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Spritpreise auf Rekordhoch

Wie die Energiekosten die Inflation treiben

PlayGrafik: Hohe Kraftstoffpreise an Tankstellen
Spritpreise auf Rekordhoch | Video verfügbar bis 15.11.2019 | Bild: SWR

– Die Krafstoffpreise steigen aktuell immer weiter, trotz sinkender Rohölpreise.
– Laut Mineralölindustrie soll der niedrige Rheinpegel schuld sein.
– Experten rechnen auch nach einem Pegelanstieg mit hohen Preisen wegen der Ölpolitik den USA und weltweiter Krisen.
– Die hohen Energie- und Kraftstoffkosten treiben auch die Inflation nach oben.

Oliver H. arbeitet als Lackierer in der Automobilindustrie. 60 Kilometer muss er zu seinem Arbeitsplatz fahren. Für ihn ist das Auto dabei die einzig sinnvolle Möglichkeit, da er mit öffentlichen Verkehrsmitteln jeweils zwei Stunden unterwegs ist und vier Mal umsteigen müsste. Doch der Weg zur Arbeit wird für ihn immer teurer. 105 Euro zahlt er aktuell für eine Tankfüllung. Das sind satte 17 Euro mehr als noch vor ein paar Wochen. Im Monat kommt er auf rund 60 Euro mehr, also 720 Euro im Jahr. Das müsse man erst mal verdienen, meint er.

Berufspendler im Süden besonders betroffen

So wie Oliver H. pendeln fast 70 Prozent aller Arbeitnehmer mit dem Auto zum Job. Oft weil sie in strukturarmen Gebieten wohnen, in denen die öffentlichen Verkehrsnetze schlecht ausgebaut sind. Pendler sind durch die hohen Benzinpreise zurzeit besonders betroffen und Autofahrer im Süden stärker als im Norden.

Kostet ein Liter Super E10 in Bremen momentan 1,43 Euro, ist der Preis in Düsseldorf mit 1,51 Euro schon deutlich höher. Und je weiter man in den Süden der Republik schaut, umso teurer wird es für Autofahrer. Spitzenreiter sind unter anderem Stuttgart und München mit 1,56 Euro.

Grafik: Benzinpreise in Deutschland
Die Preise steigen von Nord nach Süd | Bild: SWR

Dabei sind die Rohöl-Preise seit Anfang Oktober kräftig gefallen. Wieso sind dann die Benzinpreise so hoch?

Die Mineralölkonzerne begründen den Preisanstieg mit dem Niedrigwasser in den Flüssen. Der Kraftstoff-Transport muss vom Schiff teuer auf die Straße verlegt werden. Und die Preissituation könnte noch schlimmer sein, wie Alexander von Gersdorff, Pressesprecher des Mineralölwirtschaftsverbands erklärt: "Der niedrige Ölpreis hilft schon und hat verhindert, dass die Preise jetzt noch höher gestiegen sind. Richtig ist, die Lage entspannt sich erst wenn, wir am Rhein einen höheren Wasserstand haben. Dafür muss es regnen. So lange das nicht der Fall ist, wird diese Engpasssituation anhalten."

Werden die Preise wieder fallen?

Luftbild vom Rhein mit Niedrigwasser
Ist nur das Niedrigwasser an den Preisen schuld? | Bild: SWR

Doch Experten bezweifeln, dass die hohen Treibstoffpreise wirklich passé sind, wenn die Flüsse wieder genug Wasser führen. Ein Grund: Die OPEC plant, die Ölfördermenge weiter zu kürzen.
Ein anderer: Die USA haben gegen den Iran Sanktionen verhängt. Von dort wird daher kaum noch Öl exportiert.

Prof. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erläutert: "Wir haben sehr große geopolitische Unsicherheiten. Ausgelöst dadurch, dass gerade die US-Amerikaner einen fossilen Energiekrieg anzetteln, mit wesentlichen ölproduzierenden Ländern, insbesondere Iran. Die Amerikaner sind daran interessiert, hohe Ölpreise zu generieren. Das versuchen sie und vor dem Hintergrund kann man schon fast damit rechnen, dass der Ölpreis steigen soll. Denn genau das ist ja auch der Wunsch der amerikanischen Politik."

Auswirkungen auf Inflation

Die hohen Benzinpreise ziehen weitere Effekte nach sich. Mittlerweile haben sie sich auf die Inflationsrate ausgewirkt. Seit Januar ist die stark gestiegen und liegt mittlerweile bei 2,5 Prozent.

Grafik: Steigende Inflationsrate
Die Inflation steigt wie schon lange nicht mehr | Bild: SWR

Berechnet wird die Inflationsrate mit Hilfe eines so genannten Warenkorbs, der vom Statistischen Bundesamt vorgegeben ist. Er beinhaltet gängige Dienstleistungen wie Handwerkerarbeiten, dazu Produkte, wie etwa Lebensmittel und Drogerieartikel. Während sich die Dienstleistungen seit Oktober nur um 1,8 Prozentpunkte verteuert haben, kosten die Waren 3,2 Prozentpunkte mehr. Größter Preistreiber: Die Energie mit 8,9 Prozent. Dazu gehören Sprit und Heizöl.

Finanzwissenschaftler gehen davon aus, dass die Inflation noch stärker steigen könnte. Denn wenn der Benzinpreis weiterhin so hoch bleibt, wird er sich mittelfristig auch auf die Preise anderer Produkte auswirken.

Prof. Dr. Hans-Peter Burghof vom Lehrstuhl für Bankwirtschaft der Universität Hohenheim erklärt: "Weil Benzin und Erdöl in ganz vielen Produkten drin ist, direkt oder indirekt. Das wird verarbeitet. Aber auch Leute, die zum Beispiel Dienstleistungen anbieten, der Handwerker, der irgendwo hinfährt, der muss das Benzin dafür bezahlen, in der Produktion gibt es heute so genannte Wertschöpfungsketten, wo ganz viele Produkte hin und her gefahren werden. All das kostet natürlich mehr und wenn der Preis oben bleibt, muss man natürlich auch den Preis dieser Produkte und Dienstleistungen anpassen."

In dem Fall würde die Inflationsrate noch höher steigen, Geld noch mehr an Realwert verlieren. Eine Entwicklung, die Ökonomen wie Prof. Clemens Fuest, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung (ifo-Institut), mittlerweile mit Sorge betrachten: "Für den Bürger bedeutet eine Inflation über zwei Prozent, dass das eigene Geld nicht mehr so weit reicht. Lohnerhöhungen führen nicht dazu, dass man real mehr kaufen kann und wenn die Inflation sehr weit ansteigt, dann kommt auch Unsicherheit dazu. Das heißt, man weiß nicht so genau, was kann man sich in Zukunft leisten."

Realer Geldverlust

Gleichzeitig bekommen Sparer wie Oliver H. schon lange keine Zinsen mehr für ihr Geld. Er hatte 18.000 Euro über Jahre hinweg angespart. Im vergangenen Jahr hat er sich dafür einen Gebrauchtwagen gekauft: "Weil ich auf dem Sparbuch so oder so keine Zinsen kriege und deswegen habe ich mir das schöne Auto gekauft und dann kann ich bequem ins Geschäft fahren."

Keine Sparzinsen bei gleichzeitiger Inflation: Zur Zeit schmilzt das Geld der Deutschen dahin. Und nicht nur der Deutschen: Im gesamten Euroraum lag die Inflationsrate im Oktober bei 2,2 Prozent. Zeit für die Europäische Zentralbank, zu reagieren und schneller von der Nullzinspolitik abzuweichen? Das fordern inzwischen viele Wirtschaftsexperten, wie Prof. Clemens Fuest, Präsident des ifo-Instituts: "Wenn die Inflationsrate jetzt dauerhaft über 2 Prozent liegt im gesamten Euroraum, dann muss die EZB bald die Zinsen erhöhen, nicht erst 2019, wie oft erwartet wird."

Steigende Zinsen für Anleger könnten die Inflationsrate ausgleichen und verhindern, dass ihr Geldvermögen schmilzt. Doch die EZB steckt in einem Dilemma. Viele Länder in Europa sind hoch verschuldet. Steigende Zinsen würden bedeuten, dass sie ihre Staatsschulden nicht mehr zahlen könnten. Besonders prekär ist die Lage in Italien, wie

Prof. Hans-Peter Burghof, Finanzwissenschaftler an der Universität Hohenheim, erläutert: "Die Niedrigzinspolitik der EZB hat die Auswirkung, dass Italien seine Schulden bezahlen kann und das ist der Grund, warum viele Politiker sagen, die EZB kann gar nicht hoch mit den Zinsen, selbst wenn die Inflation noch weiter nach oben geht. Das ist natürlich eine ganz gefährliche Politik, weil dann macht die EZB tatsächlich Staatschuldenpolitik. Im Grunde unterstützt sie Italien bei der Bedienung der Staatsschulden und derjenige, der das bezahlt, ist der deutsche Sparer."

Sparer wie Oliver H. sind in diesem komplizierten System die schwächsten Glieder in der Kette. Nullzinsen, höhere Inflationsrate, höhere Benzinpreise, all das führt dazu, dass er immer weniger Geld in der Tasche hat. Bei ihm hat sich längst Resignation breit gemacht.

Stand: 15.11.2018 09:15 Uhr

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