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Zu gut für die Tonne: Strategien gegen Lebensmittelverschwendung

PlayJogurtbecher mit Mindsthaltbarkeitsdatum
Strategien gegen Lebensmittelverschwendung | Video verfügbar bis 23.07.2020 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

• Jährlich werden elf Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen, der größte Teil in Haushalten.
• Beim Einkaufen und zu Hause orientieren sich Verbraucherinnen und Verbraucher oft am Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD). Nähern sich Waren diesem Datum oder liegen sie darüber, werden sie meist nicht mehr gekauft oder weggeworfen.
• Der Handel gibt einen Teil dieser Waren an die Tafeln, wirft aber auch einen Teil weg.
• Das Berliner Unternehmen SirPlus und die Betreiber der App "Too Good To Go" setzen sich aktiv gegen die Lebensmittelverschwendung ein.

Jedes Jahr werden in Deutschland Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen, obwohl sie eigentlich noch verzehrt werden könnten. Es ist ein Skandal. Nicht selten landen Lebensmittel in der Tonne, weil das aufgedruckte Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) abgelaufen ist.

Orientierung beim Einkauf

Michaela Hübner
Auch Michaela Hübner orientiert sich beim Einkaufen am Mindesthaltbarkeitsdatum. | Bild: MDR

Dieses Datum spielt für viele Verbraucher bereits beim Einkauf eine Rolle, so auch für Michaela Hübner: "Wenn ich einkaufen geh, guck ich natürlich schon sehr genau darauf, dass es noch ein bisschen haltbar ist und damit ich das noch einige Tage verwenden kann. Da nehme ich meistens wirklich nicht das, was zwei Tage vor Ablaufdatum ist."

Doch oft können sie auch nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums gegessen werden. Bei einer Stichprobe haben wir zum Beispiel Schlagsahne entdeckt, die selbst fünf Monate nach Ablauf noch geschmeckt hat. Die gleiche Erfahrung machen wir mit einer Soße, deren Mindesthaltbarkeitsdatum eigentlich schon vor fünf Monaten verstrichen ist.

Auch danach noch gut

Mindesthaltbarkeitsdatum auf einer Verpackung
Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist kein Wegwerfdatum! | Bild: Imago/STPP

Experten empfehlen Verbrauchern, das Mindesthaltbarkeitsdatum nicht so ernst zu nehmen, denn es ist kein Wegwerfdatum. Ist die Kühlkette eingehalten, können Lebensmittel auch weit über Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums verzehrt werden. Dem Bundesverband der Tafeln zufolge kann zum Beispiel Milch zwei Tage über das MHD hinaus noch bedenkenlos verwendet werden. Verpackte Wurst lässt sich weitere fünf Tage und Camembert bis zu zehn Tage über das MHD ohne Bedenken essen. Bei Eiern, Butter und Schnittkäse sind es sogar 21 Tage. Noch unbedenklicher sind Trockenwaren wie Zucker, Mehl und Nudeln, aber auch Konserven und Gläser: Sie sind auch ein Jahr über dem MHD noch genießbar.

Nicht alles geht an Tafeln

Ware für Leipziger Tafel
Supermärkte geben Lebensmittel, die sie nicht mehr verkaufen können, oft an die Tafeln ab. | Bild: MDR

Doch nicht nur zu Hause, sondern auch in den Supermärkten fallen jede Menge Lebensmittel an, die nicht mehr verkauft werden, obwohl sie noch gut sind. Gerade in den Molkereiabteilungen nähern sich Produkte schneller dem Mindesthaltbarkeitsdatum. Sind sie darüber, werden sie aussortiert und oftmals an die Tafeln weitergegeben. Auch Obst und Gemüse, das aus dem Verkauf genommen wird, kommen oftmals dorthin.

Lebensmitteltonne
Was bei Tegut Weimar nicht weitergegeben werden darf, landet in dieser Tonne. | Bild: MDR

Aber nicht alles darf abgegeben werden, wie Anke Schmidt vom Tegut-Markt in Weimar erklärt: "Trotz aller Bemühungen gibt es immer noch Lebensmittel, die dann am Ende gar nicht mehr verkauft werden können. Das ist im Bereich Fleisch und Wurst. Über den Tag wird die Ware dann abgeschrieben und geht in eine Extra-Lebensmitteltonne." Diese Tonne steht gesichert im Lager und enthält alle verdorbenen und abgelaufenen Lebensmittel, die hier in einer Woche angefallen sind. Wie gehen größere Märkte mit dem Problem um?

Hauke Hinsch, Geschäftsleiter von Globus Leipzig
Hauke Hinsch, Geschäftsleiter von Globus Leipzig  | Bild: MDR

Bei Globus Leipzig werden abgelaufene oder nicht mehr verkäufliche Lebensmittel kurz vor Ladenöffnung aus den Regalen aussortiert, darunter Obst, Gemüse und jede Menge Brot, denn die Kunden wollen es täglich frisch. Die ausgesonderte Ware wird aber nicht weggeworfen, erklärt Geschäftsleiter Hauke Hinsch: "Wir geben alles an die Tafel oder die Straßenkinder ab, mit Ausnahme von Fisch und Käse."

Peer Cyriacks von der Deutschen Umwelthilfe
Peer Cyriacks von der Deutschen Umwelthilfe | Bild: MDR

Auch hier landen Fisch, Käse und Wurst aus den Frischetheken im Abfall und werden später für die Biogas-Erzeugung verwendet. Laut Hinsch reichen hier fünf Mülltonnen pro Woche aus. Wir haben Globus, Tegut und elf weitere Supermärkte um konkrete Zahlen zu ihren Lebensmittelabfällen gebeten. Doch niemand möchte sie veröffentlichen. Kein Wunder, findet Peer Cyriacks von der Deutschen Umwelthilfe: "Der Einzelhandel ist unserer Meinung nach nicht transparent genug. Auch wenn eine ganze Menge an Tafeln gespendet wird, werden 90 Prozent noch weggeworfen. Das ist ein Skandal und das sollten wir uns in Deutschland nicht leisten."

Freiwillig oder per Gesetz?

Dabei ist das Thema Lebensmittelverschwendung schon seit vielen Jahren auf der Agenda der Politik. Im Februar verabschiedete das Bundeskabinett einen Beschluss zur nationalen Strategie gegen Lebensmittelverschwendung. Konkret heißt das: Bis 2030 sollen Lebensmittelabfälle im Einzelhandel und bei Verbrauchern halbiert, auf Seite der Hersteller und Lieferanten verringert werden. Dabei setzt Deutschland auf Freiwilligkeit.

In Tschechien ist das anders. Hier gibt es seit vergangenem Jahr ein Gesetz, dass Märkte ab einer Größe von 400 Quadratmetern verpflichtet, Lebensmittel, die nicht mehr verkäuflich sind, an soziale Einrichtungen abzugeben. Ein ähnliches Gesetz gibt es auch in Frankreich.

Verschwender Nummer eins: die Verbraucher

Laut einer Studie der Universität Stuttgart fallen allerdings im Handel vergleichsweise geringe Mengen an Lebensmittelabfällen an. Von den elf Millionen Tonnen Lebensmitteln, die jedes Jahr im Müll landen, obwohl ein Großteil davon noch verzehrt werden könnte, kommen gerade einmal fünf Prozent aus dem Handel. Durch Lebensmittelindustrie und Großverbraucher landen jeweils 17 Prozent dieser Lebensmittel sinnlos im Müll. Doch den Großteil verursachen wir Verbraucher: Mit 61 Prozent werfen wir am meisten weg.

Grafik Lebensmittelabfälle
In deutschen Haushalten fällt mit Abstand die größte Menge an Lebensmittelabfällen an.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Noch Gutes neu verkauft

Aber es gibt Leute, die etwas dagegen tun wollen, Raphael Fellmer zum Beispiel. Vor zwei Jahren gründete der Berliner gemeinsam mit einem Partner SirPlus. Sie retten Lebensmittel, die Hersteller und Supermärkte wegwerfen würden, und bringen diese erneut in den Handel, mit einem Rabatt von 50 Prozent und mehr.

SirPlus-Gründer Raphael Fellmer
SirPlus-Gründer Raphael Fellmer  | Bild: MDR

Mit dabei sind häufig Waren wie Baguette, Süßigkeiten oder Würzsossen, für die selbst die Tafeln keine Verwendung haben. Die Produkte bringt er in ein zentrales Lager, eine Halle voll mit Lebensmitteln, die sonst im Müll gelandet wären, obwohl sie noch genießbar sind. Und die Lieferungen reißen nicht ab, wie Raphael Fellmer erklärt: "Wir haben jetzt schon tausende Tonnen Lebensmittel gerettet. Wir bekommen teilweise ganze Lkw-Ladungen voll Lebensmittel."

Timo Schmitt, SirPlus
Timo Schmitt prüft bei SirPlus die Qualität der Waren. | Bild: MDR

Um sicherzustellen, dass die Lebensmittel trotz abgelaufenem MHD in Ordnung sind, finden hier regelmäßige Qualitätskontrollen statt. Jedes Produkt wird von Timo Schmitt genauestens auf Verpackung, Geschmack, Aussehen und Geruch geprüft. Ein veganer Joghurt etwa, zwei Monate über dem Ablaufdatum, stellt sich als vollkommen in Ordnung heraus und kann verkauft werden. Timo Schmitt erklärt: "Dieses MHD gilt immer mit Puffer. Das heißt, es ist niemals das Datum, bis wann etwas verzehrt werden kann. Wir haben mehrere hundert Produkte und vielleicht einmal im Monat ist ein Produkt dabei, das nicht mehr genießbar ist."

Im Extremfall ist ein Produkt sogar noch nach Jahrzehnten genießbar, wie uns Timo Schmitt zeigt: Er öffnet eine Konserve aus dem VEB Fischkombinat Rostock: Makrelenfilet in Tomatensoße. Mindestens 30 Jahre alt ist der Fisch darin. Bei der Geruchsprobe zeigt sich: Der Inhalt riecht intensiv nach Fisch, aber nicht schlecht, sondern vielmehr so, wie Fisch aus der Konserve riechen muss. Doch ist der Fisch nach drei Jahrzehnten noch genießbar? Tino Schmitt wagt den Versuch und stellt fest: "Die Konsistenz ist gut, auch geschmacklich. Die Dose hätte auch erst zwei, drei Jahre alt sein können."

SirPlus
In den SirPlus werden die Waren zu günstigen Preisen verkauft. | Bild: MDR

SirPlus Läden gibt es bisher nur in Berlin – doch über einen Onlineshop kann hier jeder einkaufen. Der getestete Joghurt landet in einem der Berliner Märkte. Hier können die Kunden nicht nur Lebensmittel vor der Tonne retten, sondern auch viel Geld sparen, manchmal mehr als 90 Prozent. Wegen der großen Nachfrage will die Firma sich künftig in weiteren Städten niederlassen.

Sparen und retten per App

Wer außerhalb Berlins Lebensmittel retten und dabei noch Geld sparen will, braucht aber nicht darauf zu warten. Es geht nämlich schon jetzt ganz leicht mit der Smartphone-App "To Good To Go".

Too Good To Go
Mit der App "Too Good To Go" lässt sich retten und sparen zugleich.  | Bild: MDR

So funktioniert sie: Jeder, der Essen gewerblich anbietet, kann Kontingente vergünstigt in die App einstellen. Der Nutzer kann sich dann eine oder mehrere Portionen kaufen, über die App bezahlen und zu einer bestimmten Zeit abholen. Beim Bäcker gibt es dann Waren für 3,50 Euro statt für 7 Euro oder das Essen vom Hotel-Büfett kostet statt 10 Euro gerade einmal 3,99 Euro.

3.300 Läden in mehr als 400 Städten machen bereits mit. Händler und Verbraucher profitieren gleichermaßen – und es werden wieder ein paar Lebensmittel mehr vor der Tonne gerettet.

Autorinnen und Autoren: Juliane Zeisler, Kristin Hansen, Sebastian Splesnialy
Bearbeitung: Friedemann Zweynert

Stand: 25.07.2019 13:53 Uhr

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