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Standort Deutschland – Ist die Wettbewerbsfähigkeit in Gefahr?

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Standort Deutschland – Ist die Wettbewerbsfähigkeit in Gefahr? | Video verfügbar bis 06.11.2020 | Bild: SWR

• Energiepreise für Unternehmen sind in Deutschland besonders hoch
• Deutsche Firmen zahlen mehr Unternehmenssteuer als die internationale Konkurrenz
• Breitbandausbau kommt nur langsam voran
• Bürokratie bremst vor allem kleine und mittlere Unternehmen stark aus
• Deutschland ist bei der Wettbewerbsfähigkeit von Platz 10 auf Platz 16 abgerutscht

Mittelständische Unternehmen wie P-D Glasseiden in Oschatz zwischen Dresden und Leipzig stehen wegen der hohen Energiepreise in Deutschland unter Druck. "Es geht im Prinzip durch die ganze Prozesskette, von der Glaserzeugung über die Weiterverarbeitung sind die Stromkosten extrem relevant für die Herstellung. Insofern ist das ein wettbewerbsentscheidender Faktor, wo die Stromkosten liegen", sagt Armin Plath, Geschäftsführer von P-D Glasseiden.

Vor allem die hohen Energiekosten machen die Glasfaser made in Germany teuer. Ein Kilo Glasfaser aus Sachsen kostet 20 Prozent mehr als aus dem Ausland. Das kann sich das Unternehmen eigentlich nicht mehr leisten.

Strom in Deutschland besonders teuer

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Strompreise im internationalen Vergleich | Bild: SWR

In Deutschland zahlt ein Unternehmen mit einem Jahresstromverbrauch zwischen 20.000 und 70.000 Megawattstunden ca. 8,9 Cent je Kilowattstunde. In Frankreich und Schweden sind es hingegen nur 5,9 bzw. 4,8 Cent. Nur in der Slowakei und Großbritannien ist es teurer als in Deutschland.

Das Unternehmen in Sachsen spann die Glasfasern bisher selbst, wozu Temperaturen von mehr als 1.400 Grad Celsius nötig sind. Mitte Juli zog die Firma die Reißleine, der Strom sei einfach zu teuer gewesen. Die Glasfasern kommen mittlerweile aus dem Ausland. In Oschatz sind deswegen 60 Arbeitsplätze weggefallen.

Deutschland bei digitaler Infrastruktur abgehängt

Die Firma Feldbinder Spezialfahrzeuge GmbH in Winsen an der Luhe klagt über eine ungenügend ausgebaute digitale Infrastruktur. Das Unternehmen stellt Silo-Fahrzeuge für den europäischen Markt her und tauscht Konstruktionsskizzen unter verschiedenen Standorten aus. Doch die Internetverbindung sei sehr langsam, weswegen der Download der Dateien lange dauere. Mit handelsüblichen Smartphones könne man die Dateien schneller herunterladen, sagt ein Mitarbeiter.

Auch auf eine Cloudlösung könne das Unternehmen nicht ausweichen, sagt Nina Kley, Geschäftsführerin von Feldbinder Spezialfahrzeuge GmbH: "Das scheidet einfach aus, wenn Sie nicht sicher sind, dass Sie ins Internet schnell reinkommen. Wir mit unsere MBit-Leitung: Das ist wie, wenn Sie mit einem Fahrrad auf einem holprigen Feldweg auf die Datenautobahn rauf wollen." Eine schnelle Internetverbindung für das Unternehmen soll es erst 2022 geben.

"Die fehlende Breitband Infrastruktur, die fehlenden Glasfaseranschlüsse auf dem Land sind tatsächlich ein großes Hemmnis für die Unternehmen. Vor allem muss es schneller gehen. Man hat zu lange auf die Nutzung der Kupfertechnologie gesetzt und versucht, darüber etwas höhere Bandbreiten zu erzielen und zu spät erkannt, dass man dort Glasfaseranschlüsse braucht. Das bremst die Unternehmen auf dem Lande sehr stark aus.“
Zitat: Klaus-Heiner Röhl, Institut der deutschen Wirtschaft

Besonders auf dem Land sitzen viele kleinere, aber sehr erfolgreiche Familienunternehmen, die für die deutsche Wirtschaft und die Region enorm wichtig sind.

Bürokratie bremst Unternehmen aus

In Minden in Westfalen sitzt die Follmann-Unternehmensgruppe. Dort stellt man flüssige Kunststoffe her, die als Fahrbahnmarkierung auf Autobahnen zum Einsatz kommen. In ihrem Bereich ist das Unternehmen in Deutschland Marktführer. Die Follmann-Unternehmensgruppe hat eine neue Produktionshalle gebaut, wurde dabei allerdings von Bürokratie und Verordnungen ausgebremst.

"Insgesamt belief sich die Planungszeit auf zwölf Jahre. Wobei wir nur für die Genehmigung vier Jahre gebraucht haben, weil wir das Pech hatten, dass sich innerhalb der Planungszeit auch noch die Industriebauverordnung NRW geändert hat und wir daraufhin eine fertige Planung, eine fast genehmigte Planung, nochmal grundsätzlich angehen mussten. Was natürlich zu erheblichen Kosten geführt hat, die man eigentlich nur in Millionen bezeichnen kann."
Zitat Henrik Follmann, Follmann-Unternehmensgruppe

Das Unternehmen beschäftigt eine Abteilung mit 15 Mitarbeitern, die sich nur um Gefahrenbeurteilungen, Genehmigungen und Planungsrecht kümmere, sagt Henrik Follmann. Auch Ökonomen warnen, dass die bürokratischen Anforderungen von Bund, Ländern und Kommunen immens seien und den Mittelstand in Bedrängnis bringe.

"Die Gesamtbelastung der Unternehmen mit Bürokratie wächst immer mehr an, weil die Regelungsdichte zunimmt. Das ist eine Belastung vor allem für kleinere Unternehmen, die kaum spezialisierte Mitarbeiter haben, die sich diese auch nicht leisten können, die diese Bürokratie abarbeiten können." Zitat: Professor Clemens Fuest, Vorstand ifo Institut

Unternehmenssteuern sind in Deutschland sehr hoch

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Unternehmenssteuer im internationalen Vergleich | Bild: SWR

Neben dem großen bürokratischen Aufwand, hohen Energiekosten und schlechtem Breitbandausbau zahlen die Unternehmen in Deutschland sehr hohe Steuern. Im internationalen Vergleich wird Deutschland bei der Unternehmenssteuer bald noch schlechter dastehen. Beispielsweise die USA und Frankreich wollen bis 2022 die Steuer senken. Die letzte Reform in Deutschland gab es 2008. Hinzu komme, dass das deutsche Steuersystem kompliziert sei, sagt Professor Clemens Fuest: "Wir erheben drei Ertragssteuern von den Unternehmen. Die Gewerbesteuer, die Köperschaftssteuer und die Einkommenssteuer. Die Gewerbesteuer geben wir dann teilweise wieder zurück. Das System ist zu kompliziert und die Belastung ist zu hoch."

Wirtschaftsminister Peter Altmeier kündigt seit langem an, er wolle kleine Unternehmen stärken und entlasten. Ein Interview mit Plusminus war leider nicht möglich.

"Die Entschlossenheit des Ministers ist vielleicht da. Nur die Durchsetzungsfähigkeit in der großen Koalition, da hapert es sehr deutlich. Das Problem ist gerade bei der jetzigen GroKo-Konstellation, dass sich auf beiden Seiten die Minister mit gewissen Ankündigungen profilieren wollen. Und das ist leider auch bei Herrn Altmeier der Fall, dass die Dinge, die er angekündigt hat, zum Beispiel schauen wir auf die Energiepreise für die Wirtschaft, (…) bisher nicht umsetzten konnte."
Zitat: Klaus-Heiner Röhl, Institut der deutschen Wirtschaft

Deutschland verliert an Wettbewerbsfähigkeit

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Standortqualität im internationalen Vergleich | Bild: SWR

Teurer Strom, hohe Steuern, große bürokratische Hürden und fehlende Investitionen in die Infrastruktur lassen den Standort Deutschland im internationalen Vergleich der 20 führenden Industriestaaten abrutschen. Von Rang 10 im Jahr 2006 auf Platz 16. Länder wie Portugal, Tschechien und die Niederlande liegen vor Deutschland.

"In Deutschland haben wir jetzt zehn Jahre lang eine gute wirtschaftliche Entwicklung. Dabei hat die Politik verschlafen sich darum zu kümmern, dass die auch noch morgen gut ist. Das heißt, man hat sich auf dem Erreichten ausgeruht und sich darauf konzentriert, den Kuchen zu verteilen. Wir müssen jetzt aufpassen, dass wir die Aufgaben, die jetzt vor uns liegen, schaffen, und dass wir eine große Stärke der deutschen Wirtschaft, einen starken Mittelstand, Hidden Champions, dass wir diese Stärke nicht verspielen."
Zitat Professor Clemens Fuest, Vorstand ifo Institut

Jörg Hommer und Julian Gräfe

Stand: 08.11.2019 12:14 Uhr

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