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Der Immobilienkonzern Aroundtown

Eine Spurensuche in Zypern

PlayIn Luxemburg ist der Sitz von Aroundtown
Aroundtown und die Spur nach Zypern | Video verfügbar bis 18.09.2020 | Bild: Colourbox

Beim Heimspiel von Bundesliga-Aufsteiger Union Berlin sind die Fans euphorisch, doch einige hadern immer noch mit dem neuen Hauptsponsor Aroundtown, nach eigenen Angaben das größte börsennotierte Gewerbeimmobilienunternehmen in Deutschland.

Was ist Aroundtown?

Grafik: Aroundtown
Gewerbeimmobilienunternehmen Aroundtown | Bild: SWR

Dem Immobilienkonzern gehören vor allem Büros und Geschäftsimmobilien in deutschen Großstädten, in Berlin zum Beispiel hochpreisige Hotels in bester Lage. In Finanzberichten ist von hohen Dividenden die Rede. Allein aus Mieteinnahmen sollen es im vergangenen Jahr 633 Millionen Euro Einkünfte gewesen sein. Der Netto-Gewinn insgesamt: 1,8 Milliarden Euro. An Steuern und Sozialabgaben hat der Konzern 2018 nach eigenen Angaben in Deutschland über 100 Millionen Euro gezahlt. Wie passt das zusammen?

Wir schauen uns die Struktur des Konzerns genauer an, untersuchen öffentliche Quellen für hunderte von Objekten und stoßen auf einen wahren Dschungel an Gesellschaften, an Beteiligungen. In der Regel gehört jedes Objekt einer eigenen GmbH, die wiederum einer Gesellschaft auf Zypern. In Deutschland fällt eine Adresse auf, in der Berliner Wittestraße.

Vor Ort finden wir ein Gebäudeensemble. Rund 300 Gesellschaften, die zu Aroundtown gehören, sollen hier ihren Sitz haben.   

Struktur und Steuern

Wir ziehen einen renommierten Steueranwalt als Experten zu Rate. Johannes Fiala hat sich für uns das Firmengeflecht genauer angeschaut und sagt: "Es ist schwer zu durchdringen, schwer zu durchschauen. Und als normaler Beamter, der hier versucht loszulegen und dahinter zu blicken, dürfte es nahezu unmöglich sein. Zypern ist ein Eldorado für den Transport und das Investment mit und durch steuerneutrales Geld, Ich meine, schwierig für die Steuerbehörden."

Aroundtown betont auf Nachfrage, man betreibe keine Steuervermeidung. Man arbeite in Übereinstimmung mit geltenden Steuergesetzen.

Alles sei legal. Doch der ehemalige Steuerfahnder Frank Wehrheim aus Hessen sieht solche Konstruktionen kritisch: "Der Hauptgrund, den ich sehe, ist einfach der, am Ende mit möglichst geringen Steuerbelastungen immer reicher zu werden. Nach außen tritt jemand auf, einer für die Firma und wer wirklich dahintersteht, wem das Ganze gehört, der wird nicht genannt. Überall das Gleiche, dass die wirklich Begünstigten nicht erscheinen."

Aroundtown widerspricht: Man unterliege den strengen kapitalmarktrechtlichen Regulierungen, sei durch KPMG sowie die Ratingagentur S&P geprüft worden, verfüge über Vermögenswerte von mehr als 22,5 Milliarden Euro und sei vollständig transparent.

Laut Firmenprospekt hält der Konzern 2018 mehr als 16 Milliarden Euro in Immobilien, das Gros davon in Deutschland. Warum ist der Standort für ausländische Investoren so attraktiv?

Steuerreform soll Investoren anlocken

Rechtsanwalt Johannes Fiala erläutert: "Zunächst ist es legales Steuersparen. Ausländische Investoren werden privilegiert. Sie zahlen 15 Prozent Körperschaftssteuer auf ihren Gewinn. Das können Sie vergleichen mit der arbeitenden Bevölkerung. Wir zahlen bis zu 45 Prozent Einkommensteuer. Das ist die Gewinnsteuer für natürliche Personen. Also ein legales politisch gewolltes Steuervermeidungsmodell ist diese Konstruktion und damit äußerst interessant für ausländische Investoren."

Grafik: Senkung der Körperschaftssteuer
Senkung der Körperschaftssteuer sollte Investoren anlocken | Bild: SWR

Und das seit dem Beginn des neuen Jahrtausends, denn damals beschloss die Regierung Schröder eine Steuerreform, die ausländische Beteiligungen und Investitionen nach Deutschland locken sollte. Der ehemalige Bundesfinanzminister Hans Eichel, SPD, erklärte bei der Pressekonferenz im Dezember 1999: "Ein insgesamt sehr guter Standort muss auch im Steuerrecht ein guter Standort sein."

Die Körperschaftssteuer wurde schrittweise gesenkt. Seit 2008 beträgt sie nur noch 15 Prozent. Davon profitieren vor allem ausländische Konzerne.

Frank Wehrheim, ehemaliger Steuerfahnder, meint: "Ich glaube, dass sie bei einigen Dingen, die in dieser Zeit passiert sind, das waren ja Sozialdemokraten, bei einigen Dingen die Tragweite nicht erkannt haben, dass man auf der einen Seite etwas Positives wollte und auf der anderen Seite die Heuschrecken ins Land geholt hat, so kann man das durchaus sehen."

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung hat in einer Studie Immobilienkonzerne am Berliner Markt untersuchen lassen, darunter auch Grand City, an der auch Aroundtown Anteile hält. Zu Grand City heißt es in der Studie: "Die Struktur ist nach eigenen Angaben so aufgebaut, dass bei einem Verkauf der Immobilien keine Steuern auf die Wertsteigerungen anfallen und höchst wahrscheinlich auch die Grunderwerbssteuer vermieden werden kann."

Wir treffen einen der Autoren der Studie, der sich auch mit Aroundtown befasst. Christoph Trautvetter vom Netzwerk "Steuergerechtigkeit" erläutert: "Aroundtown, egal wo sie sitzen, muss theoretisch erst mal in Deutschland auf in Deutschland entstandene Immobiliengewinne Steuern zahlen. Auch wenn Aroundtown in Luxemburg sitzt, sind sie zunächst erst mal auf ihre Immobiliengewinne in Deutschland steuerpflichtig. Was sie aber machen können ist, sie können ihre Gewinne in Deutschland künstlich klein rechnen, die  Immobiliengewinne, indem sie Zinsen und Gebühren sich selbst in Rechnung stellen aus Luxemburg oder aus Zypern und damit eben dafür sorgen, dass die deutschen Gewinne möglichst klein sind und dann in Zypern oder in Luxemburg Gewinne entstehen, die nicht besteuert werden."

Der Konzern schildert seine Vorgehensweise in einer ausführlichen Stellungnahme über 14 Seiten so: "Unsere Vorgehensweise bei Immobilien, die wir in Deutschland erwerben, ist es, diese direkt mit einer deutschen GmbH zu kaufen. Diese deutschen Firmen befinden sich in der Regel im Besitz von zypriotischen Holdinggesellschaften." Dies sei Standard.

Spurensuche in Zypern

Wir sind in Zypern. Hier wurde Aroundtown 2004 gegründet und hier war auch bis vor zwei Jahren der Hauptsitz. Auf der Insel werden insgesamt Gelder verwaltet, die 300-Mal so viel betragen wie das Bruttosozialprodukt des Staates. In einem Gebäude in Larnaca haben auch Aroundtown-Gesellschaften noch immer ihren Sitz. Bei der Einsicht in Register stoßen wir nur auf Anwaltskanzleien. Wer wirklich dahinter steckt, bleibt meist verborgen.

Rechtsanwalt Johannes Fiala erläutert dazu: "Damit schotten sie natürlich den Investor ab und vor allen Dingen damit ersparen sie dem Investor die Frage, woher haben Sie dieses Geld?"

Warum sind solche Strukturen in der Europäischen Union überhaupt möglich? Der Europaabgeordnete und Finanzexperte der Grünen, Sven Giegold, bemängelt vor allem, dass es keine einheitliche Steuergesetzgebung in der EU gibt: "Wir haben einen Binnenmarkt in Europa ohne eine gemeinsame Steuergesetzgebung und bis heute ist es unmöglich sich zu einigen auf Mindeststeuersätze und gemeinsame Regeln, wo welche Einkünfte zu versteuern sind. Das ist das Grundproblem. Und wir brauchen eine Bundesregierung, die sich nicht länger ausbeuten lässt, steuerlich."

Lässt sich die Bundesregierung hier vorführen? Wir fragen nach und erfahren aus dem Bundesfinanzministerium: Man diskutiere den Vorgang bereits seit 2011 auf europäischer Ebene, habe sich jedoch nicht substanziell mit den Partnern einigen können.

Während die Politiker seit Jahren diskutieren, freut man sich bei Union Berlin erstmal über den Geldregen. Ein Fan erklärt: "Ist alles in Ordnung, so lange das Geld fließt. Das ist wichtig für eine Mannschaft."

Denn Geld schießt ja bekanntlich Tore. Und so stimmt das finanzielle Engagement von Aroundtown auch den ein oder anderen Fan versöhnlich.

Stand: 18.09.2019 22:47 Uhr

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