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Videosprechstunde – Notlösung oder Zukunftsmodell?

PlayArzt in seiner Praxis am Rechner
Videosprechstunde – Notlösung oder Zukunftsmodell? | Video verfügbar bis 26.08.2021 | Bild: SR Fernsehen

– Video-Sprechstunden haben durch Corona in vielen Praxen Einzug gehalten
– Gängige Beschwerden und Krankheiten können gut abgeklärt werden
– Das Wartezimmer als Hotspot für Ansteckungen kann vermieden werden
– Auch Psychotherapeuten bieten zunehmend Videosprechstunden an
– Fehlende Infrastruktur bremst Telemedizin häufig noch aus

Noch vor kurzem wollten die meisten Ärzte ihre Patienten lieber in der Praxis sehen als mit ihnen zu telefonieren oder gar Videokonferenzen abzuhalten. Ganz gleich, ob es um ein Rezept oder eine Therapie ging. Doch seit Corona hat sich vieles geändert. Schon seit Jahren machen sich Patientenvertreter für die Telemedizin stark. Wird sie jetzt zum Zukunftsmodell? Und was ist für Patienten dabei wichtig?

Direkter Kontakt mit den Patienten. Das war für die Allgemeinmedizinerin Jutta Dick viele Jahre Normalität. Doch seit der Corona-Krise war auch bei ihr im saarländischen Wallerfangen die Fernberatung und -behandlung von Patienten stärker gefragt. Seit April bietet sie auch eine Video-Sprechstunde an.

Bei Standardproblemen durchaus praktikabel

Funktioniert wie eine normale Videokonferenz - mit einem extra Zugangs-Code. Die Software ist vom zuständigen Bundesamt zugelassen. Und die Ärztin sieht einige Anwendungsmöglichkeiten.

Dr. Jutta Dick, Allgemeinmedizinerin: "Es ist bei einfacheren Problemen sicher ein gutes Instrument. Wenn ich den Patienten direkt untersuchen muss, ist es schwierig. Um Dinge zu besprechen, ist es sehr gut, um sich einmal eine Kleinigkeit zeigen zu lassen, vielleicht eine Wunde. Auch bei Hautveränderungen klappt es eigentlich ganz gut."

Hotspot  ‚Wartezimmer‘ kann vermieden werden

Gerne würde sie die Videosprechstunde öfter durchführen. Sie ist zuversichtlich, dass die Nachfrage steigen wird. Lange Wege und Wartezeiten fallen weg, und die Pandemie ist ja noch nicht vorbei.

Johannes H., Patient: "Je nachdem um was es geht, brauche ich auch nicht die direkte Präsenz. Jeder Warteraum ist ja auch ein Hotspot für alles Mögliche, und um mich und andere zu schützen, ist es ideal."

Seit 2017 sind Videosprechstunden zugelassen. Sie wurden aber kaum genutzt. Eine Umfrage der Stiftung Gesundheit zeigt, dass jetzt eine bisher nicht gekannte Dynamik eingetreten ist.

Dr. Peter Müller, Vorstandsvors. Stiftung Gesundheit: "Vor Corona haben 1 bis 2 Prozent der Ärzte und Psychotherapeuten gesagt, dass sie mal auch die Videosprechstunde nutzen, und jetzt ist die Zahl mit der Pandemie so stark gestiegen, das die ganz große Mehrheit es nutzt. Vorsorge, Nachkontrolle, das geht auch in den schneidenden, operativen Fachgebieten."

Psychotherapie per Video oft genutzt

Vor allem Psychotherapeuten haben die Videosprechstunde entdeckt. Eine Therapieform, bei der sich der Einsatz der Technik besonders gut eignet. Aber es gibt auch Nachteile, die den Boom bremsen.

Arzt vor seinem Computer mit Videocam
Arzt vor seinem Computer mit Videocam | Bild: picture alliance/Monika Skolimowska/ZB/dpa

Dr. Sebastian Leikert, Psychotherapeut: "Die Tätigkeit, sich zum Therapeuten zu begeben, hinzufahren mit dem Bus oder dem eigenen Auto, bedeutet, sich einzustimmen auf die Therapie. Da habe ich einen Übergang zu einer Sache, den Veränderungsprozess, den ich wichtig nehme. Der noch größere Unterschied ist, dass auch emotionale Zeichen sich doch nicht so deutlich übertragen, so dass der emotionale Prozess einfach intensiver ist, wenn man live behandelt."

Videosprechstunden könnten Ärztemangel abfedern

Ende des letzten Jahres wurde die Vergütung von Videosprechstunden erhöht. Außerdem wurden sie in deutlich mehr Bereichen zugelassen. Jetzt gibt es sogar Hoffnung, dass die Technik helfen kann, Struktur-Probleme zu lösen.

Dr. Josef Mischo, Vors. AG "Fernbehandlung" der Bundesärztekammer: "Kosten werden wir keine sparen können. Ich brauche den Arzt, die Arzt-Arbeitszeit. Den Ärztemangel begegnen glaube ich ja. Das wird eine von vielen Bausteinen sein. Ich persönlich hoffe, dass wir über die Videosprechstunde auch Ärzte und Ärztinnen beruflich tätig sein lassen können, die jetzt gerade in Rente gegangen sind, die weniger arbeiten wollen, nur noch wenige Stunden."

Patienten kämpfen oft noch mit Technik

Doch es gibt noch einige Hürden. Die Allgemeinmedizinerin Martina Hoffmann-Kümmel bietet schon seit anderthalb Jahren Videosprechstunden an. Mit Beginn der Corona-Krise haben sich deutlich mehr Patienten per Telefon gemeldet. Mit Videoschalten war es dagegen schwieriger. Bei technisch nicht so versierten Personen scheiterte es öfter.

Martina Hoffmann-Kümmel, Allgemeinmedizinerin: "Wir haben oft technische Probleme gehabt, wo es dann auch am Computer der Patienten hing, weil sie das Bild nicht darstellen konnten oder die Mail im Spam gelandet ist. Also es war nicht so einfach, aber es hat ein paar Mal gut geklappt, und da wurde es auch akzeptiert."

Telemedizin scheitert auch an Infrastruktur

Aber technische Schwierigkeiten gibt es nicht nur bei den Patienten. Auch bei der IT-Infrastruktur liegt Deutschland im Vergleich mit anderen europäischen Ländern weit zurück. Daran wird sich so schnell nichts ändern.

Ärzte vor der Kamera
Ärzte vor der Kamera | Bild: SR Fernsehen

Thorben Krumwiede, Geschäftsführer Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD): "Die größte Hürde ist sicherlich die fehlende flächendeckende Breitbandversorgung mit Internet. Telemedizin bzw. die Videosprechstunde setzt einfach eine schnelle Internetverbindung voraus, die in vielen Gebieten einfach noch nicht vorhanden ist. Und gerade in diesen Gebieten sollte ja dieses Angebot greifen, denn dort sind die Wege teilweise sehr lang. Es fehlen die Fachärzte, aber hier kann das Angebot nicht genutzt werden."

Auch Krankenkassen für Telemedizin offen

Und die Krankenkassen? Sie sehen die Videosprechstunden grundsätzlich sehr positiv, auch wenn dadurch wohl kaum Kosten gespart werden. Mitte Juli haben sie sogar einer Krankschreibung in der Videosprechstunde zugestimmt. Bis zur kompletten digitalen Bearbeitung wird es aber noch dauern.

Ulrike Elsner, Vorstandsvors. Verband der Ersatzkassen: "Die elektronische Übermittlung der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung wird es ab Januar 2021 geben. Bis dahin wird es so sein, dass die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, wenn sie im Rahmen einer Videosprechstunde ausgestellt wird, per Post versandt wird, also in dem üblichen Format, das alle kennen."

Eine komplette Behandlung nur per Video ist in Deutschland weiterhin nicht erlaubt. Aber die Telemedizin kommt langsam in Schwung. Wäre schön, wenn für weitere Fortschritte keine neue Pandemie nötig wäre!

Ein Beitrag von Lars Ohlinger

Stand: 26.08.2020 22:49 Uhr

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