SENDETERMIN Mi., 25.03.20 | 22:05 Uhr | Das Erste

Wettlauf um Corona Impfstoff

Wer finanziert die Forschung?

PlayGrafik: Impfstoffentwicklung
Wettlauf um Corona Impfstoff | Video verfügbar bis 25.03.2021 | Bild: SWR

  • - Weltweit wird nach einem Corona-Impfstoff geforscht, der gewaltige Umsätze verspricht.
  • - Neue Bio-Technologien und Forschungen werden mit öffentlichen Geldern gefördert.
  • - Die Vermarktung der Wirk- und Impfstoffe und die Gewinne daraus verbleiben jedoch bei den Unternehmen.

Jeder will der Erste sein, um mit dem Impfstoff gegen das neuartige Corona-Virus Leben zu retten, aber auch kräftig zu verdienen. Experten rechnen mit Jahresumsätzen in Milliardenhöhe.

Entwickelt werden die Impfstoffe zum Teil mit öffentlichen Geldern, der Profit aber bleibt allein den Unternehmen. Die Firmen können sich exklusive Rechte an einem solchen Impfstoff sichern und durch Patentmonopole den Preis frei bestimmen.

Deutsche Firmen sind dabei

Arbeit im Labor
Neue Technologien sollen Durchbruch bringen | Bild: SWR

Der Wettlauf um den Corona-Impfstoff ist in vollem Gange und zwei Biotechnologie-Firmen aus Deutschland sind ganz vorn mit dabei: CureVac aus Tübingen und Biontech aus Mainz. Beide forschen an der neuartigen mRNA-Technologie. In diese genbasierte Technologie setzen Vertreter der Arzneimittelbranche wie Dr. Rolf Hömke vom Verband forschender Arzneimittelhersteller große Hoffnungen: "Bisher gibt es noch keinen genbasierten Impfstoff gegen irgendeine Krankheit, der schon zugelassen wäre. Diese Art, Impfstoffe zu machen, hat aber die Chance, besonders schnell durchführbar zu sein. Und auch die Chance, dass man nachher besonders schnell sehr viele Impfstoffeinheiten produzieren kann."

Die Kernidee dahinter: der Impfstoff enthält nicht das Corona-Antigen selbst, sondern liefert dem Körper nur eine Art Bauanleitung, so dass er den Schutz gegen das Virus selbst herstellt.

Seit rund 20 Jahren wird an dieser neuen Technologie geforscht. Dafür sind Millionen an öffentlichen Fördergeldern und privaten Investitionen geflossen, weiß Experte Mario Linimeier von der Medical Strategy GmbH. Er ist Molekularbiologe und Wirtschaftswissenschaftler, analysiert Biotechnologiefirmen weltweit. Die Entwicklung von Impfstoffen sei hochriskant: "Ein Wirkstoffkandidat beziehungsweise Impfstoffkandidat kann in der klinischen Prüfung jederzeit scheitern, mangels Wirksamkeit oder auf Grund von Sicherheitsproblemen. Das heißt, die Arzneimittelforschung ist mit großen Entwicklungs- und auch finanziellen Risiken behaftet."

Forschungsgelder und politische Interessen

Deshalb sind die Hersteller auch auf öffentliche Forschungsgelder angewiesen, verteilt durch die internationale Impfstoffallianz Cepi. Diese Organisation erhält Gelder vor allem von Regierungen. Zur Bekämpfung der Corona-Epidemie hat allein die deutsche Bundesregierung 140 Millionen Euro zusätzlich gegeben.

Grafik:  Finanzierung der Forschung
CEPI finanziert Unternehmen mit öffentlichen Fördergeldern | Bild: SWR

Über CEPI sind auch Gelder an die Tübinger Firma CureVac geflossen, insgesamt mehr als 42 Millionen US-Dollar, an jene Firma, die vor einigen Tagen in die Schlagzeilen geriet. Denn es gab Berichte, nach denen US-Präsident Donald Trump einen hohen Betrag geboten haben soll, um die Arbeit von CureVac exklusiv für die USA zu sichern. Während die US-Botschaft, ebenso wie CureVac, dementierten, bestätigten mehrere deutsche Politiker, dass es seitens der USA Interesse an der Firma gegeben habe.

Wären Exklusiv-Verträge für Impfstoffe trotz Millionenförderung mit öffentlichen CEPI-Geldern überhaupt möglich?

Laborarbeit mit aufwändigem Schutz
Die Forschungsarbeit ist aufwändig und teuer | Bild: SWR

Der leitende Geschäftsführer von CureVac, Franz-Werner Haas, erläutert, welche Bedingungen in Bezug auf einen späteren Verkauf des Impfstoffs an die öffentlichen Gelder von CEPI gebunden sind: "Bei dieser Kooperation mit CEPI geht es erstmal darum, schnellstmöglich einen Impfstoff zu entwickeln, in den Menschen zu bringen, eine klinische Entwicklung zu bringen, das ist der Hauptfokus des Gesamten. Die kommerzielle Seite dieser Impfstoff-Entwicklung ist erstmal sekundär. Natürlich ist es klar, dass bei solchen geförderten Projekten auch eine breite Anwendung, eine günstige Anwendung, eine schnelle Anwendung eines entwickelten Impfstoffs im Vordergrund steht, in der zweiten Runde. Erst mal geht es um die Entwicklung eines solchen Impfstoffs."

In dieser Zusammenarbeit ist die kommerzielle Seite jedoch nicht vertraglich an die Bedingungen der Förderung gebunden.

Öffentliche Gelder sind kaum an Bedingungen geknüpft

Die wichtige Entwicklung von Impfstoffen wird öffentlich gefördert - die Vermarktung bleibt dann aber beim Unternehmen. Ein Umstand, den die Organisation Ärzte ohne Grenzen seit Jahren kritisiert, wie Marco Alves, von Ärzte ohne Grenzen erläutert: "CEPI hatte am Anfang sehr, sehr strikte Zugangsbestimmungen, Access Policies, die Bedingungen geknüpft haben an die Vergabe der Fördergelder von CEPI. Wir haben gehört, dass die Industrie bemängelt hat, dass es sie zu sehr einengt. Daraufhin wurden diese Zugangsbestimmungen gelockert, also Zugangsbestimmungen, die eigentlich sicherstellen, dass geistige Eigentumsrechte bei CEPI bleiben, dass ein absolut bezahlbarer, für alle bezahlbarer Impfstoff zum Schluss rauskommt und dass der für alle zugänglich ist. Und dies sehen wir jetzt verwässert."

Weitere finanzielle Unterstützung soll die Firma CureVac nun von der EU bekommen. Die Kommission unter Führung von Ursula von der Leyen will für einen Kredit in Höhe von 80 Millionen Euro bürgen. Ob es für dieses Geld klare Bedingungen für eine spätere Vermarktung oder Bepreisung des Impfstoffs gibt, beantwortet die EU-Kommission "Plusminus" nicht.

Arbeit im Labor mit Schutzanzug
Weltweit wird an einem Impfstoff geforscht | Bild: SWR

Marco Alves erläutert weiter: "So wie das Innovationssystem heutzutage funktioniert, ist es tatsächlich so, dass Menschen eigentlich doppelt und dreifach bezahlen. Zuerst die Grundlagenforschung, die durch die öffentliche Hand finanziert wird, an Universitäten, öffentlichen Forschungseinrichtungen, dann das zweite Mal durch einen oft oder manchmal horrenden Preis. Tatsächlich, der genommen wird für ein Medikament, der sehr häufig auch nichts mit den tatsächlichen Forschungs- und Entwicklungskosten zu tun hat."

Hoffnung liegt auf neuer Technologie

Ob CureVac das Rennen um den Corona-Impfstoff am Ende gewinnt, ist völlig offen. Die klinischen Studien sollen erst im Frühsommer starten.

Die andere deutsche Firma Biontech aus Mainz will damit schon im April beginnen. Und ein amerikanischer Konkurrent hat seinen mRNA-Impfstoff bereits ersten Patienten testweise verabreicht.

Klar ist: Sollte ein wirksamer Impfstoff auf Basis der mRNA-Technologie erfolgreich sein, werden alle drei Firmen ordentlich profitieren. Denn dann wäre bewiesen, dass die neuartige Technologie überhaupt funktioniert.

Mario Linimeier von der Medical Strategy GmbH erläutert dazu: "Sollte erfolgreich ein mRNA basiertes Produkt auf den Markt kommen, dann könnte das den Türöffner darstellen für eine Flut an mRNA-basierten Impfstoffen beziehungsweise Wirkstoffen. Und das eröffnet sehr große Umsatzchancen."

Und so könnte die öffentliche Förderung am Ende zu Milliardengewinnen für Unternehmen führen, denn den Verkaufspreis für die neuartigen Impfstoffe oder Medikamente können die Biotech-Unternehmen frei festlegen.

Anmerkung der Redaktion:

Auf Grund der aktuellen Situation war es für uns nicht möglich, in den Laboren von Biontech zu drehen. Das Unternehmen hat uns jedoch eigenes Material für den Filmbeitrag zur Verfügung gestellt (©BioNTech 2020).

Stand: 26.03.2020 11:32 Uhr

6 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

Mi., 25.03.20 | 22:05 Uhr
Das Erste

Produktion

Südwestrundfunk
für
DasErste