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Corona-Hilfen – kompliziert, langsam und für Existenzgründer richtig teuer

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Corona-Hilfen – kompliziert, langsam und für Existenzgründer richtig teuer | Video verfügbar bis 31.03.2022 | Bild: picture alliance / Eibner-Pressefoto | Fleig

  • Hilfsprogramme für junge Unternehmen laufen in der Krise extrem zäh
  • Sechs Monate Wartezeit nur bis zur Antragstellung
  • Krise frisst Eigenkapital auf – auch beim Mittelstand
  • Überbrückungshilfen zu 7,4 Prozent Zinsen ruiniert viele Betriebe
  • Gutes Wirtschaften wird sogar mit Strafzinsen belegt

Mitten in der Krise einen raketenartigen Start hinlegen? Davon können viele, die eine Firma gegründet haben, im Moment nur träumen. Die Hilfsprogramme, gerade für junge Unternehmen, sind zum Teil extrem zäh und mühsam angelaufen. Und manchmal entpuppen sie sich sogar als teurer Kredit. Auch vielen etablierten Unternehmen geht nach einem Jahr der Krise die Luft aus. Die Arbeit und Ersparnisse eines ganzen Lebens drohen zu verpuffen. Wie passt das zu den Versprechen der Bundesregierung?

Start-up-Unternehmen endlos vertröstet

Crailsheim in der schwäbischen Provinz. Das Start-up-Unternehmen airtango ist spezialisiert auf Instore TV für Fitness-Studios und Live-Streaming von Sport und Konzerten. Alles lag coronabedingt monatelang brach. Weil junge Unternehmen nicht von den üblichen Corona-Hilfen profitieren, legte der Bund ein spezielles Programm auf.

Gerhard Borchers, airtango, sagt: "Verkündet Ende März 2020. Und da haben wir darauf gesetzt, dass wir dort förderfähig sind. Und jetzt stellen Sie sich vor: Das hat sechs Monate gedauert von der Verkündung des Programms bis zur Antragstellungs-Möglichkeit!"

Ewiges Warten auf Corona-Hilfen – auch im Hotel Unger im Zentrum von Stuttgart. Das Haus ist seit der Krise nur noch zu zehn Prozent belegt. Trotzdem müssen jeden Tag die Wasserhähne in jedem Zimmer aufgedreht werden. So will es die Vorschrift zur Legionellen-bekämpfung. Aber die versprochenen Gelder kommen nur tröpfchenweise.

Susanne Zöller-Unger, Hotel Unger Stuttgart, erzählt: "Die Bundeshilfen haben vier Monate gebraucht, aber immerhin im letzten Jahr. Die Novemberhilfe und Dezemberhilfe kam jetzt Ende Februar, das war sehr mühsam, denn da ist plötzlich die Belegung auf 6 - 8 Leute runter gegangen."

Für 158 Betten. Susanne Zöller-Unger hatte in den letzten Jahren neun Millionen Euro investiert: Neue Dämmung, Heizung, Klimaanlage. "Und hätten jetzt eigentlich den Frühstücksraum modernisieren wollen. Haben dafür angefangen, zurückzulegen, so gut es geht. Das ist jetzt natürlich alles weg."

Bürokratiemonster statt versprochener Schnellhilfe

Viele Familienbetriebe in Hotellerie, Gastronomie oder Einzelhandel hangeln sich so von einer Lockdown-Verlängerung zur nächsten. Trotz des großen Indianer-Ehrenwortes für den Mittelstand:

"Diesen Unternehmen so schnell wie möglich und so umfänglich wie möglich zu helfen mit der Situation fertig zu werden", hieß es von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, CDU.

Gabriele Schramm, Wirtschaftsprüferin Schramm & Partner: "Die Überbrückungshilfe 1 und 2, das war eine Katastrophe. Insbesondere deswegen, weil einfach nicht klar war, zu welchen Bedingungen man die Überbrückungshilfen bekommt."

Die Anträge auf Hilfen aller Art – ein bürokratisches Monster. Selbst Profis, die als so genannte "prüfende Dritte" beim Antrag zwischengeschaltet sein müssen, blicken oft nicht mehr durch. "Die Überbrückungshilfe 1 ist anders als die 2. Die Novemberhilfe ist was anders als die Überbrückungshilfe 3 und die Neustarthilfe ist nochmal anders. Es ist jedes Programm anders und in jedes Programm fließen andere Dinge ein", so Schramm.

Krise frisst Eigenkapital vieler Betriebe auf

Und so kratzen viele Unternehmen ihre letzten Reserven an. Für kleinere und junge Unternehmen eine fatale Situation mit hohem Risiko der betrieblichen und privaten Pleite.

Prof. Dr. Stefan Kooths, Institut für Weltwirtschaft (IfW) Kiel, sagt dazu: "Was diese Krise auszeichnet ist ja, dass sie sich mit jedem Tag in das Eigenkapital der Unternehmen frisst. Und deshalb muss man genau dort ansetzen. Das heißt man braucht Unternehmenshilfen, die die Einbußen beim Eigenkapital wieder kompensieren."

Bei airtango in Crailsheim kam schließlich Geld an. Nach monatelanger Wartezeit flossen 800.000 Euro. Aber als stille Beteiligung des Bundes. Mit sieben Jahren Laufzeit und saftigen Konditionen.

Gerhard Borchers, Dipl.-Wirtschaftsmathematiker; airtango, erzählt:

Ein Stempel trägt die Aufschrift "Überbrückungshilfe".
Viele Unternehmen kratzen ihre letzten Reserven an. | Bild: picture alliance / SULUPRESS.DE / Torsten Sukrow

"In sieben Jahren müssen wir diese Mittel wieder zurückbezahlen. Und bis dahin müssen wir Zinsen bezahlen. Die liegen bei 5,9 Prozent pro Jahr. Und dann gibt es noch eine Regelung, für Jahre, in denen wir Gewinne machen, kommt ein Aufschlag von 1,5 Prozent drauf. Dann liegen wir bei ca. 7,4 Prozent Gesamtverzinsung, die wir dort aufbringen müssen für diese Mittel."

Überbrückungshilfe zu 7,4 Prozent Zinsen

7,4 Prozent Zinsen. Unerreichbar für jeden Sparer. Aufgerufen vom Bund, der sich das Geld zu Minuszinsen besorgen kann. Eine Überbrückungshilfe – zu Konditionen einer Heuschrecke.

Gerhard Borchers von airtango findet: "Für einen Staat, der das unter dem dem Label "Förderprogramm für Startups" laufen lässt, halte ich das für ist das völlig unangemessen, diese Konditionen."

Zuvor hatte die Bundesregierung völlig andere Erwartungen geweckt. "Und ich habe darüber gesprochen, dass das eine Bazooka ist, mit der wir gegen die Krise ankämpfen", hieß es von Bundesfinanzminister Olaf Scholz, SPD.

Kieler Modell schlägt 85 Prozent des Vorjahresgewinns vor

Die deutsche Bazooka – ein Raketenwerfer mit  Ladehemmung. Zu kompliziert, zu langsam, zu teuer. Die Wirtschaftsweisen aus Kiel haben ein Gegenmodell entworfen.

Kooths vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel sagt: "Das Kieler Modell, was darauf beruht, dass man von den Gewinnen aus der Vorkrisenzeit einen erheblichen Teil ersetzt bekommt – im Blick auf das, was jetzt in der Krise eingebrochen ist. Von diesem Einbruch schlagen wir vor, 85 Prozent mindestens zu ersetzen."

85 Prozent des Vorjahresgewinns für alle Unternehmer und Selbstständigen, die unverschuldet in die Krise geraten sind. Für den Staat wäre das nach Berechnungen der Kieler Experten am Ende sogar billiger, weil es zielgerichteter Arbeitslosigkeit verhindern könnte. "Man muss auf die Schlussabrechnung schauen, auf die gesamtwirtschaftlichen Effekte. Und die sind in unserem Modell definitiv günstiger als alles, was wir bislang an Überbrückungshilfen und Novemberhilfen und Dezemberhilfen gesehen haben."

Strafzinsen für gutes Wirtschaften

Auch Benjamin Federmann will die Mitarbeiter seiner Firma halten. Ihre Drohnentechnik für automatische Inventuren in Lagerhallen hat mehrere Gründerpreise gewonnen. Aber mit Corona kürzten die Kunden ihre Innovations-Budgets. Deshalb sollte ein 1,5 Millionen-Kredit von der staatlichen KfW vor der Insolvenz schützen. Und irgendwie schafften sie es, das geliehene Geld erstmal nicht anzurühren.

Benjamin Federmann, Gründer doks.innovation, erzählt: "Im Jahr 2020 haben wir von der Kreditsumme gar nichts genutzt. Wir haben die Summe abgerufen und sie geparkt auf unserem Konto."

Doch statt Lob für das gute Wirtschaften gab es eins auf den Deckel. Seit März müssen sie 0,5 Prozent Strafzinsen zahlen. "Ich denke, dass in dem Zusammenhang Strafzinsen ein absolutes NoGo sind. Wir bestrafen die Unternehmen und letztendlich die Mitarbeiter, weil natürlich jede weitere Belastung irgendwann dazu führen wird, dass man Personal abbaut, das geht gar nicht anders", so Federmann.

Kollateralschäden für Mittelstand und Start-ups

Das droht vielen Mittelständlern. Konzernmanager sind abgesichert, viele Aktionäre haben sogar mächtig zugelegt. Aber selbst haftende Familienbetriebe müssen schauen, wo sie bleiben.

Susanne Zöller-Unger vom Hotel Unger Stuttgart, sagt: "Unternehmerlohn oder so irgendetwas kann ich nicht beantragen. Und Geld, das ich aus dem Hotel entnehmen könnte, ist nicht da. Und das geht sehr vielen Kollegen so, die eben die Rücklagen, die sie für Ihre eigene Rente gebildet hätten, jetzt verbrauchen."

Kollateralschäden der Krise, in der viele Startups und Mittelständler mit der dicken Corona-Rechnung allein gelassen werden.

Ein Beitrag von Jörn Kersten

Onlinebearbeitung: Ute Kunsmann

Der Beitrag wurde produziert vom Saarländischen Rundfunk (SR) für "Das Erste".

Stand: 01.04.2021 12:33 Uhr

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