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Beatmungspatienten

Wie finanzielle Fehlanreize Patienten gefährden

PlayGrafik. Beatmungspatient
Beatmungspatienten – Fehlanreize gefährden Patienten | Bild: SWR

  • – Die Zahl der Beatmungspatienten in Deutschland steigt jährlich. Nach Meinung von Experten auch, weil die Beatmung von den Krankenkassen gut bezahlt wird.
  • – Beatmungspatienten müssen nach dem Krankenhausaufenthalt oft weiter beatmet werden, was für Pflegedienste sehr lukrativ sei.
  • – Derzeit gäbe es keinen Anreiz für die sinnvolle, aber aufwändige und wenig einbringende Entwöhnung von der Beatmung.

Benjamin D. war 26 als er gestorben ist, erstickt. Nach einem Sturz wird er mit mehreren Kopfverletzungen und einem Unterarmbruch ins Krankenhaus eingeliefert. Für die Behandlung wird er künstlich beatmet, über einen Luftröhrenschnitt. Doch der Schlauch, der ihn mit Sauerstoff versorgen soll, verrutscht. Er kann nicht sprechen, macht mit Zetteln darauf aufmerksam. "Ich krieg zu wenig Luft.", heißt es da. Warum reagieren die Ärzte nicht? Später stellt sich heraus: Benjamin hat über mehrere Stunden nicht richtig Luft bekommen und stirbt qualvoll.

Beatmung ohne Notwendigkeit?

Für Dr. Matthias Thöns, Arzt und Gutachter, ist klar: "Benjamin hätte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht diese tödliche Komplikation erlebt, wenn er nicht beatmet worden wäre."

Benjamins Mutter und Schwester berichten: "Der Arzt sagte ja, dass er womöglich schon 24 Stunden oder länger die Kanüle nicht richtig drin hatte, dass er nur 10 Prozent von der Luft bekommen hat, die er eigentlich bekommen müsste …" Dabei habe sie den Ärzten die Zettel gezeigt. Auf ihren Hinweis auf die Zettel, dass er keine Luft bekomme, habe der Arzt nur gesagt "ich weiß".

Dr. Matthias Thöns hat als Gutachter häufig solche Fälle auf dem Tisch. Er ist der Meinung, Benjamins Tod wäre vermeidbar gewesen: "Das wäre ja zu alldem gar nicht gekommen, wenn er nicht beatmet worden wäre und ich denke ja, die Beatmung war gar nicht nötig."

Patienten, die ohne Grund beatmet werden? Es klingt unglaublich, doch in seiner Kanzlei stößt Burkhardt Kirchhoff, der Rechtsanwalt der Familie, öfter auf Schicksale wie das von Benjamin D. Er berichtet: "Wir haben immer wieder mal Fälle, wo wir den Verdacht haben, dass es zu einer Übertherapie durch einen Luftröhrenschnitt oder durch eine Beatmung gekommen sein könnte."

Grafik: Patientenzahlen von 2005 bis 2015
Von 2005 bis 2015 sind Patientenzahlen in um 50% gestiegen | Bild: SWR

Für diesen Verdacht spricht auch die deutliche Zunahme von Beatmungen: Von 2005 bis 2015 ist die Zahl der langzeitbeatmeten Patienten in Krankenhäusern von rund 107.000 auf 155.000 gestiegen, eine Zunahme von fast 50 Prozent.

Die zuständige medizinische Fachgesellschaft DIGAB begründet das auch gern mit dem demografischen Wandel. Dr. Matthias Thöns hält das für ein vorgeschobenes Argument. Er glaubt, dass in manchen Kliniken Geld wichtiger ist als das Patientenwohl: "Meine persönliche Meinung ist, dass nichts so gut bezahlt wird wie Beatmung und deshalb nimmt die Zahl der Patienten und die Dauer der einzelnen Beatmungen dramatisch zu in den letzten Jahren."

Lukrative Vergütung für Beatmung

Durchschnittlich rund 12.000 Euro bekommt ein Krankenhaus von der Krankenkasse für jeden Beatmungspatienten auf einer Intensivstation, der länger als drei Tage künstlich beatmet wird. Auch die ambulante Pflege profitiert von der steigenden Zahl der Beatmungspatienten. Menschen, die im Krankenhaus nicht vom Beatmungsgerät getrennt werden können, müssen danach weiter versorgt werden, entweder zuhause, mit Hilfe eines Pflegedienstes, oder in einer so genannten Beatmungs-Wohngemeinschaft.

Monitor eines Beatmunsgeräts
Ist Beatmung wirklich immer notwendig? | Bild: SWR

Christoph Jaschke, Experte für Heimbeatmung, hat jahrelang selbst mehrere Beatmungs-Wohngemeinschaften betrieben. Inzwischen arbeitet er für einen der größten ambulanten Intensivpflegedienste. Er kritisiert, dass nicht überall eine gute Versorgung gewährleistet sei: "Der Unterschied zur normalen Pflege ist, dass sie es hier mit schwerkranken Menschen, die eben technisch abhängig von einem Beatmungsgerät sind, zu tun haben. Und dafür brauchen sie eine fachliche Qualifikation. Ich glaube nicht, dass in jeder Beatmungs-WG eine vernünftige Personalqualifikation vorhanden ist."

Für die ambulante Pflege schwerkranker Patienten zahlen Kranken- und Pflegekassen fünfstellige Beträge, rund 20.000 Euro pro Monat. Je länger ein Mensch so beatmet wird, desto mehr verdient der Pflegedienst.

Ein System, das die falschen Anreize setzt, findet Pflegeexperte Claus Fussek: "Da habe ich lang gebraucht, bis ich das erkennen musste, dass man tatsächlich Menschen an der Beatmung hält, weil sie dann finanziell lukrativer sind. Würde man die vom Atemgerät befreien, dann wäre die Pflege nicht mehr so intensiv, man könnte nicht mehr so viel an diesen Patienten verdienen."

Sind die Umsatzmöglichkeiten ein Grund für die drastisch angestiegenen Patientenzahlen im ambulanten Bereich? Wurden 2003 noch 500 Menschen ambulant beatmet, waren es 2015 bereits 15.000 Personen, schätzt die zuständige Fachgesellschaft, 3.000 Prozent mehr!

Kaum Kontrolle der Pflege

Das Problem: Wie die Patienten versorgt werden, wird in der Praxis kaum kontrolliert, kritisiert der Heimbeatmungsexperte Christoph Jaschke: "Eine Beatmungs-WG ist ein privater Wohnraum. Hier kann nicht jemand rein marschieren und sagen, ich guck mir jetzt mal an, wie ihr das hier macht, sondern die müssen sich anmelden. Wenn sich jemand anmeldet, habe ich natürlich als Dienstleister die Zeit, auf Deutsch gesagt, mal alles schön herzurichten."

Luftröhrenzugang für Beatmung
Ist der Eingriff in die Luftröhre so oft notwendig? | Bild: SWR

Pflegedienste, denen es nur ums Finanzielle geht, blieben so häufig unentdeckt. Christoph Jaschke ergänzt: "Wenn wir diesen Bereich kontrollieren wollen, dann müssen wir es per se immer unangemeldet machen. Ich muss also damit rechnen, dass jeden Tag jemand kommt und schaut, wie ich meinen Job hier mache."

Pflegeexperten wie Claus Fussek mahnen schon lange, dass die fehlenden Kontrollen gefährliche Folgen für die Patienten haben können:  "Wir wissen, dass hier in Wohngemeinschaften und auch in der häuslichen Pflege zunächst mal Überforderung herrscht und dass natürlich dort auch schlechte Pflege, gefährliche Pflege geleistet wird. Und natürlich muss dort unangemeldet kontrolliert werden. Und das ist in dem Fall Aufgabe des Gesetzgebers, der sagen muss: Hier ist Gefahr im Verzuge."

Wir fragen mehrfach beim Patientenbeauftragen der Bundesregierung nach: Warum sind keine unangemeldeten Kontrollen in Beatmungs-Wohngemeinschaften möglich? Eine Antwort bekommen wir nicht.

Entwöhnung lohnt kaum für Dienste

Kabir K. musste nach einem Unfall beatmet werden. Jetzt wird er vom Beatmungsgerät entwöhnt. Das wäre mit guter Pflege bei zwei Drittel aller Fälle möglich, meinen Experten. Pflegedienste haben von solch einer Entwöhnung jedoch kaum etwas, wie der Experte für Heimbeatmung, Christoph Jaschke, erklärt: "Das ist ein sehr aufwendiger Prozess, dauert viele Wochen oftmals, weil sie jetzt letztendlich erstmal jemanden erkennen müssen: Hat der überhaupt das Potenzial, von der Maschine wieder weg zu kommen? Und dann müssen sie sich die Zeit nehmen quasi am Bett zu stehen und zu gucken: Okay, ich mach ihn mal ab, dann schau ich mal, wie er reagiert. Das ist eine sehr personalaufwändige Geschichte. Für mich gibt es keinen finanziellen Anreiz, jemanden zu entwöhnen, weil ich nicht mehr Geld oder weniger Geld bekomme, je nachdem was ist tue."

Solange man keine finanziellen Anreize für eine Entwöhnung schafft, wird die Zahl der Beatmungspatienten wohl auch künftig weiter steigen.

Experten wie der Anästhesist und Gutachter Dr. Matthias Thöns fordern schon lange, dass eigentlich mehr Geld für erfolgreiche Entwöhnung und weniger Geld für Langzeitbeatmungen gezahlt werden müsse: "Wir müssen dazu übergehen, dass wir gute Medizin, die Menschen wieder in ihre Selbständigkeit bringt, belohnen und schlechte Medizin, die Patienten in so eine chronische Abhängigkeit von Beatmungsgeräten bringt, eben nicht belohnen."

Die Familie von Benjamin D. stellt sich die Frage: Wäre Benjamin ohne finanzielle Anreize überhaupt beatmet worden? Diesen Vorwurf weist die Klinik uns gegenüber zurück. Warum Benjamin D. sterben musste, will seine Familie auf jeden Fall klären lassen.

Stand: 31.07.2018 12:37 Uhr

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