Saatgutfonds, aber keine Nachbaugebühren."  

Selbst Biobauern fürchten Bevormundung

Hier auf dem Dottenfelderhof wird Saatgut so wie früher produziert. Samenfest, keine Hybride und komplett ökologisch. Die Machtkonzentration der großen Konzerne beschäftigt aber auch die Biobauern. Nicht nur, was das Finanzielle anbelangt.

Martin von Mackensen, Landwirtschaftsgemeinschaft, Dottenfelderhof: "Es ist schon die Befürchtung da, dass…wir nur ein Ausführungshandwerk, eine Ausführung werden von Firmen, die sich ökonomisch ausdenken, wie man das am Besten macht. Da gibt es eine Vorgabe, was hast du zu säen, mit welchem Saatgut hast du zu säen, wann hast du die erste Pilzbehandlung zu machen, wann hast Du die Unkrautbehandlung zu machen, wo kriegst Du was für die Ernte nachher? Das ist durchindustrialisiert."

Auch ‚globaler Süden‘ von Agrarriesen abhängig

Die großen Konzerne vermarkten ihre Samen auch im globalen Süden, in Asien, Afrika, Südamerika. Viele der Bauern dort kaufen in der Not bei den Agrarriesen. Und geraten in einen verhängnisvollen Kreislauf.

Markus Wolter, Misereor: "Dieses Kapital ist normalerweise auf den Betrieben gar nicht vorhanden. Das heißt, die müssen dann auf die Bank oder zum Geldverleiher gehen, zu exorbitant hohen Zinsen, sich einen Kredit holen. Und weil der nicht zurückbezahlt werden kann, weil in der Ernte vielleicht etwas daneben geht, dann sind die in einer Schuldenspirale drin und werden teilweise auch in den Selbstmord getrieben."

Dazu kommt die oft unsachgemäße Anwendung von Pestiziden. Der Bayer-Konzern verteidigt sein Hybrid-Saatgut, das die Bauern jedes Jahr neu kaufen müssen, und schreibt uns auf Anfrage:

Zitat: "... Modernes Saatgut bietet (…) deutliche Ertragsvorteile – bei unserem Hybridreis zum Beispiel von mehr als 20 Prozent gegenüber herkömmlichen Sorten. Diese Vorteile gleichen die höheren Kosten für Hybridsaatgut, das jährlich neu gekauft wird, mehr als aus. ..."

Vier Konzerne bestimmen über Welternährung

Im Dschungel des Saatgutangebotes ist es auch in Deutschland nicht einfach, den Überblick zu behalten. Aber hinter vielen Saatgutverpackungen und unbekannten Marken stehen am Ende die Agrarriesen und Tochtergesellschaften der Konzerne.  

Kleinen Hobbyzüchtern wie Nicole S. ist der Verkauf verboten.

Würde sie ihr liebevoll gezüchtetes Saatgut trotzdem weitergeben, müsste sie mit einer Geldbuße bis zu 25.000 Euro rechnen.   

Jürgen Stellpflug, Testwatch - Die VerbraucherNützer e.V.: "Wer sich über Patente die Rechte am Saatgut sichert, der sichert sich die Rechte an der Lebensmittelproduktion, und der wird Herrscher über die Welternährung. Und das ist total erschreckend. Das sind jetzt vier Konzerne, die irgendwann mächtiger sind als jede Regierung."

Ein Beitrag von Nicole Würth

Stand: 26.08.2020 22:47 Uhr

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