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Nahrungsergänzungsmittel – Boom im Lockdown

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Nahrungsergänzungsmittel – Boom im Lockdown | Video verfügbar bis 31.03.2022 | Bild: Imago/Imagebroker

  • Nahrungsergänzungsmittel boomen – gerade im Lockdown
  • Deutschen geben zwei Milliarden Euro pro Jahr dafür aus
  • Über ein Drittel der untersuchten Pillen werden beanstandet
  • Schutz von Vitamin D gegen Covid-19? Trotz vieler Studien unklar
  • Vitamine wie B12 oder Folsäure können sogar Tumor-Wachstum beschleunigen

Viele bunten Pillen, in denen jede Menge Vitamine, Ballaststoffe oder Spurenelemente stecken – solche so genannten Nahrungsergänzungsmittel sind gerade jetzt in Corona-Zeiten ein Milliardengeschäft. Aber wie gut stärken sie unser Immunsystem wirklich?

Judith P. lebt gesundheitsbewusst. Sie isst viel frisches Obst und Gemüse, und sie treibt intensiv Sport. Zusätzlich nimmt sie Nahrungsergänzungsmittel ein, um für ihren Alltag gewappnet zu sein.

Sie sagt: "Wenn ich mal Stress hatte oder den Kopf nicht frei bekomme, gehe ich selbstverständlich gerne mal an die Currywurstbude und esse meine Pommes oder eine Tüte Chips, was einfach mal sein muss, und ich denke, mit den Nahrungsergänzungsmitteln, wenn man sich da auf einem gewissen Level hält, kann ich auch Vieles wieder ausgleichen."

Zwei Milliarden Euro pro Jahr für Vitaminpillen & Co.

Basenpulver, Algen, Magnesium. Ihre Blutwerte lässt die 53-Jährige Büroangestellte regelmäßig kontrollieren. 20 bis 30 Euro im Monat gibt sie für ihre Produkte aus. Und das nicht nur, weil sie für ihre Langstreckenläufe gut gerüstet sein will. "Ich hatte auch mal Hautkrebs gehabt und habe dabei auch gelernt, mich besser zu schützen, und gehe deswegen nicht mehr so viel und zu lange in die Sonne. Deswegen nehme ich ganz gerne Vitamin D *, um mein Level hier einigermaßen auf einem gewissen Niveau zu halten."

(*Anmerkung der Red.: Wenn von Vitamin D die Rede ist, ist in diesem Beitrag Vitamin D3 gemeint.)

Das Angebot an Nahrungsergänzungsmitteln ist gigantisch, und seit der Corona-Krise boomt der Markt noch mehr. Produkte für Knorpel und die Knochen, zur Stärkung des Immunsystems, für die Psyche, für Vegetarier und Veganer und selbst schon für Kinder. Rund zwei Milliarden Euro geben die Deutschen jährlich dafür aus.

Verbraucherschützer warnen vor Nutzen

Verbraucherschützer beobachten das mit gemischten Gefühlen. Denn viele Menschen haben gar keinen Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen.

Nahrungsergänzungsmittel im Drogeriemarkt
Das Angebot an Nahrungsergänzungsmitteln ist gigantisch. | Bild: picture alliance / Frank Hoermann/Sven Simon

Britta Gerckens, Ernährungswissenschaftlerin Verbraucherzentrale Hamburg, sagt: "Diese ganzen Sprüche und Bilder sind einfach da, um bei dem Verbraucher positive Emotionen hervorzulocken, so dass man mit einem guten Gefühl an das Regal tritt und man denkt, 'Mensch, das hört sich richtig gut an, das sieht auch gut aus, das kaufe ich gerne'. Aber man muss ganz klar sagen, dass das Geld meistens zum Fenster herausgeworfen ist."

Gerade in Zeiten von Corona sorgen sich aber viele Menschen um ihr Immunsystem: Eingeschränkte Freizeitmöglichkeiten, finanzielle Sorgen und damit verbundener Stress. Manche erhoffen sich gesundheitlichen Schutz, manche sind auch skeptisch.

Vitamin D als Schutz gegen Corona – bislang keine Klarheit

DGD-Krankenhaus Frankfurt Sachsenhausen. Der Chefarzt Prof. Dr. Dr. Jürgen Stein ist Ernährungsmediziner und Gastroenterologe. Nahrungsergänzungsmittel können im Einzelfall sinnvoll sein, sagt er. Dauerhafte Mängel und Unterversorgung seien durchaus bedenklich. Prof. Stein ergänzt aber:

"Das heißt noch lange nicht, dass eine Einnahme von Vitamin D vor Covid schützt oder den Verlauf von Covid in irgendeiner Wiese beeinflussen kann. Die Studien hierzu – und davon gibt es sehr viele – haben noch keinen eindeutigen Benefit gezeigt."

Verbraucher sollten auch unbedingt auf Wechselwirkungen mit Medikamenten achten. Und bei Patienten mit Krebserkrankungen ist besondere Vorsicht geboten. "Es gibt deutlich Zahlen und Studien, die zeigen, dass die Einnahme bestimmter Nahrungsergänzungsmittel den Cholesterinstoffwechsel negativ beeinflussen und die Wirksamkeit bestimmter Blutdruckmittel und Diabetesmittel auch negativ beeinflussen können… Darüber hinaus können sie auch, und das weiß man für Vitamin B12 und für Folsäure, das Tumor-Wachstum beschleunigen, indem sie den Tumorzellen helfen, sich entsprechend schneller zu vermehren."

Nahrungsergänzungsmittel werden nicht alle untersucht

Landesamt für Verbraucherschutz in Saarbrücken. Hier werden Nahrungsergänzungsmittel auf ihre Inhaltsstoffe untersucht. Nicht bevor sie auf den Markt kommen, sondern erst im Nachhinein. Juristisch gelten sie als Lebensmittel, nicht als Arznei. Deshalb müssen sie auch nicht geprüft oder zugelassen werden. Verantwortlich ist allein der Hersteller.

Dr. Barbara Dessloch, Diplom-Chemikerin, Landesamt für Verbraucherschutz Saarland, sagt: "In Deutschland kommen jährlich etwa 10.000 Nahrungsergänzungsmittel neu auf den Markt, europaweit ist ja es noch viel mehr. Die Untersuchung aller Nahrungsergänzungsmittel, die allein in Deutschland produziert werden, das würde den Rahmen sprengen, wir können wirklich nur Stichproben untersuchen."

Über ein Drittel der untersuchten Pillen werden beanstandet

Die Beanstandungsquote liegt zwischen 30 und 40 Prozent: Falsche gesundheitliche Versprechen. Pflanzliches Superfood, das tatsächlich nur aus grünem Farbstoff besteht. Und Nahrungsergänzungsmittel aus dem Internet, die gezielt Männer oder Frauen ansprechen.

"Ganz beliebt im Internet sind Potenzmittel und Fatburner, also Schlankheitspillen, die den schnellen Erfolg versprechen, aber meist nicht das halten, was sie versprechen. Und wenn sie wirken, sind sie oft mit verbotenen Arzneistoffen versetzt. Das kommt sehr häufig vor", so Dessloch.

Besonders im Visier: ganz neue Produkte, meist aus obskuren Quellen im Online-Versand. Sie werben damit, gegen Covid-19 zu wirken. Die Hersteller sind kaum ausfindig zu machen, aber, so sagt Britta Gerckens, Ernährungswissenschaftlerin Verbraucherzentrale Hamburg: "EU-weit laufen auch Untersuchungen, die solche Aussagen getroffen haben. Das sind ungefähr 600 Produkte, die da schon ins Netz gegangen sind und in Deutschland alleine auch schon 60 Produkte."

Nahrungsergänzungsmittel in Tablettenform
Deutsche geben zwei Milliarden Euro pro Jahr für Nahrungsergänzungsmittel aus. | Bild: picture alliance/dpa / Matthias Hiekel

Aber es gibt auch die andere Seite. Wie der Hersteller Hevert im rheinland-pfälzischen Nahetal. Unter strengen Hygiene-Auflagen dürfen wir das Unternehmen mit der Kamera besuchen. Es produziert Arznei, aber auch Nahrungsergänzungsmittel. Hevert verkauft bewusst keine Produkte übers Internet und auch nicht im Supermarkt.

Dr. Tilman Laun, Hevert-Arzneimittel GmbH & Co.KG: "Wir verkaufen unsere Arzneimittelals auch die Nahrungsergänzungsmittel ausschließlich über Apotheken, weil wir gerade bei Produkten wie beispielweise Vitamin D 3 doch einen relevanten Beratungsbedarf sehen und solche Beratung kriegen Sie im Grunde nur durch medizinisches Fachpersonal also in der Apotheke."

Zu Risiken und Nebenwirkungen vorher Rat einholen

Die Corona-Krise hat den Markt verschoben, sagt man uns. Erkältungsmittel sind stark eingebrochen. Dafür haben die Vitamine um etwa 10 Prozent zugelegt, Vitamin D sogar um 25 Prozent. Der Pharmazeut der Firma rät von einer zu hohen Einnahme über längere Zeit ab. Denn fettlösliche Vitamine könne man auch überdosieren.   

"Vitamin D führt zum Beispiel zu einer Störung des Calciumstoffwechsels, es kann zu Nierensteinen führen und letzten Endes ist es nicht empfehlenswert, hier einfach aus dem Blauen heraus beliebige Dosen anzuwenden", so Laun.

Fazit: Eine gesunde und ausgewogene Ernährung bleibt das A und O. Wenn ein Mangel besteht, sollte man ihn in Abstimmung mit Arzt oder Apotheker gezielt beheben. Aber größte Vorsicht bei zweifelhaften Angeboten im Internet – egal ob während oder nach Corona.

Ein Beitrag von Nicole Würth

Onlinebearbeitung: Ute Kunsmann

Der Beitrag wurde produziert vom Saarländischen Rundfunk (SR) für "Das Erste".

Stand: 01.04.2021 09:33 Uhr

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